Selten jubeln Westschweizer so ausgelassen über Entscheide aus Zürich wie am vergangenen Sonntag. Mit dem Ja zum Frühfranzösisch schwappte eine Welle der Erleichterung über die Romandie: «Merci aux Zurichois», twitterte der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard. «Es lebe die mehrsprachige Schweiz!»

Die Euphorie hatte einen Grund. Bei der Abstimmung ging es um mehr als den Französischunterricht, um mehr als den Sprachenstreit an Schulen. Es ging um die immer wiederkehrende Frage: Wie stark ist der nationale Zusammenhalt? Zu tief haben sich die alten Anekdoten ins kollektive Gedächtnis gebrannt: Schüler, die trotz fünf Jahren Französischunterricht nicht nach dem Weg fragen können. Erwachsene, die noch nie den anderen Landesteil besucht haben. Und natürlich Studenten aus der Deutschschweiz und der Romandie, die sich auf Englisch unterhalten. Doch ausgerechnet die Universitäten, Hochburg des Englischen, eilen nun zur Hilfe.

Die Hochschulen streben einen intensiveren Austausch zwischen den Landesteilen an. Künftig sollen Studenten ihr Austauschsemester nicht zwingend im Ausland absolvieren, sondern einfach in einem anderen Landesteil. Das ist doppelt hilfreich: Erstens lernen die Studierenden Französisch, zweitens bekommen sie ein Gefühl für die Romandie. Zurzeit feilen die Universität Zürich und die Universität Genf an der Umsetzung. Das kann ein gewöhnliches Austauschsemester sein oder ein gemeinsamer, zweisprachiger Master, den Studenten zu gleichen Teilen in Zürich und Genf ablegen.

Wegen Erasmus vernachlässigt

«Wir wollen die Mobilität der Studierenden innerhalb der Schweiz erhöhen», sagt Michael Hengartner, Präsident von Swissuniversities und Rektor der Universität Zürich. Egal ob Politik- Medien- oder Rechtswissenschafter, sie alle würden davon profitieren, ihr Fachgebiet perfekt zwei- oder dreisprachig zu beherrschen, sagt Hengartner. «Das erleichtert den Einstieg in den Arbeitsmarkt.»

Ähnlich klingt es in der Romandie: «Die nationale Mobilität zwischen den Sprachregionen schärft das Profil unserer Studenten» sagt Yves Flückiger, Rektor der Universität Genf. «Sie ist genauso wichtig wie die internationale Mobilität und fördert zugleich die nationale Kohäsion.»

Der Zusammenhalt zwischen den Landesteilen ist allerdings nur ein Grund für das neue Programm. Es liegt ebenso am Ausschluss aus Erasmus+. Seit der Annahme der SVP-Zuwanderungsinitiative ist die Schweiz nicht mehr Teil des europäischen Austauschprogramms. Die Studierenden gehen seither weniger ins Ausland als früher. Der binnenschweizerische Austausch soll neue Anreize schaffen. «Womöglich haben wir diese Option wegen Erasmus bisher ein wenig vernachlässigt», sagt Flückiger.

Yves Flückiger steht der Universität Genf vor.

Yves Flückiger steht der Universität Genf vor.

Jean Ziegler fordert Ausweitung

Das sieht Jean Ziegler ähnlich. Der Soziologieprofessor und Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates hat jahrelang an der Universität Genf doziert. Mit Erasmus sei das Ausland attraktiver für die Studenten gewesen, sagt er. «Ich hatte viele Studierende, die nie in der Ostschweiz waren. Dafür in Paris, London oder Madrid.» Es sei zwar schade, dass die Schweiz nun nicht mehr im Programm vertreten sei, Ziegler sieht den Studentenaustausch innerhalb der Schweiz aber als Chance. «Das ist eine hervorragende Idee.» Genf und Zürich sollen aber nur der Anfang sein. Alle Schweizer Universitäten und besonders das Tessin müssten einbezogen werden.

Jean Ziegler arbeitete mehrere Jahre an der Universität Genf.

Jean Ziegler arbeitete mehrere Jahre an der Universität Genf.

«Die Landesteile driften seit Jahren immer stärker auseinander», sagt Ziegler. Umso wichtiger sei es, dass die Universitäten, aber auch die Volksschule den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen nun wieder stärken.

Altbundesrat Pascal Couchepin begrüsst die Idee der Hochschulen, sieht aber keinen Verfall des Zusammenhalts, vielmehr einen Bedeutungsverlust: «Für die Bevölkerung ist der nationale Zusammenhalt heute weniger wichtig als früher», sagt er. «Wenn es den Menschen gut geht, treten solche Fragen in den Hintergrund.»

Trotzdem sei das Zürcher Ja zum Frühfranzösisch essenziell gewesen. «Zürich hat als bevölkerungsstärkster Kanton Signalwirkung, wie die Deutschschweizer die Romandie sehen», sagt Couchepin. Er hofft nun, dass alle Kantone das Frühfranzösisch beibehalten – und Universitäten den neuen Austausch einführen.