Schon bei der Ankunft tropfte der Schweiss von den Nasenspitzen. Das Thermometer zeigte 25 Grad, als sich an diesem Morgen 74 Leserwanderinnen und Leserwanderer im 591-Seelendorf Fehren besammelten. Hut und Wasser mussten her, dann konnte es losgehen: elf Kilometer durchs Solothurner Schwarzbubenland, an einem der heissesten Tage des Jahres.

Vom Güggelhof zur Maria im Hag

Die drei Herren Wanderleiter motivierten geschickt: Nach jedem Aufstieg gabs für die schwitzende Wanderschar eine unterhaltsame Pause als Belohnung. Beim Güggelhof etwa erzählte Werner Hänggi, ehemaliger Gemeindepräsident von Meltingen, die Sage der «Maria im Hag». Meltingen ist nämlich nicht nur ein Kurort (wegen des mineralisierten Wassers), sondern auch ein Pilgerort. Im 14. Jahrhundert soll in einem Holunderstrauch ein von einem Schleier bedecktes Marienbild gefunden worden sein. Die gläubigen Meltinger bauten eine Kapelle drumherum, zu der noch heute (an vermutlich kühleren Tagen) gepilgert wird.

Die Geschichte der «Maria im Hag»

Etwa 40 Meter über dem Dorf steht die Wallfahrtskirche «Maria im Hag». Die Bezeichnung «Im Hag» weist auf die Legende hin, die erzählt, dass die Frau des Ritters Hans Imer von Gilgenberg auf einem Spaziergang wegen eines Windstosses ihren kostbaren Schleier, den sie um den Kopf gehüllt hatte, verlor.

Vergeblich wurde während Wochen danach gesucht. Erst nach einem Jahr ist man fündig geworden; der Schleier bedeckte in einem Holunderstrauch ein Marienbild. Agatha, so hiess die Frau, begriff diesen Fingerzeig als Vorsehung und liess an jener Stelle ein Gotteshaus bauen. Dort steht seit dieser Zeit auf dem rechten Seitenaltar diese Madonna, welche ehemals geraubt, wie durch ein Wunder auf diese »Weise aufgefunden wurde. Wer die Pfarrkirche – die unter Denkmalschutz steht – betritt, wird zum Kunstfreund.

Das Gnadenbild aus dem 14. Jh. die Glasgemälde des Ritters von Gilgenberg mit seiner Gattin sowie dasjenige der beiden heiligen Frauen Katharina und Agatha, die kostbare Pietà aus dem Jahre 1540 und die Johannesstatue von 1440, sind sehenswert.

«Alles isch feisteri Nacht gsi»

Die nächste Pause gabs auf der Portiflue. «Wätterwolche si ufzoge wie Unghüür und hei alles überdeckt. Jetzt gids en einzige, mörderliche Blitz und Donnerschlag und die ganze Aerde het bebbt und zringsedum isch alles feisteri Nacht gsi.» In etwa so soll es sich zugetragen haben, als der «Chlack», also der Spalt, im Felsen der Portiflue entstand. Der Teufel schlechthin soll verhindert haben, dass ein Graf hier seine Burg bauen konnte. Wanderleiter Nummer zwei, der Solothurner Nationalrat Christian Imark, erzählte die Sage auf der vordersten Spitze des Felsens, die Wanderschar (im Schatten) lauschte gespannt – dankbar, etwas Wasser trinken zu können.

Zirka 300 Grad Rundumblick von der Portiflue

Diese Aussicht auf das Schwarzbubenland mit Fehren, dem Heimatdorf von Nationalrat Christian Imark beweist: Hier ist die Welt noch in Ordnung. 

Sage vom «Chlack i der Portiflue»

I uralte Zyte hed s’Gilgebärgerland eme steiryche Graf ghöört wo wyt ewägg gwohnt het. Woner wieder einisch do ane gritte isch, het im die höchi Portifluh milione guet gfalle. Do obe wot i my Burg baue! Dr Tross wo mitgritte isch het em abgroote. Wie wot me d’Baustei und Holzbalke uf dä Gipfel ufe fergge? Das Abmahne het aber nüt gnützt. „ und wenn dr Teufel uf Stälze chunnt, die Burg wird baut.“ No am glyche Dag isch er uf d’Portifluh gritte. Si Schimmel het bockt, drum heter ihn zrugg gloh und isch mit sinne Trabante ufe klädered.

Dobe wo er het welle usruhe, isch plötzlich e grasgrüeni Gstalt vor ihm stange und foot a rede: „Was hesch du do nuf mym Grund z’sueche ? Kei Hand söll do e Stei ufe angere byge“. Dr Graf het nüd chönne säge, die grüeni Gstalt isch wieder verschwunde gsy. Sini Diener sy totblech gsi.. Aer het afo lache:“das wer mer no wenn ig uf mym Grund kei Burg dörf baue. Es nimmt mi wunger wär do z befähle hed? Mit däm Gruene nimmis uff!“ Si si wider vo dr Fluh obabe cho und hei z‘Zubel Nachtquertier gno. Dr Graf het immer a sy nöji Burg uf dr Portifluh dänkt. Alli Lüt im Gilgebärgerland hei vo däm Bau uf dr Portifluh ghört und hei voll Bange ufe gluegt. Dr Graf isch eleini nonemol ufe ghstiege und nochedänkt wie die Burg gross und prächtig söll si...

Dr heiteri Himmel hed si afo überzie. Es isch grau worde und immer wie dünkler. Wätterwolche si ufzoge wie Unghüür und hei alles überdeckt. Jetzt gids en einzige, mörderliche Blitz und Donnerschlag und die ganze Aerde het bebbt und zringsedum isch alles feisteri Nacht gsi. D’Lüt hei sich in d‘Hüsli verschlofe und gseit: „Das isch dr Wältungergang“.Am angere Dag wo d’Lüt wieder us de Hüsli si go luege, isch die stolze Portifluh no halb so höch gsi wie vorhär, und vo zoberst bis zungerscht isch e tiefe Chlack gsi. Aber wo isch dr Graf bliebe? Mit de Trabante vom Graf si e baar muetigi Manne vo Zubel, Mältige und Nunnige dr Graf go sueche. Si si drei Dag uf dr Fluh umklädered, aber dr Graf isch spurlos verschwunde gsi.

Dass diese «Wätterwolche» dann tatsächlich auch aufzogen, damit hatte niemand gerechnet. Nass (und abgekühlt) und nach steilem Abstieg durch die romantischen Ibach-Fälle kam der Apéro beim Schlossrank unter der grossen Buche gerade recht. Bier, Wein und Wasser, spendiert von Christian Imark, machten alles wieder gut. Wanderleiter Nummer drei, Walter Stebler, empfing drei Männer in origineller Mittelalterkluft. Man war verpflegt und unterhalten. Perfekt!

Ah ja: Das Zmittag verbrachten wir im Berggasthof Meltingerberg, bei Bratwurst, Kartoffelsalat und «suurem Moscht». So funktioniert Wandern auch an einem der heissesten Tage tipptopp.

Das war die 12. Etappe

  • Angekommen Die Versuchung war gross, die Verspätung der beiden Hauptpersonen Maria Brehmer und Tabea Riesen mit einem politisch nicht ganz korrekten Spruch anzukündigen und zu begründen (sie wussten nicht was anziehen, Frauen und Orientierung). Die Lacher wären sicher gewesen. Tatsächlich aber war der Passwang gesperrt, und die beiden az-Frauen mussten einen Umweg fahren.
  • Aufgespürt Früher habe sie es gehasst, im Wald nach Pilzen zu suchen, meinte die Himmelriederin Alice Antony. Dass sie aber mit einem Pilzkontrolleur verheiratet ist, verpflichtet. Und so gelang es ihr, schon kurz nach Beginn der Wanderung zwei imposante Riesenschirmlinge zu finden. Einen Tipp, wie man den Pilz aus der Familie der Champignonverwandten am besten zubereitet, hatte sie auch gleich parat: In Ei und Paniermehl wenden und anschliessend anbraten. Fertig ist das Pilz-Schnitzel.
  • Nostalgie und Lacher Der frühere Gemeindepräsident von Meltingen, Werner Hänggi, war einer der Wanderleiter. Bei einer Waldlichtung ob seinem Wohnort machte die Wandergruppe halt und lauschte den Worten Hänggis. Dieser schaute mit Ehrfurcht herab auf «sein» Dorf, erzählte über die Kirche, die glorreichen Zeiten des einstigen Kurorts und die vor Jahren stillgelegte Mineralquelle. Und konnte sich nicht verkneifen, dass man in letzter Zeit viel in Zeitungen lesen konnte, «was in Meltingen politisch läuft oder eben nicht läuft». Die Lacher waren Werner Hänggi gewiss.
  • Abzweigung Kurz vor der Portiflue hat sich ein Spassvogel ausgetobt. Auf einem Baumstamm steht geschrieben, dass nur Raucher Zugang zum beliebten Aussichtspunkt oberhalb von Zullwil hätten. Alle Nichtraucher seien angewiesen, sofort umzukehren. Die fast vollständig nikotinfreien Leserwanderer waren einige Minuten froh, sich nicht an die Anweisung gehalten zu haben. Der Blick über das Schwarzbubenland war einfach grossartig. (rwu/stz/hof)

Weitere Informationen

Mehr Fotos, Videos und Anekdoten finden Sie übrigens auf unserem Leserwandern-Blog.

Auf der kommenden 13. Etappe am Freitag, 4. August, gehts hoch über Aarau. Wir laufen von der Staffelegg auf die Barmelweid, wo uns ein Blick in die Sterne erwartet. Alle Infos gibts hier. 

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