Sein Appell entfachte ein europaweites Medienecho und berührte Tausende Menschen. Anfang Jahr postete der 19-jährige Zuger Marco Hauenstein eine Nachricht auf Facebook: «Nach langjähriger Suche, ohne einen Erfolg zu erringen, richte ich mich nun an euch. Ich suche meine leiblichen Eltern.»

Hauenstein hatte einen schwierigen Start ins Leben. Kurz nach der Geburt wurde er in den Entzug gebracht, weil seine Mutter während der Schwangerschaft drogenabhängig war. Er hat sie nie wieder gesehen. «Ich bitte darum, teilt diesen Beitrag, denn ich möchte nun endlich wissen, woher ich komme, und ich habe Sehnsucht nach einer Familie.»

Wie Hauenstein geht es Dutzenden Jugendlichen in der Schweiz, die adoptiert wurden oder bei Pflegefamilien aufwuchsen. Alleine 2016 meldeten sich 46 Personen bei der Fachstelle Pflege- und Adoptivkinder Schweiz und baten um Hilfe bei der Suche nach Verwandten. Hinzu kommen Jugendliche wie Hauenstein, die auf eigene Faust in den sozialen Medien nach ihren Eltern forschen. Einige hundert dürften derzeit auf der Suche sein.

Seine Mutter ist tot

Marco Hauenstein suchte über Facebook verzweifelt seine Mutter. Jetzt die traurige Gewissheit: Sie ist tot. Brisant: Die Aargauer Polizei wusste das schon seit 2015.

Dabei gilt die Schweiz nicht als Adoptionsland. Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl kontinuierlich. Während zur Jahrtausendwende noch 800 Kinder von Schweizer Paaren aufgenommen wurden, waren es 2010 noch 600. Der Tiefpunkt wurde 2015 erreicht – mit nur 329 adoptierten Kindern. Ein Allzeit-Negativ-Rekord.

Bundesrat lockert Regeln

Nun beginnt allerdings ein Umschwung. Wie neuste Zahlen des Bundes zeigen, fanden zehn Protzen mehr Kinder ein neues Zuhause. Insgesamt waren es 363. Eine Neuerung wird den Trend verstärken: Der Bundesrat hat diese Woche beschlossen, das Adoptionsrecht anzupassen. Neu dürfen ab 2018 auch homosexuelle Paare in einer eingetragenen Partnerschaft ihre Stiefkinder als ihre eigenen anerkennen. «Es gibt sicher Nachholbedarf bei den Paaren, die bisher ihre Stiefkinder nicht adoptieren konnten», sagt Judith Wyder, Expertin für Adoptionen beim Bundesamt für Justiz.

Dabei dürfte es sich nicht nur um einen kurzen Schub handeln, denn die Revision des Adoptionsrechts sieht weitere Neuerungen vor. So wird das Mindestalter der Adoptiveltern von 35 Jahren auf 28 gesenkt. Ausserdem muss ein Paar vor einer Adoption nicht mehr fünf Jahre in einer Beziehung gelebt haben, sondern nur noch drei. Damit wird es künftig mehr Paaren möglich sein, Kinder aufzunehmen.

Adoptionen: die Unterschiede

Dabei gilt es, zwischen zwei Adoptionen zu unterscheiden: Handelt es sich um Stiefkinder oder um fremde Kinder? In der Schweiz betreffen die meisten Adoptionen Stiefkinder. Dass die Zahlen zuletzt stark gesunken sind, liegt unter anderem an einem neuen Selbstverständnis der leiblichen Väter. «Heute behalten viele Väter nach einer Scheidung engen Kontakt zu ihren Kindern», sagt Wyder. Das war früher anders. Der neue Partner ersetzte damals den leiblichen Vater, weshalb Kinder öfter adoptiert wurden. Das ist heute nicht mehr nötig.

Bei der Adoption fremder Kinder sorgten andere Faktoren für den markanten Rückgang. Erstens hat die Reproduktionsmedizin in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht. Gelingt es Paaren nicht, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, gehen sie in die Fruchtbarkeitsklinik. Besonders ältere Mütter erfüllen sich so doch noch den Kinderwunsch.
Zweitens hat das Haager Abkommen die Hürden erhöht. Seit 2003 ist es in der Schweiz in Kraft und dient dem Schutz des Kindes. Die internationale Absprache regelt, dass zuerst Paare im Herkunftsland gesucht werden. Erst wenn keine geeigneten einheimischen Adoptiveltern gefunden werden, dürfen Personen aus dem Ausland einspringen. Adoptionen innerhalb der Schweiz bleiben ebenfalls selten, weil nur wenige Kinder zur Adoption freigegeben werden. Im Durchschnitt sind es nur noch 15 bis 20 Babys im Jahr. Die meisten adoptierten Kinder stammen aus Afrika, gefolgt von Europa.

Die Suche geht weiter

Doch mit mehr Adoptionen wird sich auch die Zahl der Suchenden erhöhen. Jedes Kind hat in der Schweiz das Recht, zu erfahren, woher es kommt. Manchmal endet die Suche tragisch, wie beim 19-jährigen Marco Hauenstein. Seine Mutter, die seit 2000 als vermisst gegolten hatte, war schon vor Jahren gestorben.

Aufgeben will Hauenstein aber nicht: Er sucht jetzt seinen Vater – und hilft anderen Jugendlichen, die ebenfalls ihre leiblichen Eltern treffen wollen.