Die Reise ist beschwerlich, die Flüchtlinge auf sich nehmen, um in die Schweiz zu gelangen. Wer hier ankommt, ist ausgezehrt, geschwächt – und oft auch krank.

Die Asylsuchenden benötigen medizinische Versorgung. Doch die ist auch aufwendig und teuer. Das gilt besonders für eine Handvoll Krankheiten, bei der die medizinische Pflege zur komplizierten Angelegenheit wird. Spitäler und Praxen stossen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Sie klagen: Es bestehe ein massiver Mehraufwand, weil etwa im Spital mit der üblichen Fallpauschale von Herrn und Frau Schweizer abgerechnet würde. Aufwendige Zusatzabklärungen, Dolmetscher oder Isolationsmassnahmen blieben dabei unberücksichtigt. Ähnlich klingt es bei ambulanten Ärzten. Sie haben kaum Möglichkeiten, die Aufwände adäquat abzubilden.

«Es kann doch nicht sein, dass Spitäler und Hausärzte das Asylwesen quersubventionieren», sagt Andreas Widmer, stellvertretender Leiter der Infektiologie am Unispital Basel. Bei Flüchtlingen sei der Aufwand je nach Krankheit bis zu zweimal so hoch wie bei anderen Patienten. Allein die Kosten für benötigte Dolmetscher fielen stark ins Gewicht. Dieser Aufwand lasse sich etwa am Beispiel einer Tuberkulose-Erkrankung gut aufzeigen.

Anders als in der Schweiz kommt die bakterielle Infektionskrankheit auf 100'000 Personen betrachtet in Ländern wie Eritrea oder Afghanistan bis zu 30-mal häufiger vor. Für 2016 meldet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 611 Tuberkulosefälle in der Schweiz, 2014 waren es 466. Am häufigsten sind davon mit etwa 35 Prozent Eritreer betroffen.

Ein markanter Anstieg, den auch Kliniker wie Widmer spüren. Die Krankheit sei bei engem Kontakt übertragbar. «Deshalb müssen wir die Patienten im Einzelzimmer isolieren», und das über eine Dauer von mindestens zwei Wochen. Laut Fallpauschalenkatalog kostet diese Behandlung normal 12'000 bis 18'000 Franken. Bei Flüchtlingen koste das konservativ berechnet gut 25 Prozent mehr, so Widmer.

Anschliessend müssen die Ärzte sicherstellen, dass der Patient seine Medikamente einnimmt, auch wenn er in ein neues Zentrum verlegt wird. «Das ist eine logistische Herausforderung.» Die Patienten müssen täglich zur Klinik kommen, weil sie die Medikamente nicht ins Heim nehmen dürfen.

Verhärtete Fronten

Die Kosten wachsen in raschen Schritten. Das gilt gesamthaft für die Ausgaben im Asylwesen. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) budgetiert für 2017 Ausgaben von 1,9 Milliarden Franken. Höchststand. Trotzdem fordern die Kantone mehr, die vom Bund pro Flüchtling eine Globalpauschale von 1500 Franken monatlich erhalten.

Eine entsprechende Motion von FDP-Ständerat Philipp Müller hat der Nationalrat nach Zuspruch des Ständerats diese Woche begraben. «Ohne das Problem jetzt zu adressieren, werden die steigenden Asylkosten bald wieder auf den Tisch kommen», sagt der Aargauer. Davon sind gerade die Gesundheitskosten betroffen.

Eine neue Studie des SEM zeigt, dass sie sich in 15 befragten Kantonen 2014 total auf 30 Prozent der Globalpauschalen beliefen. Die Kantone seien in der Pflicht, kosteneffizienter zu wirtschaften, folgert die Studie: Nicht alle Kantone hätten ihr Sparpotenzial ausgeschöpft, es gäbe «beträchtliches Potenzial».

Die Ärzte haben andere Probleme. Neben Tuberkulose gibt es weitere Erreger, die ihnen umtriebige Behandlungen bescheren. Dazu zählt die Krätze, die zu einer Hauterkrankung führt. In den Aufenthaltszentren können sich Milben schnell verbreiten. «Deshalb sind kostspielige und aufwendige Gruppenbehandlungen notwendig», sagt Cornelia Staehelin, Oberärztin für Infektiologie am Inselspital Bern.

Für die eingesetzten Arzneien kämen etwa im Kanton Bern die Krankenkassen nicht auf. Aufwendige Unterfangen seien auch beim Windpockenausbruch notwendig. Viele Flüchtlinge sind gegen das Virus nicht immun, weil sie die Krankheit nie hatten. Deshalb kann es bei Schwangeren oder HIV-positiven Personen zu schweren Schäden kommen.

Bei einer Hospitalisierung kommt das Risiko dazu, dass Flüchtlinge Antibiotika-resistente Keime ins Spital bringen. Die Fälle mit einer Kategorie resistenter Keime (MRSA) hätten wegen der Flüchtlinge wieder deutlich zugenommen, sagt der Chef-Infektiologe am Kantonsspital Aarau, Christoph Fux. «Bei einer Hospitalisierung müssen wir diese Patienten isolieren, um eine Übertragung zu verhindern.»

Diese Vorsicht gebühre auch Schweizer Touristen, die aus einer Region mit hohen Antibiotikaresistenzen zurückkehrten. Das Kantonsspital Olten hält aber fest, dass in den Asylheimen fünfmal mehr Personen mit den Keimen besiedelt sind als in der Gesamtbevölkerung.

Auch Hausärzte betroffen

In der ambulanten Pflege haben Ärzte ebenfalls vor allem mit Krätze und Windpocken zu kämpfen. Auch hier führen die Sprachbarrieren zu kostspieligen Aufwänden, die «Ärzte selber berappen», sagt der Berner Arzt Hans Jakob Zehnder. Bis zur Schliessung des Durchgangszentrums in Riggisberg BE 2016 betreute Zehnder 150 Flüchtlinge, zusätzlich zu seinem ausgelasteten Pensum.

«Ich hatte viele Helfer, wie einen medizinisch ausgebildeten Eritreer, der dolmetschen konnte, oder eine medizinisch Fachperson im Asylheim, die Grippe- und Fieberfälle übernahm», so Zehnder. «Sonst wäre es nicht möglich gewesen.»

Die mangelnde Koordination der Ämter, Kantone und Ärzte muss verbessert werden. Ab 2018 soll eine «feiner abgestimmte Gesundheitsbefragung» das Problem entschärfen. Neu trage das SEM die gesamte Verantwortung für die Organisation des anfänglichen Gesundheitschecks der Asylsuchenden und ihre Zuweisung zum Arzt, heisst es beim BAG auf Anfrage.

Man sei sich des grossen Aufwands in der medizinischen Flüchtlingsversorgung bewusst. Trotzdem betont das Amt, dass Asylsuchende die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung nicht gefährdeten.