Die Segel sind gesetzt. Der Blick auf den Horizont gerichtet. Die Finger umfassen das mit Leder umspannte Steuerrad. Nur das Rauschen des Windes ist zu hören. In der Ferne zieht die grüne Hügelkette von Sardiniens Ostküste an uns vorbei. Vor zwei Tagen sind wir in Olbia eingeschifft. Zu John und Julia Parsons auf die «Ocean Wind». Die Segeljacht ist für die nächsten zwei Wochen unser Zuhause. Das Ziel: Den internationalen Segelschein für Bareboat Skipper sowie das Funkbrevet erlangen. Künftig wollen mein Mann und ich allein hinaus aufs Meer. Ahoi, Weltmeere, wir kommen!

Noch ist es allerdings nicht so weit. Wir können zwar bereits segeln, zumindest auf Seen, wir sind im Besitz des Schweizer Binnengewässerscheins, doch auf dem Meer ist alles grösser, die Wellen höher und der Wind stärker. Bereits in den ersten Tagen bläst ein harter Wind. Die See ist rau. Die Wellen führen Schaumkrönchen. Wir haben sechs Beaufort. Neun wären Sturm und zwölf Orkan. Ich muss das Steuerrad ziemlich gut festhalten. Wir segeln hart am Wind. Immer mal wieder schwappen Wellen über den Bug. Das Boot ist über 35 Grad gekrängt, die Reling im Wasser.

«Was schlägst du vor», ruft John. Ich: «Reffen?» Richtige Antwort. Sobald der Druck auf die Segel zu gross ist, verliert man die Kontrolle über das Schiff, die Segel können reissen und man verliert an Geschwindigkeit. John gibt Anweisungen, wie die Segel zu verkleinern sind. Ruhig. Sachlich. Der gebürtige Australier ist in Melbourne mit Segelschiffen aufgewachsen und war schon in unzähligen Gewässern unterwegs. Mal als Kapitän von grossen Ausflugsseglern auf den Whitsunday Islands, mal als Skipper für Luxusjachten im Mittelmeer oder als Sparringspartner bei Weltumsegelungen.

Wind, Luft und Wasser sind seine Elemente. Mit 52 Jahren hatte er genug gespart, um seinen lang gehegten Traum des eigenen Schiffes zu erfüllen. Die «Ocean Wind» hat das Rennen gemacht. Eine Bavaria 42, hergestellt im deutschen Bundesstaat Bayern, 13 Meter lang, fast vier Meter breit und mit einem Tiefgang von 1,95 Meter. Eine Küche, vier Kabinen sowie zwei Toiletten und Duschen gibt es an Bord.

Seit drei Jahren sind John und Julia Parsons nun jeweils von April bis Oktober auf der «Ocean Wind» unterwegs und bieten Segelkurse oder Chartertörns an. Meist im Tyrrhenischen Meer, welches im Osten die italienische Küste und im Westen die Inseln Sardinien und Korsika umspült. John ist kommerzieller Schiffsführer und Segelinstruktor für International Yacht Training (IYT). Julia diplomierte Sportlehrerin. Im Winter sind die beiden in Wengen BE Skilehrer. Dort lagern sie auch in einer kleinen Wohnung ihre wichtigsten Habseligkeiten. «Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit tragen viele in sich, doch die wenigsten folgen ihr», sagt John.

Schlafen unter Sternen
«Die Selbstständigkeit bringt nicht unbedingt weniger Arbeit mit sich, doch eine grosse Befriedigung», sagt John. Er steht morgens als Erster auf und geht abends als Letzter ins Bett. Nachts prüft er manchmal den Anker. Auch in dieser Nacht. Wir liegen in der Bucht Cala Brandinchi, unweit vom Dörfchen San Teodoro vor Anker. Der starke Westwind hat zwar etwas nachgelassen, doch noch immer rüttelt er an der «Ocean Wind». Ich erwache mehrmals und rufe mir in Erinnerung, was John gesagt hat: «Selber zu ankern ist sicherer, als das Boot an einer Boje zu befestigen. Anders als beim Anker, weiss man nicht, wer sie installiert hat.» Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu vertrauen: in seine Worte und den Anker. Die Wellen wiegen mich zurück in den Schlaf.
Am nächsten Morgen präsentiert sich die Bucht von ihrer schönsten Seite: türkis Wasser, weisser Sandstrand und ein paar Kühe, die am Waldrand frische Knospen von Rosmarin- und Thymian-Sträuchern fressen. Nur ein paar andere Segelboote tanzen noch um ihren Anker. «Herrlich», ruft Julia und springt für einen kurzen Morgen-Schwumm ins frische Nass.

Nach Kaffee und Müesli an Deck geht es raus aufs offene Meer. Es weht eine frische Brise – zwischen drei und vier Beaufort. Optimal, um mit der «Ocean Wind» vertraut zu werden und erste Manöver zu üben. «Zu sehen, welche Fortschritte in zwei Wochen möglich sind, gibt mir eine grosse Befriedigung», sagt John. Fünf bis sechs Stunden segeln wir ab jetzt täglich. Erst geht es noch ein paar Tage an der Ostküste entlang weiter südlich, dann in Richtung Norden. Unser Plan, wenn Wind und Wetter es erlauben: Korsika. Mittags ankern wir in kleinen Buchten oder wir segeln durch. Am späteren Nachmittag kommen wir meist an unserem Nachtplatz in einer Bucht an.

Gefaulenzt wird dann allerdings noch nicht. Erst heisst es Theorie büffeln. Es gibt einiges zu lernen. Verkehrsregeln, Wetterkunde, Gezeiten, Strömungen, Navigation mit GPS, aber auch mit Kompass und Seekarte sowie Funken und Verhalten in Notsituationen. «Mayday, Mayday, Mayday», «This is Ocean Wind, Ocean Wind, Ocean Wind».

Glücklicherweise bleibt in den zwei Wochen der Notruf Theorie. Auch unterlaufen uns keine gröberen Fehler. Weder halsen wir unkontrolliert, noch rammen wir bei den Anlegemanövern in den Häfen andere Schiffe oder die Kaimauer. Auch «Mann über Bord» können wir mit einem Fender üben. Es läuft gut. Sobald wir ein Manöver beherrschen, üben wir das nächste. Sodass wir bis zum Ende des Kurses alle notwendigen Fähigkeiten besitzen, um künftig selber Segelschiffe chartern zu können.

Prüfung auf dem Boot
Doch erst steht noch die Segeltheorieprüfung an. Der schriftliche Funk-Test ist bereits absolviert. Wir ankern bei den Lavezzi Inseln, zwischen Sardinien und Korsika. Zum Znacht gibt es Gemüse-Curry. Julia hat gekocht. Gestärkt setzen wir uns hinter den Fragebogen. Dass mit Isobaren der Luftdruckverlauf auf Wetterkarten dargestellt wird, fällt mir leider erst nach der Prüfung wieder ein. Sonst liefs ordentlich.

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf und halten Kurs auf Bonifacio. Eine mittelalterliche Stadt, im Sünden von Korsika, mit spektakulärer Hafeneinfahrt. Links und rechts ragen Klippen aus dem Meer. Nur ein schmaler Durchgang führt in die geschützte Marina. Nun heisst es: Auswärts essen gehen. Ich bestelle Moules et frites und Rosé. Es gibt etwas zu feiern: Alle Prüfungen sind bestanden, und auch in der Praxis beherrschen wir alle Manöver. Wir sind jetzt Bareboat Skipper.

So wird man Bareboat-Skipper:
Für Binnen- und Küstengewässer hat jeder Staat seine eigenen Vorschriften. In der Schweiz gilt: Hat ein Segelschiff mehr als 15 Quadratmeter Segelfläche, ist eine praktische und theoretische Prüfung Pflicht. Die Schweiz stellt Führerscheine für Binnengewässer (Kat. D) und Hochsee aus. Doch nicht immer anerkennen Hafenbehörden im Ausland die Ausweise anderer Länder. Deshalb haben sich mehrere Länder auf ein «International Certificate for Operators of Pleasure Craft», kurz ICC, geeinigt. Wer bereits im Besitz eines Schweizer Hochsee-Scheins ist, kann den ICC beim zuständigen kantonalen Schifffahrtsamt beantragen. Die Alternative: Man besucht gleich einen internationalen Segelkurs. Einer der grössten Anbieter ist «International Yacht Training» kurz (IYT). 150 lizenzierte Partnerschulen auf der ganzen Welt bieten aktuell in 41 Ländern Kurse an. Einer der beliebtesten Kurse ist der International Bareboat Skipper. Nach bestandenem Kurs erhält man einen ICC- und IYT-Fähikeitsausweis und ist befähigt ein Segelschiff zu chartern. Wichtige Bedingung: Man darf nicht weiter als 20 Meilen von der Küste weg segeln. Es ist also ein Küstenpatent. Für die Hochsee braucht es noch einen Offshore-Kurs.

Der internationalen Segelkurs auf der «Ocean Wind» hat sich vor allem bewährt, weil Theorie und Praxis zeitgleich unterrichtet wurden. Neben der Segelpraxis stand am Ende der ersten Woche die Funk-Theorie-Prüfung an. Und in der zweiten Woche folgte dann die Segel-Theorie-Prüfung. «Die Kombination bewährt sich. So lernen die Schüler die Zusammenhänge viel besser kennen», sagt John Parsons. Vier Schüler nimmt er maximal pro Kurs auf. Kostenpunkt pro Person für die zweiwöchige Ausbildung und das Leben an Bord im Hochsommer 2700 Franken, sonst 2500. Im Preis inklusive sind Lernunterlagen, Prüfungsgebühren sowie Frühstück, Mittagessen und acht Abendessen an Bord.

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