Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP) lieferte wenige Stunden nach dem Bergsturz bei Bondo GR eine Erklärung für die Katastrophe. Schuld sei der Klimawandel. Sie sprach eine Warnung in die Fernsehkameras: «Auch wenn einige das immer noch nicht glauben. Es wird weitergehen mit solchen Zwischenfällen.» Und: «Wir werden uns einstellen müssen auf diese Extremereignisse.»

Leuthards Aussage wird von Geologen bestritten. Der Klimawandel erhöht die Gefahr nur in Bergregionen, die höher als 2500 Meter über Meer liegen. Dort sorgt die Erwärmung dafür, dass das normalerweise dauerhaft gefrorene Gestein, der Permafrost, auftaut. Untersuchungen des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zeigen, dass sich als direkte Folge davon kleinere Felsstürze lösen können. Davon sind Bergsteiger und Kletterer betroffen, aber keine Dörfer, da es in Permafrostgebieten keine Siedlungen gibt.

Von Bergstürzen wie am Piz Cengalo oberhalb von Bondo spricht man, wenn Gesteinsmassen von mehr als einer Million Kubikmetern abbrechen. Bei derartigen Grossereignissen kann auftauender Permafrost gemäss SLF-Studien einer von mehreren Faktoren sein, aber nicht die direkte Ursache. Ueli Gruner, Geologe und Lehrbeauftragter für Naturgefahren der Universität Bern, hat Daten des SLF ausgewertet. Im gesamten Alpenraum – also nicht nur in der Schweiz – ereigne sich demnach im Durchschnitt alle fünf Jahre ein Bergsturz. Eine Häufung infolge der seit 150 Jahren anhaltenden Erwärmung könne man nicht feststellen, sagt er.

Bondo vor und nach dem Bergsturz

In Bondo kam es am Piz Cengalo am 23. August 2017 zum verheerenden Bergsturz. Dieses Video zeigt Bilder, wie das Dorf im Bündner Bergell zuvor und danach aussah. 

Entscheidend ist der Regen

Auch wenn man noch weiter zurückblickt, lässt sich der Zusammenhang nicht erhärten. Im Gegenteil. Die letzte Warmzeit war vor 6000 bis 8000 Jahren. Ueli Gruner: «In diesem Zeitraum sind, anders als in den dazwischen liegenden kälte- ren Jahrtausenden, keine Bergstürze datiert worden.»

Die Hälfte der historisch dokumentierten Bergstürze hat eine Ursache, die nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Sie sind auf intensive tagelange Regenfälle zurückzuführen. Zum Beispiel der Bergsturz von Goldau SZ im Jahr 1806. Der Klimawandel führt tendenziell zu mehr intensiven Gewittern, aber nicht zu tagelangem Regen. Wissenschaftlich erwie- sen ist also: Der Klimawandel führt in ganz hohen Lagen, weit ab von Dörfern, zu mehr Felsstürzen. Ein Zusammen- hang zu Bergstürzen lässt sich statistisch nicht nachweisen.

De gigantische Felssturz am Piz Cengalo in Bondo

Am 3369 Meter hohen Piz Cengalo in Bondo im Kanton Graubünden lösten sich am 23.8.2017 gigantische Gesteinsmassen, die zu Felslawinen, Muren und Überschwemmungen führten.

Warme Winter machen Berg stabil

Wenn Leuthard nun aber sagt, dass wir uns auf mehr «Zwischenfälle» einzustellen hätten, müsste das heissen, dass im Siedlungsgebiet mit mehr Felsstürzen zu rechnen sei. Das Gegenteil ist richtig.

Die meisten Felsstürze ereignen sich im Frühling, besonders nach überdurchschnittlich kalten Wintern. Bei Kälte zieht sich das Gestein zusammen und es entstehen Risse. Sie sind umso tiefer, je kälter es ist. Wenn dann im Frühling der Schnee schmilzt und starke Wechsel von Frost und Tau stattfinden, wird der Fels instabil. Werden die Winter nun durch den Klimawandel aber wärmer, wird der Fels stabiler. Gruner sagt: «In den Siedlungsräumen wird es dank des Klimawandels tendenziell eher weniger Felsstürze geben.»

Spektakulärer Felssturz im Wallis: Hier donnern 2000 Kubikmeter Stein ins Tal (Oktober 2015)

Die Bergkantone geben immer mehr Geld für die Überwachung von Felsen aus, die ins Tal stürzen könnten. Der Ausbau ist nötig, weil die Infrastruktur in gefährdete Gebiete vordringt. Es gibt mehr Strassen und Bahnen in von Felsstürzen bedrohten Gegenden. Die Gesteinsbewegungen werden deshalb mit Sensoren, Lasern und Radargeräten kontrolliert.

Der Kanton Wallis investiert in den Jahren 2017 und 2018 gemeinsam mit dem Bundesamt für Umwelt 1,5 Millionen Franken für zusätzliche Überwachungsmassnahmen. Heute stehen knapp 50 Orte im Wallis unter Beobachtung. Nun sollen zehn bis zwanzig neue dazukommen.

Der Walliser Kantonsgeologe Raphaël Mayoraz sagt, dass fünf bis zehn Prozent der heute überwachten Gebiete wegen des Klimawandels gefährdet seien. Die Ursache ist meistens ein schmelzender Gletscher. Das bekannteste Beispiel ist die Moosfluh oberhalb der Riederalp. Weil sich der Aletschgletscher zurückzieht, wurde der Fels instabil. Vor einem Jahr mussten deshalb Wanderwege gesperrt werden. Inzwischen haben sich die Felsbewegungen stark verlangsamt. Nächstes Jahr könnte ein Teil der Wege wieder geöffnet werden, sagt Mayoraz.

Und nun zu den 90 bis 95 Prozent der Fälle, die nicht mit dem Klimawandel zusammenhängen. Raphaël Mayoraz: «Es handelt sich um normale Erosion der Alpen.» Also um ganz gewöhnliche Verwitterung.