Von Lea Durrer

Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht. Der Fahrer des Chevrolet-Cabrios bedient die Schaltung behutsam. Der Motor brummt und stottert, der pink glänzende Schlitten aus den 1950erJahren fährt aber ohne Panne durch die Strassen Havannas. Prachtbauten und Art-déco-Häuser wechseln sich ab mit Bauten, deren Fassaden bröckeln. Für eine Sanierung fehlt jedoch das Geld.

Die Zeit scheint hier in den 50er-Jahren stehen geblieben. Modern sind einzig die wenigen neuen Autos aus Japan, die sich auf den Strassen der 2-Millionen-Stadt unter die Pferdegespanne, Fahrrad- oder Mofa-Taxis und die Oldtimer mischen. Stressen lässt sich hier niemand. Die Kubaner haben alle Zeit der Welt. Das kann sich übrigens auch schon am Flughafen zeigen. Zwei bis drei Stunden aufs Gepäck zu warten ist keine Seltenheit.

Schätzungsweise 50 000 Oldtimer der Marken Cadillac, Buick, Ford, Chevrolet oder Chrysler, die in den 40er- und 50er-Jahren vor allem für die feiernden US-Amerikaner importiert wurden, fahren heute noch auf der Zuckerinsel herum. Doch kaum eines ist mehr im Originalzustand. Da wegen des Anfang der 60er-Jahre verhängten US-Handelsembargos auch Ersatzteile nicht importiert werden dürfen, fehlt es an Originalteilen. Die Kubaner zeigen sich aber äusserst erfinderisch, was das Reparieren ihrer Autos angeht. So werden alte sowjetische Motoren und allerlei andere Teile eingebaut, um die alten Schlitten am Laufen zu halten.

Wegen des Embargos und der Misswirtschaft der Regierung mangelt es auch an vielen anderen Produkten. Diese Not macht erfinderisch. «Wir Kubaner erfinden uns stets wieder neu», meint Pedro. Der Künstler stellt zusammen mit seiner Frau Lourdes seit 25 Jahren in einer Wohnung im Stadtbezirk Centro Habana Schaufensterpuppen und andere Kunstwerke aus Pappmaché her. Die beiden beweisen aufs Exempel, dass Kubaner wahre Improvisationstalente und Lebenskünstler sind. Oder wie kommt man sonst drauf, den Kleister aus aufgelösten Spaghetti herzustellen, weil es keinen Maniok mehr gibt?

Die unter Fidel Castro entstandene sozialistische Produktionsweise und die restriktive Wirtschaftspolitik haben dazu geführt, dass die Wirtschaft brachliegt und das Leben der Bevölkerung hart ist. Dies, obwohl der Wohnraum günstig bis gratis ist, Grundnahrungsmittel und Verkehr vom Staat subventioniert werden und Gesundheits- und Bildungssystem kostenlos sind. Die tiefen Löhne fordern aber Verzicht. Der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters beträgt 25 Franken pro Monat, ein Arzt verdient um die 85 Franken. Einzig eine Arbeit im Tourismus-Sektor ist lukrativer. Dort gibt es Pesos convertibles, die harte Touristenwährung. «Ein Arzt verdient weniger als ein Zimmermädchen oder Kofferträger», weiss der Schweizer Marcel, der seit einigen Jahren in Havanna lebt. Das schlechte Einkommen zwingt deshalb so manchen Doktor dazu, abends Touristen im Taxi herumzuchauffieren.

Ein Systemwandel wäre zwingend nötig, meint Reiseleiter Rafael. «Heute profitieren alle von den Subventionen, egal, ob sie etwas für die Gesellschaft tun oder nicht.» Ein Wandel dürfte von der jetzigen Generation aber nicht so einfach akzeptiert werden. Zu gross ist die Angst davor, dass sich das Sozialsystem mit den zahlreichen Subventionen zum Negativen wenden wird. Wann es zur Wende kommt, kann niemand abschätzen. Nur über das Wie gibt es genaue Vorstellungen: «Das soziale System soll bleiben, alles soll im Frieden geschehen, und die Kubaner wollen von Kubanern regiert werden», so Rafael.

Die Bevölkerung hofft auf einen Aufschwung, damit sich ihr Leben verbessert. Den sollen auch die Touristen bringen, die derzeit in Scharen kommen. 2014 stiegen die Zahlen um 20 Prozent auf fast 3 Millionen. Der Inselstaat hat in diesem Bereich aber noch viel aufzuholen: Erst seit Ende der 90er-Jahre hat das Land den Tourismus als wichtigen Wirtschaftszweig erschlossen. Die Qualität vieler staatlicher Hotels lässt zu wünschen übrig. Grosse Investitionen kann die Regierung nicht tätigen. Sie buttert jedoch seit einigen Jahren so viel Geld wie möglich in die touristisch stark frequentierten Plätze der Hauptstadt.

Diese Plätze könnten bald voller werden, denn es zeichnet sich eine baldige Öffnung der Karibikinsel ab. Nach fünfzig Jahren Eiszeit sind die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Kuba Ende 2014 wieder aufgenommen worden. Die US-Regierung in Washington will den Inselstaat von der Terrorliste nehmen und hat Mitte Januar die Handels- und Reisebeschränkungen gelockert. Seit März gibt es einen regulären Charterflug von New York nach Havanna. US-Amerikaner müssen noch einen Grund für die Reise angeben.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Kuba gegenüber der Welt öffnet, die Amerikaner die Insel überrollen und die Moderne Einzug hält. Wer weiss, wie lange das authentische Kuba, dieses Paradies für Vintage-Fans, ihren Charme behält? Es wäre schade, würde der Zauber einer vergangenen Welt verschwinden.

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