«Oh! Sie sind eine Hochleistungssportlerin», höre ich aus dem Mund von Sven Huckenbeck. Ich stehe im Behandlungsraum des Schlosshotels Friedrichsruhe in Zweiflingen in Hohenlohe. Solche Schmeicheleinheiten gehen runter wie Balsam, auch wenn ich mich bis dato nicht als Hochleistungssportlerin bezeichnet hätte. Ist der regelmässige Besuch von Pilates und Poweryoga also doch nicht ganz für die Katz gewesen?

Doch der Sportwissenschafter lässt meine Freude schnell wieder verblassen. «Sie trainieren das Sitzen während der Arbeit acht Stunden am Tag und dann nochmals ein paar Stunden vor dem Fernseher. Nicht wahr?» Natürlich hat er recht. Deshalb sieht er auch gleich, dass meine Schultern vornüber hängen und völlig verspannt sind. Da ist Sitzen natürlich alles andere als ideal für den Körper, der evolutionär gesehen noch ein Jäger und Sammler ist, wie mir Huckenbeck in Erinnerung ruft. «Aber von klein auf werden wir aufs Sitzen trainiert – erst im Kindergarten, dann in der Schule und später im Beruf», beschreibt der Spa-Manager die typische Karriere eines Sitzsportlers.

Alles, was wir viel tun, trainiere unseren Körper. Damit mir das auch visuell einleuchtet, holt er ein rotes und ein grünes Gummiband hervor und erklärt mir, was da falsch läuft. «Der Körper passt sich dem täglichen Trainingsreiz an, die Muskulatur auf der Vorderseite spannt und verkürzt sich.» Irgendwo haben wir das alle schon mal gehört. Sven Huckenbeck belässt es indes nicht beim Ermahnen, sondern hat eine Behandlung entwickelt, die dieser Fehlhaltung entgegenwirken soll. Bio-Balance nennt er sie. Deshalb hat er ein paar Stunden zuvor an meinem Rücken gezogen und gedrückt. Das war alles andere als eine Kuschelbehandlung. Doch irgendwann hat jeder Muskel nachgegeben.

Mithilfe der Myoreflextherapie nach Dr. med. Kurt Mosetter löste Huckenbeck meine falschen Spannungsmuster im Körper auf. «Das gibt dem Körper wieder Energie für die Beweglichkeit und den Geist, Sie werden schon sehen», verspricht der studierte Sportwissenschafter. Danach schmierte mir seine Kollegin die Meridiane mit einem mit Traubenkernöl veredeltem Fango ein und ich durfte auf einem Wasserbett einfach nur entspannen. So hatten wir uns doch eine Wellness-Behandlung schon eher vorgestellt. Etwas Streicheleinheiten und Kuschelmassage. Doch immer mehr Wellness-Hotels entwickeln zusätzlich Programme, die die Gäste auch nach dem Aufenthalt fit halten sollen. «Mittlerweile verlangt der erfahrene Gast eine nachvollziehbare Wirkung bei jeglicher Form von Behandlungen», stellt Huckenbeck fest, der 2014 zum besten Spa-Manager gekürt wurde. «Was liegt mir da als Sportwissenschafter näher, als mich mit der Leistungsfähigkeit der Menschen zu befassen und die in einem modernen Behandlungstrainingskonzept in kurzer Zeit wieder zum Vorschein zu bringen.» Deshalb habe er auf das Bio-Balance-Konzept viel positives Feedback bei den Gästen erhalten. Nicht zuletzt deshalb, weil Huckenbeck auch ein paar einfache Übungen mit nach Hause gibt. «Sie sind wichtig, damit der Behandlungserfolg lange erhalten bleibt.»

Auch Harald Kitz ist die körperliche Nachhaltigkeit ein Anliegen. «Die Wellness-Anlagen werden immer schöner, aber die Gäste immer schwächer», doziert er bei seinem Besuch im Hotel Hof Weissbad im Appenzell, wo er kürzlich für einige Tage die Therapeuten instruierte. Zu kopflastig seien sie, zu verspannt. Deshalb will er sie mit seiner Haki-Methode wieder erden. Haki steht nicht nur für sein Namenkürzel, sondern auch Japanisch für Ha = Sonne und Ki = Energie, Sonnenenergie sozusagen.

Wie das vonstattengeht, erfahre ich sogleich – im Wasser beim Haki Flow. «Dadurch ist der Effekt noch intensiver», verspricht der Therapeut. Ein bisschen fühle ich mich im ersten Augenblick an «50 Shades of Grey» erinnert, legt mir Harald Kitz doch eine Art Fesseln um die Füsse, die an Seilen angebracht sind. Dann drückt er meinen Körper ins Wasser, sodass nur noch das Gesicht an der Luft ist. «Durch die Nase einatmen und durch den Mund wieder aus», höre ich seine Stimme durchs Wasser. «Loslassen! Entspannen!» Ganz fein und langsam bewegt er meinen Körper – und dennoch höre ich es knacken, als ob ein ganzer Berg verschoben würde. Der Nacken tut weh, der Arm auch. Doch allmählich verschwinden die Schmerzen, und es macht sich ein wohliges Gefühl breit. Das Wasser beginnt durch die Schwingungen zu klingen und ich fühle mich alsbald wie ein Teil eines Orchesters. Das ist ganz im Sinne des Therapeuten und Musikers, dessen Methode im vergangenen Jahr mit dem European Health & Spa Award als «Best Signature Treatment» ausgezeichnet wurde. Er nehme die Menschen wie Musikinstrumente wahr und erkenne sie als diese, erzählt er später. Wie lange ich im Wasser war, weiss ich nicht. Das Zeitgefühl ist weg, die Schwere ebenfalls, insbesondere der Druck von Schultern, Nacken und Kopf. Die Druck-, Streich- und Schwingbewegungen haben offensichtlich meine Disharmonie im Körper aufgelöst. Kitz drückt mir zur Verabschiedung ein gemischtes Massageöl aus Weihrauch, Minze und Zimt in die Hand und erklärt mir drei Übungen, die ich mir als eine Art Homespa täglich gönnen solle.

Auch Sven Huckenbeck gibt mir einige Tipps auf den Weg, damit ich die wieder erlangte Beweglichkeit im Alltag behalten kann. Dazu klemmt er mir zum Beispiel einen Stock unter die Arme. Ich muss die Ellbogen dagegen drücken und die Schulterblätter zusammenpressen. «Spüren Sie, wie diese einfache Übung den ganzen Körper öffnet?» Das sieht nicht nach grosser Anstrengung aus, ist es aber. Doch die Übung löst tatsächlich etwas aus – zumindest, dass ich nun zu Hause immer einen Stock in Reichweite habe, um mich aufzurichten, wenn ich mal wieder nicht im Lot bin.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper