Es waren eine Deutschschweizerin und ein Westschweizer, die den Schweizer Medien erklärten, wie sich die FDP das Prozedere um die Nachfolge von Aussenminister Didier Burkhalter vorstellt: FDP-Präsidentin Petra Gössi (SZ) und FDP-Vizepräsident Christian Lüscher (GE). Dass kein Tessiner mit an den Mikrofonen sass, obwohl die Frage nach einem Tessiner Bundesrat im Fokus steht, hatte verschiedene Gründe. Staatsrat Christian Vitta, Tessiner Vizepräsident der nationalen FDP, war verhindert. Und Ignazio Cassis, Tessiner Fraktionschef der FDP, war nicht involviert, da es in dieser Phase Sache der Partei ist. Cassis wie Vitta gelten als ernsthafte Kandidaten für Burkhalters Nachfolge.

Auch wenn der Tessiner Nicht-Auftritt unbeabsichtigt war: Er ermöglicht einen tieferen Einblick in das Selbstverständnis vor allem der Westschweizer FDP gegenüber ihrer Tessiner Schwesterpartei. Es waren die Worte des Genfer Anwalts Lüscher, die viel verrieten. «Die FDP der Romandie ist eine extrem wichtige Sektion, eine von zwei Sektionen, die Wahlen gewinnen», hielt Lüscher fest. «Die andere ist die Deutschschweizer FDP.» Doch die FDP der Romandie sei in den letzten Jahren «von Erfolg zu Erfolg» geeilt. Deshalb sei es logisch, «dass die beiden FDP-Bundesratssitze durch diese zwei Sektionen repräsentiert werden – die Sektion der Deutschschweiz und die Sektion der lateinischen Schweiz.»

Wer sich Lüschers Argumentationskette Schritt für Schritt vor Augen führt, kommt zu einem erstaunlichen Schluss. Im ersten Teil preist er die Erfolge der FDP der Romandie an. Über den ebenfalls sehr erfolgreichen Tessiner Freisinn verliert er kein Wort. Der kommt, indirekt, erst im zweiten Teil der Argumentationskette ins Spiel. In seinem Fazit, in dem Lüscher davon spricht, dass ein Bundesratssitz der FDP der lateinischen Schweiz gehöre. Zu diesem Zeitpunkt hat er aber das Vorrecht der Romands auf den Sitz bereits vorgespurt. Sie ist ja die erfolgreiche Sektion. Dem Tessin bleibt somit nur noch jener Part, den es in der Geschichte der lateinischen Solidarität fast immer spielte: Es ist der Stimmenlieferant für die Westschweiz.

Gössi: FDP-Kandidatur soll aus der lateinischen Schweiz kommen

«Ganz genau» hingehört

Er habe «ganz genau» hingehört, wie Lüscher argumentiert habe, erwidert Bixio Caprara, mit den Aussagen des Genfer Nationalrats konfrontiert. Der Präsident der FDP des Kantons Tessin hält fest: «Lüscher ist zu klug, um das zufällig so gesagt zu haben. Das war ein Rollenspiel.»

FDP-Tessin-Chef Bixio Caprara (rechts), hier mit Ueli Maurer und Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport, in Tenero.

FDP-Tessin-Chef Bixio Caprara (rechts), hier mit Ueli Maurer und Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport, in Tenero.

Mit dem «Rollenspiel» umschreibt Caprara die Einweg-Solidarität in der Beziehung zwischen französisch- und italienischsprachiger Schweiz, zwischen erster und zweiter sprachlichen Minderheit. Selbst prominente Romands räumen hinter vorgehaltener Hand ein, die Solidarität funktioniere nur auf dem Papier in beide Richtungen. «Diese Solidarität ist reine Theorie», sagt der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano. Als Beweis führt er die sieben Tessiner Bundesräte in der Geschichte an. Das Tessin verdankt nur einen einzigen Sitz der Westschweiz: Nello Celio (FDP) wurde 1967 als Nachfolger des Waadtländers Paul Chaudet (FDP) gewählt. In drei Fällen erbte das Tessin den Sitz von der Deutschschweiz, in zwei folgte ein Tessiner auf einen Tessiner - und Stefano Franscini gehörte zum Gründungs-Bundesrat. Romano sagt: «Das muss uns zu denken geben.»

Interessant ist, dass sich keiner der angefragten Westschweizer Parlamentarier ein glasklares Bekenntnis für einen Tessiner Bundesrat entlocken lässt. «Das ist eine offene Frage», sagt der Jurassier SP-Ständerat Claude Hêche. «Alle Minderheiten in der Schweiz sind wichtig.» FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois (FR) hält fest, jeder mache seine eigenen Überlegungen: «Für mich kann es ein Tessiner oder ein Romand sein.»

Die Romandie und das Tessin werden sich einen Kampf um den Bundesratssitz von Didier Burkhalter liefern. (Illustration: Stephan Liechti)

Tessiner Forderung an die Westschweiz

Im Tessin sieht man das nicht so locker. «Diesmal erwarten wir von der Westschweiz, dass sie die italienische Schweiz unterstützt, wenn von der lateinischen Schweiz die Rede ist», sagt Caprara und kontert damit direkt Lüschers Aussagen an der Medienkonferenz. Die Westschweiz bleibe ja mit zwei Bundesräten gut vertreten.

Romano wird deutlicher. «Aus staatspolitischen Gründen und aus Respekt vor der dritten Landessprache müssen die Romands ihren dritten Sitz der italienischen Schweiz geben», fordert er. «Das ist eine Frage der Solidarität und Verantwortung gegenüber der dritten Landessprache.» Werde kein Tessiner gewählt, sei das «ein Affront». Für CVP-Nationalrat Fabio Regazzi muss das Tessin nun «klug, gut und vor allem geschlossen spielen». Für ihn steht die Tessiner FDP in der Pflicht. Regazzi findet aber auch, die Tessiner müssten nun mit den Romands verhandeln. Er sagt: «Wir wollen und müssen diese Chance packen.»

Wie Gespräche hinter den Kulissen zeigen, wissen die Romands sehr wohl, dass es für sie diesmal schwierig sein wird, das gewohnte Muster der Einweg-Solidarität spielen zu lassen, ohne das Tessin ernsthaft zu brüskieren. Die Westschweizer Zeitung «Le Temps» brachte das auf den Punkt. Die Stimmen, die den Sitz nun für die Romands beanspruchten, seien fast eine Frechheit, schrieb «Le Temps» im Editorial auf der Frontseite – und kam zu einem glasklaren Schluss: «Die Stunde des Tessins.»

Didier Burkhalters Jahre als Bundesrat - ein Rückblick

Bern - 14.06.16 - Didier Burkhalters Rücktritt kommt überraschend. Acht Jahre lang half der Neuenburger FDP-Politiker, die Geschicke des Landes führen, zuerst als Vorsteher des Innendepartements, später als Aussenminister. Bilder seiner Laufbahn im Video.