Von Alexandra Fitz

Der Himmel verfärbt sich dunkel, plötzlich geht ein kühler Wind, Sand wirbelt durch die Luft. Ein Sandstrum. Wir bringen uns in Sicherheit und beobachten das Schauspiel aus dem Fenster. Sandkörner fegen über den Boden, wie in einem Western. Fehlt nur der vorbeiziehende Strohballen. Und da kommt auch schon der Platzregen. Heftig und kurz, wie man ihn eben kennt.

Es ist der erste Regen seit Mai in der Wüste Israels. Doch an diesem letzten Oktoberwochenende ist er so ziemlich der ungebetenste Gast in der Negev. Er ist auch der Grund, warum es für uns Besucher einmal mehr heisst: Warten. «Sie holen euch ab, sie wissen noch nicht wann, aber sie kommen», richtet Marlis vom Kibbuz aus. Kibbuz, das kennen wir Westler doch nur vom Namen her. Diese Kommunen, eine Art ländliche Kollektivsiedlungen mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Zur Zeit der Gründung des Staates Israel lebten rund acht Prozent der Israelis in einem Kibbuz, heute sind es noch etwa 1,8. Viele beherbergen Gäste, um Geld zu verdienen.

Friedlich in der Wüste
Endlich, der Fahrer ist da. Mittlerweile ist es dunkel in der Wüste. Plötzlich taucht ein Lichtermeer auf. Das «InDNegev» Musikfestival. Seit zehn Jahren pilgern Israelis im Oktober in die Negev-Wüste, die rund 60 Prozent des Staates Israel einnimmt. 90 Fahrminuten von Tel Aviv entfernt feiern und tanzen sie von Donnerstag bis Samstag abseits jeglicher Zivilisation. Es ist das Burning Man des Nahen Ostens. Während das legendäre Festival im US-Bundesstaat Nevada 70 000 Menschen anlockt, fahren zum kleinen Bruder in Israel rund 10 000.

Nur ein paar Lehmbaracken haben hier in diesem sandig-staubigen Areal festen Bestand. «Mitzpe Gvulot», wie dieser Ort genannt wird, war einst einer der ersten Aussichtspunkte in der Wüste, erklärt Festivalveranstalter Assaf. 1943 galt er als Pioniersiedlung in der Negev. Deshalb sei dieser Platz historisch und werde oft von Schulklassen besucht.

Kein schlechter Ort, um die ganze Nacht lang Musik zu spielen. Rock, Reggae, elektronische Musik. Auf dem InDNegev – InD steht für Independent – sind unterschiedlichste Musikszenen vertreten. «Mehr experimental, weniger Mainstream», erklärt Assaf. Das Festival ist beliebt, es bietet Jungtalenten eine Chance. 800 Bands haben sich beworben, 130 werden an drei Tagen spielen.

Bei unserer Ankunft stehen zwei 18-jährige Frauen auf einer kleinen Bühne und spielen Punkrock. Der Frontsängerin reisst eine Gitarrenseite, wir kriegen Hunger. Die Essens-Stände sind alle auf hebräisch angeschrieben, wir verstehen kein Wort. Ein Israeli zieht mit uns geduldig von Stand zu Stand und übersetzt. Sich unterhalten ist kein Problem, in Israel sprechen fast alle gut Englisch.

Während die Festival-Besucher nach und nach zu ihren Zelten schlendern, fahren wir mit Micki zurück in unseren Kibbuz. Warum denn alle so friedlich seien, wollen wir von ihm wissen. Schliesslich haben auf Festivals die Leute bei Dunkelheit meist schon ordentlich getankt. Torkeln, pinkeln überall hin, machen Blödsinn und pöbeln. «Das ist das Woodstock von Israel», sagt Micki. «Wir trinken in Israel nicht viel Alkohol, wir rauchen alle Weed. Deswegen sind wir so peaceful.» Wohl wahr, der Gras-Geruch liegt stets in der Wüstenluft. Betrunken hingegen ist keiner.

Am nächsten Morgen sehen wir endlich das ganze Wüsten-Gelände. Während auf der Fahrt noch ein paar saftgrüne Orangenbäume mit fast reifen Früchten der Sonne trotzen, ist hier alles sandgelb und staubtrocken. Die jungen Leute schlendern barfuss und in Sandalen durch den Sand. Im Oktober ist es in der Wüste zum Glück nicht mehr allzu heiss, doch über 30 Grad hat es auch im Herbst noch. Kopfbedeckung ist ein Muss. Egal, ob Turban, Tuch, Hut oder T-Shirt. Nicht nur die chillig-friedlichen Festivalianer, sondern auch ihre Kleider lassen uns in Flower-Power-Zeiten wähnen. Während sich bei uns Mädchen schon Wochen vor der Festival-Saison ihr Outfit überlegen, Zeitschriften mit Festival-Mode gespickt sind und uns Stars und Sternchen am bekannten Glastonbury zeigen, wie man sich richtig kleidet, macht man sich in der Wüste dazu keine Gedanken.

Die Besucher in der Negev sehen aus wie echte Hippies – nicht wie Modekatalog-Alternative. Ihre Haare haben sie zu Rastas gezwirbelt, ihre Kleider erinnern an die 70er-Jahre, und Schminke hat hier keine Einzige im Gesicht. Getanzt wird barfuss oder in Klettverschluss-Sandalen. Hierzulande würde sich kaum ein junger Mensch mit praktischen Trekking-Sandalen vor die Haustüre trauen – aus Angst, ausgelacht zu werden.

Dösende und tanzende Kinder
Es gibt noch einen Unterschied zu westlichen Festivals, den wir in seinem ganzen Ausmass erst am helllichten Tag bemerken. Das Festival ist voller Kinder. Sie sitzen in Laufgittern und spielen, liegen mit ihren Eltern auf Bastteppichen im Schatten der Zeltplanen und dösen. Kleinkinder sitzen auf den Schultern von Papi oder im Tragetuch von Mami, die Ohren geschützt mit Riesenkopfhörern, sind sie mitten im Konzert.

Auch Hedens steht mit ihrem vier Monate alten Baby im Zelt, in dem elektronische Musik gespielt wird. «Ich habe ein Festival-Kind. Ich war letztes Jahr gerade schwanger. Ich werde mein Kind jedes Jahr mitnehmen», sagt die junge Mutter. Abends liegen die müden Kinder auf Decken. Zugedeckt schlummern sie, bis sie von ihren Eltern ins Zelt getragen werden.

Drei Wochen dauert der Aufbau des Wüstencamps. «Wir müssen eine komplette Stadt bauen», sagt Assaf. «Es gibt kein Wasser, keine Elektrizität.» Der Abbau dauert eine Woche.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Ein Zelt für die religiösen Besucher. Im «inDtox», was für Entgiftung steht – versammeln sich ab Freitag 17 Uhr gläubige Festivalbesucher zum Essen und Beten. Sie feiern Sabbat. Vor ein paar Jahren wurde einer der Veranstalter religiös. Er fragte seinen Rabbi, was er tun solle. Dieser meinte: «Kombinier die Musik und die Religion!» So schuf er das Zelt ausserhalb der Festivalzone. «Wo ist das Sabbat-Zelt», fragen wir einen Polizisten, der am Eingang steht. Er antwortet: «Ich weiss es nicht genau, aber folgt einfach der Stimme des Rabbi.» Im Zelt stehen Männer mit langen Bärten in weissen Gewändern. Sie bereiten die Feier vor, auf einem kleinen Tisch liegen Gebetsbücher.

Nach drei Tagen endet das Wüstenfestival. Micki holt uns ab. Während wir die temporäre Zeltstadt hinter uns lassen und der Bus eine Staubwolke hinterlässt, sagt er ganz beiläufig: «Da hinten, da beim zweiten Hügel, da beginnt der Gazastreifen.» Wir sind sprachlos, können es kaum fassen, dass Tausende von Menschen so wenige Kilometer neben dem Krisengebiet drei Tage friedlich feiern.

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