MÜNCHEN: So viel Kultur wie Bier
Von Sabne Altorfer

Kaum ist die Wiesn wieder bierfrei, wird in München eröffnet: statt azapft, zum Kulturherbst mit Oper und Konzerten und Ausstellungen. Einzig an der Tumblingerstrasse lebt auf den Mauern voller Spraykunst das Oktoberfest kurzzeitig weiter. Jedes Jahr malt Bluebird seine Sicht des Bierfestes. Witzig karikierend und mit seinem eigenen Konterfei mittendrin. «Der blaue Vogel muoss drauff», erklärt Martin Arz, der uns auf seiner Stadt-Safari zu den Hotspots der Street-Art führt.

Bluebird ist nur einer von vielen Spraykünstlern – und München überhaupt die Hauptstadt der Untergrund-Kunst. Hier wurde in den 1980ern der erste Zug voll besprayt, hier dürfen die Spraydosen-Vögel nicht nur unter der Donnersbergerbrücke und an der Tumblingerstrasse legal tätig sein, sie kriegen dafür gar Material und Leitern zur Verfügung. Einzig Sexistisches oder Rassistisches wird nicht geduldet. Der Mix aus Fantasy, Münchner Politsatire und Selbstdarsteller-Manie lohnt den Marsch in die Quartiere. Die grössten Bilder gibts im alten Viehhof, entstanden diesen Mai beim Street-Art-Festival.

Noch wird an einer Ecke des weitläufigen Geländes geschlachtet, in den anderen Gebäuden haben sich Ateliers und Gaststätten eingenistet. Im «Monti» gibt es Mediterranes, wie schon am Vortag bei «Brenners» in der Innenstadt. «Wo bleibt die Weisswurst?», fragen wir die Damen von München Tourismus, die uns die Münchner Kultur schmackhaft machen. Sie vertrösten uns auf Sonntag, auf den Frühschoppen beim «Fraunhofer». Weisswürste esse man vor elf Uhr. Wir schaffen das ungewohnte Frühstück dann locker samt Bier und Brezen und Blasmusik.

Wer es lieber klassisch mag, hat die Qual der Wahl zwischen drei grossen Sinfonie-Orchestern, und die Bayrische Staatsoper spielt nicht nur in der obersten Liga, sondern auch in einem imposanten Gebäude.

Schwierig gestaltet sich die Auswahl beim Museumsbesuch. Allein im Kunstareal gibt es 16 davon. Gehen wir aber zuerst dorthin, wo alle hingehen: ins Deutsche Museum, einem Mix von Verkehrshaus und Technorama. Flugmaschinen, Musikinstrumente, optische Versuche und eine Tesla-Spule, die nicht nur funkt, sondern Elektrizität in Klänge umsetzt, ergötzen uns.

Nun aber bitte Kunst! Was ist typisch für München? Seine Vielfalt. Drei Pinakotheken dröseln die Kunstgeschichte chronologisch auf. Mit München verbunden ist natürlich das Lenbachhaus, einst Stadtvilla des gleichnamigen Künstlers und heute erweitert um einen grossen unterirdischen Saal mit U-Bahn-Anschluss. Hier werden über diesen Winter Paul Klee und Wassily Kandinsky zelebriert, die in den 1920er-Jahren einst Nachbarn in Schwabing waren, dann Konkurrenten und Freunde am Bauhaus. Die Vorkriegszeit war für beide Künstler erst fruchtbar, dann furchtbar.

Daran erinnert, dass München in den 1930er-Jahren das Epizentrum der Machtergreifung durch Hitler und die Nationalsozialisten war, wird die Besucherin immer wieder. Nicht nur im neu eröffneten NS-Dokumentationszentrum, sondern auch in den Kunstmuseen. Die Pinakothek der Moderne konfrontiert in «Gegen Kunst» (bis Ende Januar) zwei Werke aus der Ausstellung «Entartete Kunst» mit Lieblingswerken Hitlers: Max Beckmanns drastisch existenzielles Triptychon «Die Versuchung des Heiligen Antonius» mit Adolf Zieglers arischer Rassenwerbung «Die vier Elemente».

Im Haus der Kunst, das einst als Geschenk für Hitler gebaut wurde und wo er mit einer Brandrede Kunst ausgrenzte und Bücher in die Flammen schickte, wurde ein Dokumentationsraum eingerichtet – sodass man sich mit leichterem Gefühl in den grossen Sälen der zeitgenössischen Kunst (Hanne Darboven, bis 14. Februar) und in der Goldenen Bar den leiblichen Genüssen zuwenden kann.

Nicht verpassen sollte man das «Museum Ägyptischer Kunst». Zum einem wegen der überschaubaren, aber hochkarätigen Sammlung an antiken Kunstwerken, zum anderen wegen des coolen Beton-Neubaus von Peter Böhm mit seiner raffinierten Lichtführung.

Nicht minder raffiniert gebaut sind die schicken Einkaufspassagen, die auch im Winter zum vergnüglichen Shoppen einladen. Und weil ein bisschen chauvinistischer Stolz erlaubt sein soll: Drei der schönsten stammen von Schweizer Architekten. Herzog und de Meuron haben schon 1994 bei ihrem ersten internationalen Wettbewerbserfolg die «Fünf Höfe» mit hängenden Gärten, Kunst von Olafur Eliasson und einem Baumbaldachin zu einem Raumerlebnis gestaltet. Backstein und mediterranes Gefühl prägen Ivano Gianolas «Schäfflerhof». Und Meili Peter haben in der «Hofstatt» mit schwarzem Glas, grossen Leuchten und effektvollen Rundungen eine elegant-mondäne Einkaufswelt geschaffen. Da trinkt man dann wohl eher Espresso oder einen schönen Riesling – Bier gibts ja sonst in München mehr als genug.

Reisen nach München bietet u.a. Railtour Frantour Schweiz an (die zusammen mit München Tourismus auch unsere Reise organisiert hat).
Übernachten: Hotel Louis, schickes Designhotel beim Viktualienmarkt.


STUTTGART: Architekturmekka mit Pilgerstatus
Von Bettina Louise Haase

Ob Staatsgalerie, Kunstmuseum, Mercedes-Benz-Museum oder Weissenhof-Siedlung: Stuttgart ist gerade wegen seiner architektonischen Vielfältigkeit eine Stadt, in der Kunstkenner einiges entdecken können.

Die Weissenhof-Siedlung, auch Werkbundsiedlung genannt und am Killesberg etwas ausserhalb von Stuttgart gelegen, steht seit 1958 unter Denkmalschutz und zählt zu den weltweit wichtigsten Denkmälern der Klassischen Moderne.

Wer die Architektur von Le Corbusier liebt, muss bei einem Stadtbesuch einen Abstecher dorthin unternehmen. «Le Corbusier ist der ideenreichste der Architekten der Weissenhofsiedlung», findet Autorin Karin Kirsch, die ein Buch über die Siedlung geschrieben hat.

1924 fand die Ausstellung «Stuttgart Kunst Sommer» mit einer grossen Architekturausstellung zum Thema «Form» statt. Daraus entstand die Idee der Werkbundsiedlung, ein reales Experimentierfeld für neue Architektur, das in anderen Städten Nachahmer fand.

Neue Formen des sozialen Lebens standen im Mittelpunkt. Die Stuttgarter Werkbundsiedlung wurde in nur drei Jahren realisiert und 1927 eröffnet. 17 der damals wichtigsten avantgardistischen Architekten Europas konzipierten unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe die Siedlung mit 21 Bauten. Mit der Weissenhof-Siedlung wollten die Architekten zeigen, dass eine Vereinfachung und Verbilligung des Bauens möglich ist, indem sie den Prozess rationalisierten und neue Materialien und Technologien verwendeten. Und die Losung hiess auch: Weg mit dem Ballast der Repräsentationsbauten, weg mit dem Ornament, dem überflüssigen Dekor. Klarheit und Schlichtheit war die gemeinsame Losung – doch sie verhinderte nicht Vielfalt in Form und Architektursprache. Das von Le Corbusier gemeinsam mit seinem Cousin Pierre Jeanneret erbaute Doppelhaus ist heute Museum für die Siedlung und zu besichtigen. Die anderen Häuser sind bewohnt und nur von aussen zu bestaunen. Doch auch das reicht, um zu sehen, wie zeitlos gültig die Avantgarde vor bald hundert Jahren gebaut hat. Gut auch, wurde die Siedlung in den 1980er-Jahren umfangreich saniert.

Von der Höhe der Moderne zur Tändelei der Postmoderne, zur Staatsgalerie: Die klassische Dreiflügel-Anlage aus dem 19. Jahrhundert erweiterte James Stirling 1984. Er fügte historische Elemente mit modernem Formenvokabular zusammen und scheute sich nicht vor bunten Dekor-Elementen. Der geschwungene Aufgang mit Natursteinmauern und poppig gespritztem Geländer lässt uns Besucher im 21. Jahrhundert wohl erstmals schmunzeln. Aber Stirlings verspielter Bau ist in der Architekturgeschichte ebenso ein Meilenstein wie die proklamierte Einfachheit der Avantgarde sechzig Jahre zuvor.

Ins 21. Jahrhundert katapultiert uns das Kunstmuseum am Schlossplatz. Die städtebauliche Knacknuss lösten die Berliner Architekten Hascher und Jehle 2005 mit einem Glaskubus, der mit seinen 26 Metern Höhe die Stirnseite des Platzes dominiert, sich von der Umgebung aber auch klar abhebt. Ein Grossteil der 5000 Quadratmeter grossen Ausstellungsfläche erstreckt sich zudem unterirdisch in einem stillgelegten Tunnelsystem. Die Sammlung umfasst über 15 000 Exponate, vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Mit rund 250 Werken besitzt das Kunstmuseum eine bedeutende Sammlung zu Otto Dix.

Für Auto- wie Architekturfans lohnt sich ein Besuch im Mercedes-Benz-Museum des niederländischen Architekten Ben van Berkel. Mit seinem Konzept, Räume nicht aneinanderzureihen, sondern den Besuchern zuerst einen Überblick aus der Vogelperspektive zu bieten, schaffte er 2006 seinen internationalen Durchbruch. Die Besucher erleben im High-Tech-Bau eine Zeitreise durch die Automobilgeschichte von 1886 bis heute.

Informationen: www.stuttgart.de/museen
Die Museen sind montags geschlossen.
Übernachten: Hotel am Schlossgarten
Restauranttipp: Speisemeisterei.


BADEN-BADEN: Kur-Kultur
Von Sabine Altorfer

Badehose nicht vergessen! Es sei denn, Sie bevorzugen die traditionelle, textilfreie Badekultur. Im 1877 eröffneten Friedrichsbad wird man von heiss über kalt, von Dampfräumen und durch verschieden warme Wasserbecken gelotst, bis man im runden Becken unter der imposanten Kuppel landet. Wer lieber mit seinen Kindern planscht, findet seinen Bade-Spass in den Caracalla-Thermen. Aber baden muss sein, in Baden-Baden!
Daneben hat die Stadt aber einiges mehr zu bieten. Musikfans sei empfohlen, vor der Reiseplanung das umfangreiche Programm des Festspielhauses zu konsultieren. Vielleicht lohnt es sich ja, das Wochenende darauf abzustimmen. Im imposanten Saal mit 2500 Sitzplätzen (als Anbau des ehrwürdigen Bahnhofs in den 1990er-Jahren errichtet) geben sich die Stars des internationalen Klassik-Betriebes ein Stelldichein: von Anna Netrebko über Hélène Grimaud bis Lang Lang. Ballett-Compagnies und Orchester geben Gastspiele, und an Ostern spielen die Berliner Philharmoniker.

Ein Herzstück der Touristenstadt ist die Lichtentaler Allee. Einst für Kurgäste angelegt, überrascht sie heute durch ihre Grosszügigkeit und ihre exquisite Bepflanzung. Tulpenbäume und die wohl mächtigste Blutbuche aller deutschen Gärten, aber auch ein üppiger Rosengarten verlocken zu Spaziergängen. Und hier findet man auch die Kunst: Im weissen Vorzeigebau von Roger Meier von 2004 logiert das Museum Frieder Burda mit seiner Sammlung aus dem 20. Jahrhundert, im klassizistischen Bau dagegen die Kunsthalle, die sich jüngster Kunst widmet.

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