Herr Ogi, Sie werden am Dienstag 75. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Adolf Ogi: Ich bin glücklich und wünsche mir nichts. Ich habe mir selber schon ein Geburtstagsgeschenk gemacht, indem ich unser Haus in Kandersteg, einen ehemaligen Esel-Stall für das Militär im 2. Weltkrieg, umbauen liess.

Sie bekamen ein Buch. Darin haben 75 Persönlichkeiten Texte über Sie verfasst. Welcher Text hat Sie am meisten gefreut?

Ich möchte betonen: Das Buch war nicht meine Idee. Ich habe keinen der Texte vor dem Druck gelesen. Alle Texte haben mich gefreut. Doris Leuthard, Kofi Annan, Wolfgang Schüssel, Tony Blair, der Präsident des olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach. Er hat geschrieben, obwohl sie mich nicht im IOC wollten und die Olympischen Winterspiele 2006 nicht nach Sion vergaben.

Offenbar hat Sie aber das Vorwort von Christoph Blocher sehr gefreut.

Was Herr Blocher geschrieben hat, hat mich berührt. Er hebt das Menschliche hervor und erwähnt auch unsere Söhne, die zusammen in der Offiziersschule waren.

Sie sind nicht aus der SVP ausgetreten, obwohl Sie oft eine andere Meinung hatten als die Blocher-Fraktion. Sie hätten ja in die BDP wechseln können.

Der Austritt war für mich nie ein Thema. Ich war offizieller Bundesrats-Kandidat der SVP. Dank ihr wurde ich 1987 in den Bundesrat gewählt, ich war Parteipräsident der SVP Schweiz, meine Schwiegereltern waren BGB/SVP-Mitglieder. Nur schon darum war ich immer loyal zur Partei. Die BDP hat mich aber auch nicht gefragt. In der Zeit der Abspaltung starb mein Sohn Mathias an Krebs. Ich bin dankbar, dass mich die BDPler damals in Ruhe liessen.

Auch dank Ihnen wurde die SVP zur stärksten Partei.

Es war die Kombination zwischen Blocher und mir. Er war der Lokomotivführer und ich vielleicht der erste Heizer, der aber auch Dampf gemacht hat. Ich habe die Frauen und die Jungen angesprochen.

Adolf Ogi – seine besten Momente als Bundesrat, 1987 bis 2000.

Beitrag der SRF-«Rundschau», Oktober 2000, anlässlich seines Rücktritts.

Der Zürcher hat sich gegen den Berner Flügel durchgesetzt. Nach zum Teil heftigen Kämpfen.

Ja, der Zürcher Flügel hat gewonnen. Das stimmt ohne Wenn und Aber. Die Auseinandersetzungen waren hart, aber die menschlichen Beziehungen sind nie abgerissen. Wenn die Konflikte unüberwindbar wurden, gingen wir nach Kandersteg und diskutierten das aus. Der Flügelkampf hat uns schlussendlich genützt. Als ich SVP-Präsident wurde, klebte die Partei bei der 10-Prozent-Grenze, nun sind wir die stärkste Partei.

Dass Sie in der SVP geblieben sind, war gut für die SVP. War es auch gut für die Schweiz? Andreas Gross fragt im Jubiläumsbuch, warum Sie sich nicht stärker gegen fremdenfeindliche Kampagnen der SVP eingesetzt haben.

Ich respektiere Andreas Gross und werde die Fragen mit ihm diskutieren. Natürlich habe ich den Kopf geschüttelt ob gewisser Plakat-Sujets der SVP. Aber das war eine andere Zeit. Die Journalisten sind auf uns herumgetrampelt und wir mussten uns wehren. Da haben wir auch manchmal über die Schnur geschlagen.

Gerade Sie waren immer der Liebling der Presse, kamen im «Blick» stets gut weg.

Meine Herkunft aus einfachen Verhältnissen und meine frühere Tätigkeit beim Schweizerischen Skiverband haben dem «Blick» natürlich gepasst. Und ich wusste: Wenn ich mit dem Journalisten Frank A. Meyer keine gute Beziehung aufbauen kann, dann wird es für mich schwieriger. Die anderen Zeitungen waren ja eher zurückhaltend, abwartend oder gegen mich. Ich musste jemanden haben, der meine Politik unterstützt, mich versteht, sonst wäre ich ja nie durchgekommen beim Volk.

Jean Ziegler schreibt, Sie seien einer der wenigen Staatsmänner der jüngeren Schweizer Geschichte.

Das ist eine sehr grosse Anerkennung, die mich berührt. Offenbar wurde er bei der UNO mehrmals auf meine Arbeit angesprochen und sah auf seinen Reisen meine Spuren als UNO-Sonderberater für den Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung. Das hat Ziegler beeindruckt.

Was zeichnet Staatsmänner aus?

Leistung, die Bereitschaft, politische Probleme zu lösen, Kommunikationsfähigkeit und Charisma. Ein Beispiel: Der damalige französische Präsident François Mitterrand wollte mich für 10 Minuten sehen am Rande einer Energiekonferenz in Paris. Schliesslich bin ich 90 Minuten im Élysée-Palast geblieben. Er betrachtete mich offenbar als interessanten Gesprächspartner. Einem Staatsmann muss es gelingen, sich Respekt und Autorität zu verschaffen.

Zur Person

Adolf Ogi ist der beliebteste noch lebende Alt-Bundesrat. Auf Anklang stösst seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Er wurde am 18. Juli 1942 in Kandersteg BE geboren. Nach der Primarschule machte er ein Handelsdiplom in La Neuveville und besuchte eine weitere Handelsschule in London. Bekannt wurde er als Direktor des Schweizerischen Skiverbandes (SSV). 1979 wurde Ogi in den Nationalrat gewählt. Am 9. Dezember 1987 wurde er als offizieller Kandidat der SVP in den Bundesrat gewählt. Er führte zunächst das Energiewirtschaftsdepartement und wechselte 1995 ins Verteidigungsdepartement. 1993 und 2000 war er Bundespräsident. Im zweiten Präsidialjahr trat er zurück. Legendär war sein Spruch «Freude herrscht», den er 1992 dem Astronauten Claude Nicollier zurief. Zudem sorgte seine Neujahrsansprache im Schneegestöber vor dem Lötschbergtunnel im Jahr 2000 für Heiterkeit. 2001 machte der damalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan Ogi zum Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden. Er hatte das Amt bis 2007 inne. Ogi lebt heute mit seiner Frau Katrin in Fraubrunnen. Sie haben zwei Kinder, Catherine und Mathias. Letzterer starb im Jahr 2009 an Krebs.

Ist jeder Bundesrat ein Staatsmann?

Er muss es sein, denn fast jeder Bundesrat wird einmal Bundespräsident. Aber man kann natürlich auch im Bundesrat sein, ohne etwas zu bewegen. Zum Beispiel bei der Neat: Ich hätte auch sagen können, wir machen jetzt nach 40 Jahren Planung noch mal ein Komissiönli. Aber es war ein Zeitfenster offen, also wollte ich das anpacken. Ohne Wenn und Aber. Man muss das Gespür haben für solche Möglichkeiten und dann rasch handeln.

Durch die Neat rückte das Tessin wieder näher an die Schweiz. Steht nun das Zeitfenster offen für einen Tessiner Bundesrat?

In der heutigen Situation ist es staatspolitisch wichtig, dass ein Tessiner Bundesrat gewählt wird. Auch für die Beziehung zu Italien. Die Frage der Migration ist weiterhin aktuell und wir brauchen die Ausbauten auf der Bahnstrecke in Norditalien. Und es ist sehr wichtig für den Zusammenhalt der Schweiz. Ich war immer der Meinung, die Deutschschweiz sollte vier, die französische Schweiz zwei und das Tessin einen Vertreter im Bundesrat haben.

Bräuchte es nicht vor allem mehr Frauen im Bundesrat?

Für mich ist das keine Frage von Frauen und Mannen. Die regionale Vertretung ist genauso wichtig wie die Frauenvertretung. Viele sagen, die Frauen seien besser. Das kann ja sein. Aber in dieser Situation hat der kantonale Vorstand der FDP Tessin beschlossen, nur einen Kandidaten aufzustellen – und das ist ein Mann. Das muss man akzeptieren.

Sie waren mit Elisabeth Kopp im Bundesrat. Wie hat sich das Gremium mit der ersten Frau verändert?

Die Wahl von Frau Kopp, mit der ich mich gut verstand, verbesserte die Atmosphäre im Bundesrat. Man musste sich zusammenreissen und aufpassen, was man für Sprüche machte in der 11-Uhr-Pause. Ich habe mir damals aber auch gedacht: Es braucht mindestens zwei Frauen im Bundesrat, sonst hat die einzige Frau einen Sonderstatus. Und sie hat niemanden, mit dem sie sich zusammentun und über Frauenfragen sprechen kann.

Adolf Ogis Neujahrsansprache 2000.

 

Elisabeth Kopp sagte, die FDP brauche wieder eine Frau im Bundesrat. Wie sehen Sie das?

Ich verstehe Frau Kopp und die Frauen der FDP. Gewisse Frauen wie etwa Doris Fiala sagen aber auch, das Tessin sei diesmal wichtiger. Die Meinungen gehen auseinander. Für mich ist klar: Östlich der Reuss gibt es heute nur einen einzigen Bundesrat: Ueli Maurer. Beim nächsten Rücktritt muss die Ostschweiz wieder berücksichtigt werden. Man darf aber auch die Zentralschweiz nicht vergessen. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren drei Rücktritte geben. Dann müsste das berücksichtigt werden.

Sie denken an mögliche Rücktritte von Ueli Maurer, Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard?

Ich nenne keine Namen. Vielleicht gibt es sogar vier Rücktritte. Wer weiss das schon. Mehrere Rücktritte könnten – nach dem Neuanfang in Paris – auch in der Schweiz zu Veränderungen führen. Deshalb müssten die Bundesräte miteinander reden, wer wann geht. Sonst passiert, was in den 1960er-Jahren geschah: Vier Bundesräte traten gleichzeitig zurück, gewählt wurde aber kein einziger offizieller Kandidat.

Bei einem nicht abgesprochenen Dreier- oder Viererrücktritt könnte in der Schweiz ein Vakuum entstehen?

Es ist durchaus denkbar, dass sich dann die parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrats ändert.

Wie?

Die Grünen könnten plötzlich in den Bundesrat gewählt werden. Überträgt man die letzten Volksabstimmungen auf die Parlamentswahlen von 2019, scheint eines möglich: dass ein Bundesrat nach den Wahlen 2019 nicht mehr bestätigt werden könnte. Das geschah in den letzten Jahren mit Ruth Metzler und Christoph Blocher zweimal. Dieses Szenario muss sich jeder Bundesrat vor Augen halten, der 2019 zur Wiederwahl antritt. Sollten drei oder vier Bundesräte gemeinsam zurücktreten, wäre die parteipolitische Zusammensetzung von heute zudem in keiner Art und Weise garantiert.

Könnten es auch die Grünliberalen in die Regierung schaffen?

Es ist denkbar, dass es zu neuen politischen Seilschaften kommt. Kaum mehr erneuert wird die mal angedachte Union zwischen CVP und BDP. Sie ist gescheitert. Tun sich aber die Grünen mit 7,1 Wählerprozent und die Grünliberalen mit 4,6 Prozent zusammen, sind sie schon heute stärker als die CVP mit 11,6 Prozent. Gedanken machen muss sich auch die FDP. Sie ist mit ihren zwei Bundesräten bei 16,4 Prozent gut bedient.

Müssen die Bundesräte solche Überlegungen berücksichtigen?

Ja. Und die Parteistrategen müssen schon jetzt mit den Betroffenen diskutieren. Nehmen wir den CVP-Sitz. Doris Leuthard befindet sich zwar in einem absoluten Allzeit-Hoch. Die Partei selbst ist aber in keiner einfachen Situation.

Die AHV-Abstimmung kommt. Bundesräte verdienen nach dem Rücktritt über 200'000 Franken.

Wir erhalten die Hälfte eines Bundesratslohns. Das ist verdient für das, was wir geleistet haben. Ich habe 13 Jahre lang fast Tag und Nacht gearbeitet und praktisch auf alles verzichtet. Da möchte ich nach der Bundesrats-Zeit wenigstens normal weiterleben können. In Deutschland, Frankreich oder in den USA erhalten ehemalige Magistraten abgesehen vom Lohn zwei Sekretärinnen, Chauffeure, Bodyguards und Transportmöglichkeiten. Das haben wir alles nicht. Mein Büro, das ich wegen der vielen Briefe, Mails und Anfragen etc. führe, muss ich selber finanzieren.

Wer Sie reden hört, ist überzeugt: Sie sind für die AHV-Reform.

Dazu kann ich nur sagen: Ich stimme in der Regel wie der Bundesrat. Aber hier habe ich meine Meinung noch nicht gemacht.

Welche Pläne haben Sie mit 75 Jahren noch?

Den Plan, den Montblanc zu besteigen, habe ich aufgegeben. Auch die Blüemlisalp liegt nach meiner Schulteroperation, und weil meine Knie vom Bergsteigen und vom Militärdienst in Mitleidenschaft gezogen wurden, wohl nicht mehr drin. In fortgeschrittenem Alter muss man weise werden und solche Dinge akzeptieren.

Sie haben zweifellos andere Pläne.

Ich möchte noch meine Stiftungen pflegen. Die Stiftung «Freude herrscht», die wir im Andenken an meinen Sohn Mathias gegründet haben, will Kinder für Sport, Bewegung und Lebensfreude begeistern. Mit Swisscor machen arme und kranke Kinder aus Osteuropa Ferien in der Schweiz. Bei «Right to Play», die 700'000 Kinder in 25 Ländern bei Sportprojekten betreut, bin ich nur noch Ehrenmitglied.

Kinder scheinen Ihnen sehr wichtig zu sein.

Die Kinder von heute sind die Leader von morgen. Wollen wir eine bessere, friedlichere Welt – und die brauchen wir dringend –, müssen wir den Fokus auf die Jugend setzen. Da helfe ich, wo ich kann.

Mit 75 Jahren sind Sie unglaublich vital. Wie lautet Ihr Rezept?

Es tut mir gut, vor Leuten zu reden. Obwohl ich in meinen 13 Jahren als Bundesrat 2333 Reden hielt, wie die NZZ schrieb, ist die nächste Rede für mich immer die wichtigste und schwierigste. In letzter Zeit war ich an Diplomfeiern an den Universitäten Bern, München und Genf. Um diesen erfolgreichen Studenten geistigen Proviant mitgeben zu können, muss man sich vorbereiten. Das mache ich gerne. Gesund leben, Sport vernünftig treiben, Freude haben und anderen Menschen Freude bereiten.

Setzen Sie sich auch mit Ihrer Endlichkeit auseinander?

Das tue ich. Ich akzeptiere mein Alter. Wir kommen und wir gehen. Während die Natur noch da ist, wenn wir nicht mehr da sind. Das relativiert uns alle in unserer Bedeutung, in unserem Dasein. Auch einen Alt-Bundesrat!