Donald Trump gibt auch an diesem Tag seine Parolen zum besten, wie er es seit Monaten zu tun pflegt. «Amerika zuerst, innere Sicherheit, Kampf gegen den Freihandel» und so weiter. Der republikanische Präsidentschaftskandidat spricht auf dem riesigen Flatscreen in der Wäscherei auf CBS zur amerikanischen Bevölkerung. In der Laundry auf einem Campingplatz in West Glacier im Bundesstaat Montana wird genickt und applaudiert.

Ein rüstiger Rentner, der gerade seine 25-Cent-Coins für den Tumbler sortiert, spricht aus, was die Mehrheit der Anwesenden denkt: «Endlich einer, der die Dinge beim Namen nennt.» Und: «Trump wird unsere Probleme lösen.» Der Herr aus Texas verharrt in seinem Glauben. Es spielt keine Rolle, dass 60 Prozent der Aussagen Trumps während des Wahlkampfs nachweislich falsch sind oder zumindest nicht der Wahrheit entsprechen, wie die Organisation PolitiFact ermittelt hat.

Nein, Sie haben sich nicht in den Auslandteil der «Schweiz am Sonntag» verirrt. Wer sich aber in diesen Teil der Vereinigten Staaten verliert, der reist nicht nur durch atemberaubend schöne Landschaften, sondern auch durch eine der konservativsten Gegenden der USA. Montana im Nordwesten ist Trump-Land und eine republikanische Bastion. Hier erhielt der streitbare Selfmademan bei den Vorwahlen satte 74 Prozent der Wählerstimmen. Während seine Widersacherin Hillary Clinton sogar Bernie Sanders den Vortritt lassen musste. Mit Lyndon B. Johnson und Bill Clinton schafften es in den vergangenen 60 Jahren gerade einmal zwei Demokraten, den Staat im Rennen um die Präsidentschaft für sich zu gewinnen.

High Noon in Helena
Dieser von aussen betrachtet verengte Blick will nicht so recht zu den endlosen Weiten im Süden und den Rocky Mountains am Horizont im Norden des Bundesstaats passen, der knapp zehnmal grösser ist als die Schweiz, aber achtmal weniger Einwohner hat. Auf einem Quadratkilometer leben durchschnittlich zweieinhalb Personen.

In Helena, der Hauptstadt Montanas, erhalten wir Anschauungsunterricht zum Phänomen Trump. «Hier hat alles seinen Platz und seine Ordnung», sagt John, als wir mit ihm Richtung Stadtzentrum unterwegs sind, vorbei am Haus, in dem einst der bekannteste Sohn der Stadt lebte. Gary Cooper wuchs hier wohlbehütet auf. Für seine Rolle als Marshal Will Kane in «High Noon» erhielt der Hollywood-Star 1952 den Oscar.

«Seht euch die Gärten vor den Häusern an! Alles peinlichst rausgeputzt. Das Kapitol, die Kathedrale, die Fussgängerzone Last Chance Gulch, einfach alles.» Es fällt schwer, ihm zu widersprechen. «Wie bei euch in der Schweiz, nicht wahr?», lacht er. John wohnt und arbeitet seit einigen Monaten in der Kleinstadt an der Interstate 15. Er spricht hervorragend Deutsch. Er kennt Zürich und Zermatt. Der Lockenkopf, der an Coldplay-Sänger Chris Martin erinnert, lebte fünf Jahre in Deutschland, südlich von Heidelberg. Sein Vater steht im Sold der US-Army.

Die Angst vor fremden Dämonen
Die Menschen in dieser ruralen Region verdienen ihr Geld in der Landwirtschaft, im Bergbau und neuerdings, wie John, vermehrt im Dienstleistungssektor. Die Kleinstadt mit ihren rund 30 000 Einwohnern gilt heute als das bedeutendste Handels- und Verwaltungszentrum von Montana und hat sich einen ansehnlichen Wohlstand erarbeitet. «Diesen sieht Trump durch irgendwelche fremde Dämonen bedroht. Gibt er den Einwohnern zumindest vor, und die Leute nehmen ihm das ab», sagt John. Dabei seien die Familien, die vor ihren Häusern sitzen und gerade das Abendessen einnehmen, einst selbst eingewandert. Helena hat eine junge Geschichte. Die Stadt wurde 1864 gegründet. Die Aufnahme Montanas in den Staatenbund erfolgte erst 1889.

Nachdem wir John mit unseren Fragen gelöchert haben, will er wissen, was – «what the hell» – uns hierher verschlagen hat. Schweizer habe er hier noch nie angetroffen. Das ist insofern erstaunlich, als die Vereinigten Staaten bei den reisefreudigen Eidgenossen hoch in der Gunst stehen. 2015 besuchten, laut Visit USA Committee, rund eine halbe Million Schweizer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Angeführt wird die Liste der beliebtesten helvetischen Hotspots von New York an der Ostküste, der Westküste (Kalifornien) und Florida im Süden. Der Nordwesten hingegen, inklusive Montana, ist für Schweizer Touristen noch weitgehend Terra incognita.

Wir befinden uns inzwischen auf dem Weg zum Glacier Nationalpark an der Grenze zu Kanada, dem schweizerischsten Park der USA. Unberührte Wälder, schroffe Gipfel und idyllische Bergseen sind die landschaftlichen Höhepunkte des amerikanisch-kanadischen Doppelparks. Das Many Glacier Hotel am Swiftcurrent Lake ähnelt Badrutt’s Palace in St. Moritz nicht nur optisch, sondern auch preislich.

Umstrittener Gletscherforscher
Mit den Gletschern, denen das 1910 zum Nationalpark erhobene Gebiet seinen Namen verdankt, wird inzwischen kaum mehr Reklame gemacht. Aus nachvollziehbaren Gründen: Wie bei uns befinden sich hier die Eispanzer dramatisch auf dem Rückzug. Im Jahr 1850 gab es auf dem Gebiet des Parks etwa 150 Gletscher. In der Ferne erblicken wir die kümmerlichen Reste des Agassiz Glacier. Benannt nach jenem umstrittenen Schweizer Gletscherforscher, um den bei uns wegen seiner rassistischen Anschauungen eine heftige Debatte entbrannte. Ein Komitee forderte im Sommer die Umbenennung des Agassizhorns im Berner Oberland.

Zurück in den Glacier Nationalpark: Die Grösse der heute noch existierenden Eiszungen beläuft sich auf noch rund ein Drittel des damaligen Umfangs. «Schätzungen gehen davon aus, dass 2030 der letzte Gletscher abgeschmolzen sein wird», sagt uns der ältere Ranger mit seiner Marlboro-Stimme, dem wir auf unserer Wanderung zum Bullhead Lake begegnen.

Vielleicht ist es gerade dieses drohende Ende der weissen Riesen, das den Park zu einem Publikumsmagneten macht. Die Besucherzahlen nehmen seit Jahren stark zu. 2015 verzeichnete der Glacier, gemäss dem National Park Service, mit über zweieinhalb Millionen Menschen einen neuen Rekord.

Schweizer treffen wir am St. Mary Campground an der Ostseite des Parks keine an. Das Interesse am Glacier könnte künftig aber zunehmen: Mit den attraktiven Verbindungen von Edelweiss Air nach Calgary und Vancouver oder Delta Airlines/KLM nach Salt Lake City (ab Amsterdam) rückt der Park für Camper- und Wohnmobil-Touristen in verkraftbare Fahrdistanz.

Apropos: Unsere Nachbarn auf dem Campground kommen aus Kansas City. «Hey guys, you doing well?» Er Grundschullehrer, sie Kindergärtnerin, die Tochter an der Highschool. 2500 Kilometer hat die Familie bis hierher zurückgelegt. Für drei Wochen Ferien eine stolze Entfernung, sagen wir. Er lacht. «Sieben Tage.» Wir können es kaum fassen.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verspricht «das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück». In der Realität sei die Freiheit in den USA aber ein rares Gut. «Zumindest wenn man das Ferienguthaben von Arbeitnehmern dafür als Massstab nimmt», fügt unser Nachbar kritisch an. «In vielen Fällen tendiert es gegen null: Im Land of the Free existiert weder ein tariflich vereinbarter noch ein gesetzlich garantierter Mindesturlaub.»

Eine Studie des amerikanischen Arbeitsplatzforums Monster Worldwide ergab, dass 40 Prozent der in den USA Beschäftigten weniger als zwei Wochen Ferien im Jahr nehmen. Wer könnte daran eher etwas ändern, Clinton oder Trump? «Weder noch», sagt unser Nachbar aus Kansas City.

Einen unzufriedenen Eindruck vermitteln die drei gleichwohl nicht. Zwei Gründe geben sie für ihren Abstecher an die kanadische Grenze an. Erstens: Ein Besuch beim Onkel im nahen Kalispell und zweitens «the highlight of the year», sagt er. Es versteht sich von selbst, dass er damit nicht die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen meint. Er hält eine Broschüre in die Höhe. Darauf steht schwarz auf grün geschrieben «Celebrating 100 Years.»

Die Nationalparks feiern 2016 ihr hundertjähriges Bestehen. Es sei «die beste Idee, die wir je hatten», schrieb einst der Umweltaktivist Wallace Stegner: «Durch und durch amerikanisch, durch und durch demokratisch, zeigen sie unsere besten, nicht schlechtesten Seiten.» Die Amerikaner sind stolz auf die Parks. In ihrem Selbstverständnis ein wichtiges Stück Amerika. 59 erstrecken sich von den Sümpfen Floridas bis zu den Eiswüsten Alaskas, von den Vulkanen Hawaiis bis zu den Küsten Maines.

Trump, der Parkbesitzer
Zusammen mit den Historical Landmarks und den nationalen Monumenten sind es über 400 geschützte Gebiete und Einrichtungen. Viele von ihnen zählen zum Unesco-Weltnaturerbe. «Wir wollen die Natur so zeigen, wie sie ist. Jeder soll kommen können, auch mit Kinderwagen oder mit Rollstuhl», erklärt Rangerin Jacky Anderson an ihrer Präsentation im Auditorium des Visitor-Centers. Und die Menschen kommen aus allen Landesteilen und Himmelsrichtungen. Über 300 Millionen Eintritte verzeichnete der National Park Service im vergangenen Jahr. Umsatz: 17 Milliarden Dollar.

Dass Donald Trump am 8. November den Einzug ins Weisse Haus schaffen wird, steht für unsere Rentner in der Wäscherei ausser Frage. Eines hat der Immobilien-Tycoon Hillary Clinton in jedem Fall voraus. Trump ist der Besitzer von Mar-A-Lago. Ein ehemaliger herrschaftlicher Sommersitz und heutiger Club in Palm Beach, Florida. Das 118-Zimmer-Schloss wurde 1980 zum National Historic Landmark ernannt. «Bliebe Trump das mächtigste Amt der Welt verwehrt, bleibt ihm wenigstens der Titel: Chef des kleinsten Nationalparks», schliesst Jacky Anderson ihren Vortrag.

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