Von Fritz Thut

Es ist surreal. Nach vier Tagen purer Natur, garniert mit grauesten Industriestädten; nach einem Wechselspiel von chinesischem «Ballenberg» und wohl dosierten Einblicken in den Alltag des grössten Volkes der Erde plötzlich dies: Las Vegas mitten im Reich der Mitte.

Die nächtliche Ankunft des Flusskreuzfahrtschiffes «Santuary Yangzi Explorer» in der grössten Stadt der Welt, wie die riesige «eigenständige Verwaltungseinheit» Chongqing mit ihren rund 30 Millionen Einwohnern gerne genannt wird, ist eindrücklich: Die Brücken über den Jangtse sind zum Empfang der abendlichen Gäste ebenso bunt beleuchtet wie zahlreiche Wolkenkratzer an den Ufern.

Dort, wo mitten in der zentralchinesischen Metropole der Jialing in den Jangtse fliesst, macht das Glitzerlicht eine kleine Pause. Als ob ein schwarzes UFO hier gelandet wäre. So scheint es vom Wasser aus. Doch das von einem deutschen Architekturbüro entworfene Opernhaus präsentiert sich wenig später dem vorbeischwebenden Besucher als gigantische Leinwand: Auf der Aussenfassade flimmern Werbefilme.

In Surrealistan ist früh Lichterlöschen. Kaum ist an der Bar auf dem Aussichtsdeck der Absacker getrunken, verwandelt sich das Las Vegas von eben in eine dunkelgraue Masse. Nur noch einzelne Reklamen oder die ganz späten Casino- und Restaurantdampfer durchbrechen den aufziehenden Nebel. Oder ist es doch Smog? Offiziell gibt es hier die in nördlichen chinesischen Grossstädten nicht mehr bestrittene Industriedunstglocke nicht. Der Stadtführer am nächsten Tag weiss jedenfalls von nichts – und wechselt elegant das Thema.

Die Mega-City hat sich in den letzten Jahren stets um sauberere Fabriken bemüht. Heute kommt ein Drittel aller Laptops der Welt aus Chongqing. Dies belastet die Umwelt weniger als früher die Schwerindustrie. Tatsächlich: Bei einer Führung durch die Kernstadt, zwischen Stadthalle, Museen und historischen Shopping-Malls, fällt dem Besucher das Atmen nicht schwer. Atemlos macht höchstens die hohe Kadenz der Zeitsprünge. Im Huguang-Museum ist man in die Zeit der Qing-Dynastie zurückversetzt, und gleich nebenan stehen Hochhäuser und Brücken in futuristischem Design.

Wenn der Tourist in Chongqing, am Zielort der Flusskreuzfahrt, ankommt, ist er schon bestens vorbereitet auf Superlative. Vier Tage zuvor erfolgte in der Dämmerung das Einchecken in der Nähe von Yichang, einer Stadt gut zwei Flugstunden westlich von Schanghai. Die «Yangzi Explorer» ist in China das Flaggschiff des im gehobenen Segment angesiedelten Tourismusanbieters Sanctuary Retreats. Das Schiff ist zwar nicht mehr ganz neu, zeichnet sich jedoch durch einen überdurchschnittlichen Service aus. Auf fünf Decks sind neben den allgemeinen Räumen für Gastronomie, Spa und Lobby 62 Zimmer für maximal 124 Gäste untergebracht.

Man ist stolz auf diese tiefe Zahl. Offensichtlich werden auf den 70 andern Kreuzfahrtschiffen auf dem Jangtse bis zu 300 Passagiere, mehrheitlich Binnentouristen, zusammengepfercht. Auf der «Yangzi Explorer» kommt man dank den grosszügig dimensionierten Suiten auf eine 1-zu-1-Quote zwischen Gästen und Personal. «Wir legen hier zudem grossen Wert auf die Ausbildung», so Cruise-Direktor George Salamon, der bereits seit 14 Jahren auf dem längsten chinesischen Fluss unterwegs ist und dank seinen früheren Arbeitgebern Vergleichsmöglichkeiten besitzt.

Die Flusskreuzfahrer können sich an der guten Infrastruktur und – falls gewünscht – einer Rundum-Betreuung mit vielfältigen landestypischen Animationsangeboten erfreuen. Dazu gehört die morgendliche Tai-Chi-Lektion, falls es der Wind zulässt, auf dem offenen Oberdeck. Oder die Einführung in das in China leidenschaftlich gespielte Mahjong. Oder die vom Chefkoch persönlich durchgeführte Anleitung zur Herstellung von Dumplings, jener landestypischen Verwandten unserer Ravioli. Englischsprachige Fernsehsender und WLAN lassen den Kontakt zur Welt nicht abbrechen, wobei der Internetzugang sich auf Seiten beschränkt, die auch dem Durchschnittschinesen offenstehen. Also nichts mit Google und Facebook.

Einzigartig auf diesem 4-Tages-Trip auf dem Jangtse sind jedoch nicht das ausgezeichnete Essen und die weiteren Annehmlichkeiten auf dem Schiff, sondern die vorbeiziehende Landschaft und die Landausflüge. Die Schluchten Xiling, Wu und Qutang werden marketingmässig nur im Trio-Pack angeboten, doch bieten sie jede für sich beeindruckende Ein- und Ansichten: hintereinandergeschachtelte Dreieck-Berge in abgestuften Grün- und Grautönen und dazwischen das sich in Grau-Blau dahinschlängelnde Band des Flusses.

Das riesige China ist ein Vielvölkerstaat. Die Tujia sind eine der 55 anerkannten Ethnien. Diese Minderheit zählt gleichviele Mitglieder wie die Schweiz Einwohner. Stolz ist man auf Vergangenheit und Brauchtum. Sichtbar wird dies in einem Seitenast der Xiling-Schlucht. In diesem «Ballenberg» präsentieren Tujia in ihren farbenfrohen Trachten ihr früheres Handwerk. Plötzlich ertönt ein Flötenspieler und auf einer Barke sitzt unter einem hellblauen Papierschirm eine junge Frau.

Solche Landgänge gehören zu jeder Kreuzfahrt. Im Seitenfluss Shennong bei der Stadt Badong wechseln die Touristen in kleine Ponton-ähnliche Weidlinge und können so erfahren, wie früher – damals von nackten Männern – per Muskelkraft auf dem Fluss manövriert wurde. Inzwischen ist man hier im Tourismus-Zeitalter angekommen und die verkaufstüchtige Führerin Amy verschachert mit ihrem unwiderstehlichen Charme jedem Gast eine DVD mit dem Auftritt ihres Tujia-Frauenchors.

Oberhalb der obersten der drei Schluchten kann Baidicheng, «Die Stadt des Weissen Kaisers», besucht werden. Der ihm geweihte Tempel liegt auf einem 200 Treppenstufen hohen Hügel. Auf halber Höhe zücken aber bereits alle Chinesen ihre Kameras und fotografieren eine 10-Yuan-Note vor der Landschaft: Die Ansicht der Qutang-Schlucht von hier ist auf dem Zahlungsmittel verewigt.

Baidicheng ist eine Insel. Dem war nicht immer so. Die fixe Landverbindung fiel der Drei-Schluchten-Talsperre zum Opfer. Weit über 100 Meter wurde der Pegel des Jangtse mit dem Bau des gigantischen Wasserkraftwerks angehoben. Nach dem von 1993 bis 2007 dauernden Bau versanken gut 150 Städte und 1600 Dörfer in den angestauten Fluten. 1,3 Millionen Menschen mussten umgesiedelt werden.

Ein mulmiges Gefühl macht sich bei den Kreuzfahrern breit, wenn man daran denkt, über Geisterstädte zu schweben. Die positiven Seiten des Mammutbauwerks erfährt, wer in Sandouping das «Three Gorges Project Exhibition Center» oder den eigens neben der zwei Kilometer langen Staumauer erstellten Park besucht. Zum Drei-Schluchten-Bauwerk gehört neben der Talsperre zur Stromerzeugung ein fünfstufiges Schleusensystem, durch das nun selbst 10 000 Tonnen schwere Frachtschiffe bis nach Chongqing gelangen können. Die «Yangzi Explorer» hat die Hebevorrichtung in gut drei Stunden passiert.

Oberhalb der Sperre wird den Touristen in Fengdu gezeigt, wie neue Stadtteile die im Wasser versunkenen Quartiere ersetzen. Im benachbarten älteren Teil gibt es einen Markt, wo Chili und scharfer Pfeffer angeboten wird. In einer düstern Seitengasse mit freifliegenden Stromkabeln und zum Trocknen aufgehängter Wäsche wird den ausländischen Gästen eine kleine Idylle präsentiert: ein privater Kindergarten mit 100 Schülern in zwei Klassenzimmern und einem properen Spielgarten. Die Kinder sind bestens auf die Besucher getrimmt; singen und spassen. Die erwartungsvolle Zukunft des Landes, so wie sie gesehen werden soll.

Die Reise wurde ermöglicht durch Air France/KLM, Sanctuary Retreats und The Peninsula Shanghai.

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