Von Céline Feller

Zuerst bekommen wir wunderschöne Palmen zu Gesicht. Mitten in Valencia zieren sie zwischen Kopfsteinpflastern und historischen Gebäuden das Stadtbild. Es ist der Anblick einer typischen spanischen Stadt. Der drittgrössten nach Madrid und Barcelona. Und doch ist Valencia nicht typisch spanisch. In der Stadt am Mittelmeer ist alles etwas anders. Und alles etwas gegensätzlich.

Die typische spanische Lebensfreude und der damit verbundene Lärm gehen einher mit einer überraschenden Ruhe. Auch deshalb geniessen die Valencianos am liebsten immer und überall in einem Strassencafé die Sonne – und die obligate Horchata de Chufa dazu. Das Erfrischungsgetränk aus Mandelmilch ist das Getränk schlechthin der Stadt – genauso wie das Agua de Valencia. Denn im Gegensatz zum restlichen Spanien greift man in Valencia, wenn man Lust auf Alkohol hat, lieber zum valencianischen Cocktail als zur Sangría.

Valencia hat viel zu bieten und muss sich keinesfalls hinter Madrid oder Barcelona verstecken. Doch Valencia ist die grosse Unbekannte. Noch eher kennt man Mallorca, Ibiza oder die Kanarischen Inseln. Valencia hingegen stand seit je im Schatten der Tourismus-Hochburgen. Und Valencia war – auch weil bis in die 1990er-Jahr noch das europäische Autobahnnetz hier endete – lange Zeit mehr Durchgangs- als Ferienort. Wer weiter in den Süden wollte, passierte die Stadt der Blumen, des Lichts und der Liebe, ohne ihr dabei die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient.

Um sich dagegen zu wehren und nicht länger die unbekannte Bekannte zu sein, investierte Valencia in den letzten zwanzig Jahren. Einer der Meilensteine auf dem Weg zur Entdeckung durch die Touristen war der Bau der Ciudad de las Artes y las Ciencias. Die vom valencianischen Stararchitekten Santiago Calatrava erbaute Stadt der Künste und Wissenschaften wurde erst 2009 fertiggestellt und hat ihren Zweck erfüllt: jedes Jahr locken die imponierenden futuristischen Bauten Zehntausende Besucher an. Neben einem Wissenschaftsmuseum und einer Oper steht auf einer Fläche von 35 000 Quadratmetern das grösste Ozeanarium Europas.

Im unteren Teil des trockenen Flussbetts des Río Turia gelegen, ist Calatravas Stadt in der Stadt der perfekte Ausgangspunkt für einen Spaziergang quer durch Valencia.

Doch das modernste Wahrzeichen Valencias ist nur eines der Highlights der Stadt. Wo bis 1957 der Río Turia floss, befindet sich heute der grösste Park Valencias. Nach der grossen Flut im selben Jahr wurde der Fluss in den Süden der Stadt verlegt, um künftige Überschwemmungen zu verhindern.

Und das Stimmvolk entschied sich gegen den Bau einer Autobahn im trockengelegten Flussbett und für die Jardínes del Turia und damit für eine grüne Lunge und ein Naherholungsgebiet, das seinesgleichen sucht. Die rund neun Kilometer lange Anlage, in der sich auch Fussballfelder, Teiche, Café-Terrassen oder Spielplätze befinden, ladet perfekt zum Verweilen ein – und zum Klauen der einen oder anderen Orange von den unzähligen Orangenbäumen.

Wer etwa auf halber Strecke den Garten verlässt, kann in die Altstadt eintauchen, die eine grosse Geschichte zu erzählen hat. Denn Valencia verdankt seine Vielfältigkeit und wohl auch seine Einzigartigkeit den vielen Wandeln, welche die Stadt durchlebte. Die bewegte Geschichte wird in der wunderschönen Architektur deutlich. Jugendstilbauten wie der Mercado de Colón – wo es angeblich die beste Horchata der Stadt gibt – oder faszinierende barocke Bauten wie die Kathedrale an der Plaza Virgen.

Ganz in der Nähe der Kathedrale – in der Altstadt ist ohnehin alles zu Fuss erreichbar – finden sich die Seidenbörse, der Mercado Central oder der Kirchturm El Miguelete. Allesamt beeindruckende Wahrzeichen, die bei einem Valencia-Besuch einfach dazugehören.

Wobei die restlichen Spanier kein anderes Wahrzeichen Valencias so sehr mit der Hafen-Stadt verbinden wie den Miguelete-Turm mit seiner wunderbaren Aussichtsplattform.

Fast alle Sehenswürdigkeiten der Altstadt sind von dem 51 Meter hohen Turm zu erspähen. Dazu zählt auch der Hauptbahnhof, ebenfalls ein Jugendstil-Gebäude.

Und auch hier zeigt sich, das Valencia anders tickt: denn der Hauptbahnhof, der auch den Namen Nordbahnhof trägt, befindet sich, wie könnte es in Valencia anders sein?, im Süden der Stadt.

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