Ein Fünfjähriger aus Laufen BL wird zu einem Fall für die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), weil ein Nachbar Alarm schlägt. In Akten der Kesb Laufental heisst es, der Junge sei mit einem Gleichaltrigen im Zimmer erwischt worden: «mit heruntergelassenen Hosen und erigiertem Penis, beim Versuch, den anderen Buben zu penetrieren». Zudem habe er geprahlt, einem Mädchen beim Doktorspiel zwischen die Beine gefasst zu haben. Dies berichtete der «SonntagsBlick».

Die Kesb suchte nicht das Gespräch mit den Eltern, sondern schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Sechs Polizisten führten eine Hausdurchsuchung durch. Sie fanden nichts. Die Kesb liess sich dadurch nicht beruhigen. Die Kinderschützer glauben weiterhin, dass etwas ganz Schlimmes vor sich gehe. Die Theorie der Kesb: Die Familie des Fünfjährigen könnte Teil eines Pornorings sein.

Strafrechtler Martin Killias sagt auf Anfrage: «Befremdlich ist, dass die Kesb sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und eine Hausdurchsuchung beantragt hat.» Dafür brauche es einen konkreten Tatverdacht. «Wenn sich ein Kind daneben verhält, heisst das noch lange nicht, dass es zu Hause missbraucht wird.» Immerhin habe die Staatsanwaltschaft dies offensichtlich richtig erkannt und von Zwangsmassnahmen abgesehen.

Der Aargauer Strafrechtsprofessor Martin Killias.

Der Aargauer Strafrechtsprofessor Martin Killias.

Fast 300 verdächtige Kinder

Dass unter 10-Jährige ins Visier der Polizei geraten, ist selten. Gemäss der Kriminalstatistik verdächtigte die Polizei im vergangenen Jahr sieben Kinder in diesem Alter, ein Sexualdelikt begangen zu haben. Diese Anschuldigung bleibt folgenlos, da Kinder erst ab dem 10. Geburtstag strafmündig sind.

In der Alterskategorie der 10- bis 14-Jährigen vermutet die Polizei jedoch bereits erstaunlich viele Sexualstraftäter. 2016 beschuldigte sie 294 Kinder unter 15, ein Sexualdelikt begangen zu haben. Das sind dreissig Prozent mehr als vor acht Jahren. Mädchen sind kaum betroffen. Bei vier von fünf Verdächtigen handelt es sich um Buben.

Den Höhepunkt registriert die Statistik im Jahr 2014. Seither gehen die Zahlen leicht zurück. Während die allgemeine Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren massiv abgenommen hat, fallen die Fortschritte bei den Sexualdelikten bescheiden aus.

Internationaler Trend

Auch in anderen Ländern sind die Anzeigen gegen Kinder wegen Sexualdelikten auf einem höheren Level als früher. In Deutschland wurden 2016 doppelt so viele Kinder wie im Jahr 2000 wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. In England sind sexuelle Übergriffe von Kindern auf andere Kinder gemäss einer Studie seit 2013 um fast 80 Prozent angestiegen.

Ein Grund für den Anstieg in der Schweiz ist eine zunehmende Anzahl an Strafverfahren wegen Internet-Pornografie. Experten rätseln über weitere Gründe. Reagieren die Kinder auf ihre sexualisierte Umgebung und werden dadurch enthemmt und gewalttätig? Oder sind vielmehr Eltern das Problem, die sofort die Polizei alarmieren, wenn sie ein Doktorspiel in Nachbars Garten beobachten?

Psychologe Andrej König hat das Thema für die deutsche Regierung untersucht. Gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagte er: «Je sensibler die Gesellschaft wird für solch ein Thema, desto mehr wir es auch angezeigt.» Womöglich würden zunehmend auch Fälle gemeldet, die gar keine seien.

Kesb erhält Sexualkundeunterricht

Aus Sicht der Laufner Kindergartenlehrerinnen geht die Kesb seit über einem Jahr einem Fehlalarm nach. Sie haben der Behörde einen Brief geschrieben, welcher der «Schweiz am Wochenende» vorliegt. Der Fünfjährige zeige einen für sein Alter absolut normalen Entwicklungsstand. Seine Sozialkompetenz sei ausgesprochen gut: Der Junge sei hilfsbereit und freundlich. Er könne sich im Spiel anpassen, aber auch mal durchsetzen. Der Bub sei beliebt, habe viele Freunde und sei emotional ausgeglichen. Auch der Umgang mit den Eltern sei absolut problemlos und freundlich. Im Brief an die Kesb steht zudem: «Uns Kindergärtnerinnen ist die Anschuldigung der Kindeswohlgefährdung unverständlich, und wir hoffen, mit unseren Angaben zur Klärung beizutragen.»

Für die Kesb ist die Gefahr nicht gebannt. Sie will ein psychiatrisches Gutachten erstellen lassen. Die fallführende Kesb-Frau liess sich bei einer Kinderärztin über die Sexualität von Fünfjährigen aufklären. Gemäss einer Aktennotiz fragte sie: «Ist eine Penetration in diesem Alter überhaupt möglich?» Als Antwort notierte sie, dies sei vermutlich möglich, da schon Kleinkinder Orgasmen haben könnten. Die Frauen kommen zum Schluss: Mit diesem Bub stimmt etwas nicht.