Von Silvia Schaub

Der Blanke Hans zeigt sein Gebaren, noch bevor wir den ersten Fuss auf Sylt gesetzt haben. Auf dem Hinden- burgdamm peitscht der Regen gegen die Fensterscheiben des IC, und draussen tobt das Meer. Keine sehr freundliche Begrüssung. Die Fahrt von Hamburg durch die flache Landschaft vorbei an Getreidefeldern und Windrädern Richtung Sylt kommt uns eher vor wie eine Reise ans Ende der Welt. Ist es eigentlich auch. Danach kommt nichts mehr, nur noch das offene Meer. Und genau deshalb zieht es zur Ferienzeit Abertausende an diesen Sehnsuchtsort. Vor allem Deutsche und immer öfter auch Schweizer, seit es ab Zürich in der Sommersaison Direktflüge gibt.

Gut möglich, dass manche die Nordseeinsel bereisen, um in den Szenelokalen Sansibar, Pony, Gogärtchen oder Kupferkanne das Jetset-Leben zu geniessen oder in den Luxusboutiquen in Kampen oder Keitum zu shoppen. Es gibt aber noch einen anderen Grund, Sylt zu bereisen. Schliesslich lockt hier eine überaus reiche Natur – eigentlich fast überall auf der 38,5 Kilometer langen Insel, insbesondere im Norden, in List, rund um das Rantumer Becken und im Süden um Hörnum – sie wollen wir erleben und die Seele der Insel entdecken und spüren.

Also gehts zuerst vom Fischerdörfchen Keitum vorbei am mondänen Kampen nach List, wo wir Diane Seidl treffen. «Moin, moin», begrüsst die Meeresbiologin die Teilnehmer der Dünenwanderung, auch wenn der Morgen schon längst vorüber ist. «Moin» hat auch nichts mit einer morgendlichen Begrüssung zu tun, erfahren wir, sondern leitet sich vom alten Seefahrergruss «Mojen Wind» (guten Wind) ab. In Einerkolonne folgen wir Diane Seidl, denn auf unserer Wanderung durch die Dünenlandschaft ist es verboten, seinen Fuss neben den Weg zu setzen. Schliesslich durchschreiten wir gerade den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, den grössten in Mitteleuropa. Seit 1985 ist der ganze Bereich zwischen der deutsch-dänischen Grenze und der Elbemündung in der höchsten Schutzgebietskategorie.

In den Lister Wanderdünen
Bereits ab 1923 wurden auf Sylt einzelne Gebiete unter Schutz gestellt. Davor ritten die Sylter quer über die Heide, sammelten in den Dünen Möweneier und pflückten Stranddisteln als Souvenirs. Bis Anfang der 1920er-Jahre priesen Sylter Reiseführer gar «das Spazieren und Rasten in den Lister Wanderdünen».

Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann schwärmte von ihnen: «Es ist hier wie auf den Gletschern eines Hochgebirges.» Seit Sommer 2009 gehören nicht nur sie, sondern auch das Wattenmeer vor der Insel zum Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer. So sind mittlerweile gut 50 Prozent der 100 Quadratkilometer grossen Insel Schutzzone.

Karg und rau ist die Landschaft heute noch. Wir fühlen uns eher wie auf dem Mond als auf einem Gletscher. Wilde Tiere entdecken wir auf der Expedition nicht. Aber Diane Seidl zeigt uns, dass diese wüstenartige Landschaft durchaus lebt. «Diese Löcher hier etwa sind eine Art Hotels für Kröten.» Später als wir über den Mövenberg-Deich Richtung Ellenbogen der Küste entlang wandern – vielmehr gegen den Wind ankämpfen –, kommt uns das Meer bei Ebbe ein bisschen wie eine riesige Schlammpfütze vor. In Wirklichkeit aber soll sie eine regenerative und ganz ökologische Wasseraustausch- und Filteranlage für die Nordsee sein. Jedenfalls wimmelt es um das Inselchen Uthörn von Zugvögeln, die hier Zwischenhalt auf ihrem Weg nach Süden oder Norden machen. Pfuhlschnepfen, Knutt oder Alpenstrandläufer finden im Watt eine reichhaltige Tankstelle.

Das Wasser muss gut sein hier, denn in der Blidselbucht vor List gibt es sogar Austernbänke. In Deutschlands einziger Austernzucht reifen jährlich zwischen zwei und drei Millionen der exklusiven Muscheln heran, die man unter dem Label «Sylter Royal» geniessen kann. Am besten natürlich direkt im gemütlichen Bistro bei Dittmeyer’s Austern-Compagnie. Frischer sind sie nirgends.

Nicht zum Essen, dafür zum Bestaunen sind die Seehunde, die wir am nächsten Tag auf einer Rundfahrt auf dem Schiff vor Hörnum an der Südspitze der Insel sichten. Phlegmatisch suhlen sie sich in der Sonne und frönen dem Nichtstun. Wer diese Tiere aus nächster Nähe betrachten will, muss sich einfach eine Weile an den Hörnumer Hafen stellen. Dort hat Willy, der eigentlich ein Weibchen ist, sein Zuhause. Mit einem frischen Hering macht man ihn glücklich.

Naturgewalt von oben
Nochmals kurz zurück zu den Wanderdünen, die wir am Vortag in List nur von weitem bestaunen durften. Dennoch ein besonderes Schauspiel: Je nach Licht leuchten sie fast weiss. Der Wind hat hier als Zen-Meister gewaltet und sie mit filigranen Mustern überzogen. Kaum zu glauben, dass diese riesigen Buckel jährlich bis zu zehn Meter nach Osten wandern. Aber da ist auch der Blanke Hans (die bildhafte Bezeichnung für die tobende Nordsee bei Sturmfluten), der an der Insel nagt und jährlich 1 bis 4 Meter der Westseite der Insel abträgt. Die Insel verändert sich dauernd, verliert jedes Jahr eine Million Kubikmeter Sand. Was das für die Insel und ihre Bewohner bedeutet, ist für die Sylter ein omnipräsentes Thema. Irgendwann einmal werde es die Insel nicht mehr geben, sagen manche. Um das zu verhindern, werden seit 1976 Sandaufspülungen durchgeführt. Mit einem Spülschiff wird aus einem 8 Kilometer vor der Küste liegenden Gebiet Sand entnommen und an den Sylter Strand gepumpt.

Die Dimensionen dieser Naturgewalten kann man besonders gut vom einzig begehbaren Leuchtturm in Hörnum aus bestaunen. Leuchtturmwächter Knut Remmer, der uns im Sylter Dialekt Sölring empfängt, weiss launige Geschichten zu erzählen, als wir die 138 Stufen des Turms erklimmen.

Wie klein die nördlich gelegene Uwe-Düne – mit 52 Metern immerhin Sylts höchste Erhebung – von hier oben wirkt. Die reetgedeckten Häuser zwischen den Dünen erinnern uns an ein Hobbitland. Selbst das Rote Kliff vor Kampen, vor dem wir kurz zuvor noch beeindruckt standen und den Sand schaufelnden Arbeitern bei ihrer Sisyphos-Arbeit zuschauten, ist plötzlich ganz niedlich. «Und dort die Odde», zeigt Knut Remmer Richtung Süden. «Früher brauchte man drei Stunden, um Sylts Südspitze zu umrunden, heute nicht einmal mehr eine Stunde.» Der Fragilität der Insel wird man sich bewusst, wenn man die Odde abläuft, durch den Sand stapft, vorbei an den Buhnen und Tetrapoden, die den «Blanken Hans» aufhalten sollen. Bei all der eindrücklichen Naturpracht vergessen wir glatt, dass Sylt auch eine andere Seite hat.

Diese Reise wurde unterstützt von Railtour Suisse, Air Berlin und Sylt Marketing.

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