Von Sabine Kuster

Langsam verlieren wir den Boden unter den Füssen. Mit der kleinen Seilbahn Kies–Mettmen schweben wir aus dem Ziegerschlitz hinaus, hinauf zu den Glarner Bergen. Wir wollten schon lang einmal dem Vreneli von hinten in sein Gärtli schauen. Jetzt blicken wir aus der Gondel hinüber zum Glärnisch und sehen: Auch hier gibt’s nur Schnee und Fels. Armes Vreneli. Aber was wollte es dort oben auch einen Blumen- und Kräutergarten anlegen? Ein Schneesturm begrub das hochmütige Mädchen unter sich.

Wo hingegen wir hin wollen, kann uns kein Regen und Schnee und auch nicht der feucht-kalte Nebel, der an diesem Tag durchs Glarnerland schleicht, etwas anhaben: das Berghotel Mettmen. Es ist schon vom Tal aus zu sehen, so nah am Abgrund wurde gebaut. Von der Bergstation der kleinen Seilbahn gehen wir zwei, drei Minuten zu Fuss bis zum neuen holzverkleideten Haus mit einem Fundament aus Beton und Stein.

Das Berghotel Mettmen liegt fast so abgeschieden wie eine SAC-Hütte und bietet doch mehr Komfort. Genau diesen Spagat haben auch die Wirte und Erbauer gesucht: Sara und Romano Frei-Elmer waren noch bis im Oktober dieses Jahres die Hüttenwarte der Leglerhütte, nur zweieinhalb Stunden entfernt weiter oben am Gross Chärpf. 13 Jahre haben sie da gewirtet.

Viele Glarner unterstützten sie
In dieser Zeit kam Sohn Nik zur Welt, und der sollte nächsten Sommer in den Kindergarten. Das zweite Kind ist erst einen Monat alt. Also suchten die beiden Hüttenwarte nach einem Hotel im Tal, das sie übernehmen könnten. Doch ganz im Tal zu leben, das konnten sie sich dann doch nicht richtig vorstellen. Als der Besitzer des alten Berghotels Mettmen sie fragte, ob das nicht was für die beiden wäre, begannen die Frei-Elmers zu planen. Und brüteten über den Finanzen. Der Umbau des alten Hotels kostete 6 Millionen Franken. Ein Drittel finanzierten die beiden über Aktionäre, ein Drittel über Sponsoren, ein Drittel übernahm die Bank. «Es gab extrem viel Goodwill im Tal», sagt Sara Frei-Elmer, «irgendwie haben alle an uns geglaubt.»

Am 27. Dezember ist Tag der offenen Tür. Von neu eröffneten Hotels liest man im Glarnerland selten, schon gar nicht ausserhalb der beiden Tourismusmagnete Braunwald und Elm. Doch den Glarnern sind die beiden erfahrenen Wirte offensichtlich sympathisch: Es gab Hilfe von allen Seiten.

Das Architekturbüro Aschmann Rüegge aus Glarus hat Erfahrung mit Bauen auf dem Berg und entwarf 2007 bereits die neue Leglerhütte. Für das Berghotel Mettmen wurde das ganze Baumaterial, inklusive Infrastruktur und Duvets von Schwanden ins enge Niederental gefahren und von dort mit einer Transportseilbahn hinauf zur Baustelle gebracht.

Jetzt, kurz vor der Eröffnung, riecht es in der Lobby würzig nach Arvenholz. Romano Frei-Elmer entzündet im Cheminée ein Feuer. An der Wand hängen Gams-Trophäen, die Lampenschirme sind aus grob gestrickter weisser Wolle. Das ist keine SAC-Hütte mehr. Die Wirte müssen sich selber noch daran gewöhnen: Die eintretenden Gäste siezen sie nun, die Angestellten gehen am Abend mit der Bahn heim ins Tal runter, in der Küche steht ein Steamer, der sich am Ende eines Tages selbst reinigt.

In der Leglerhütte hatten sie im Winter nicht mal fliessend Wasser, sondern schmolzen Schnee. «Das Kochen ist einfacher», sagt Romano Frei-Elmer, «dafür sind die Ansprüche der Gäste höher.» Aber der gelernte Primarlehrer und Gastronomiefachmann mag diese Herausforderung. An diesem Abend kocht er für uns pochierte Forelle mit Safranjus und Spinat. Wildfleisch beziehen die beiden direkt vom ansässigen Wildhüter.

Und doch verzichten die Wirte bewusst teilweise auf den üblichen Hotel-Komfort. Auf den Zimmern gibt es keine Fernseher, dafür Feldstecher. Die einzige Minibar für den ganzen Stock steht im Flur in einem alten Holzschrank. Mit Swisscom hat man keinen Empfang, dafür gibts WLAN. Die Zimmer sind eher klein, die Lobby umso grösser und gemütlicher: «Wir möchten, dass sich die Gäste hier treffen, Tourenplanung machen, zusammen jassen», sagt Sara Frei-Elmer. «Und sie können immer noch mit den Bergschuhen und Rucksäcken reinkommen.»

Näher bei den Leuten
Die Wirte hoffen, dass die Gäste auch bei schlechtem Wetter zu ihnen hoch kommen. Denn in der Leglerhütte war es während tagelanger Schlechtwetterlage oft auch einsam. Weit ist die Zivilisation nun nicht mehr entfernt. Von der Talstation der Luftseilbahn Kies-Mettmen sind es 20 Minuten mit dem Bus bis nach Schwanden.

Wir stehen in der Suite, bewundern einen Moment lang die freistehende Badewanne und blicken dann gebannt auf das Schauspiel dahinter: Die beiden grossen Fenster sind nichts anderes als Bilderrahmen eines realen Naturspektakels. Im Niederental liegt der Alpstegweiher im Schatten, die Felswände sind durch ein Loch in den Wolken noch von der Sonne beschienen. Als es dunkel wird, gehen in Glarus die Lichter an. Es sieht auf einmal aus, als liege da unten eine veritable Stadt. Der Kontrast zur Stille auf dem Berg wird noch intensiver.

Warme Füsse in der kalten Nacht
Der Whirlpool für die Terrasse wurde noch nicht geliefert. So stehen wir zur Abkühlung nach der Sauna halt einfach so mit nackten Füssen draussen in der Nacht und blicken an den schwarzen Tannen vorbei zu den Sternen. Mit so viel Wohligkeit und Geborgenheitsgefühl haben wir die Natur noch nie erlebt. Hier kann sie auch anders. Davon erzählt Gabriela, die Schwester des Senns auf der Mettmenalp. Sie hat zusammen mit anderen Glücklichen eine Übernachtung am Test-Wochenende im Berghotel gewonnen. Und erlebt die Alp zum ersten Mal nicht von ihrer anstrengenden, wilden Seite. «Wenn ein Gewitter aufzieht, Wind und Donner die Fenster der Alphütte erzittern lassen, dann kriegt man Angst. Hier drin im Hotel hätte ich im Gewitter keine Angst.»

Abends vor der Hütte rannte ihr einmal ein blindes Steinbock-Gitzi zwischen die Beine. Es war den Kühen nachgelaufen, als diese zum Stall trotteten. Die Nacht habe es leider nicht überlebt, erzählt sie.

Wer die Tiere sehen will, muss hier immer noch raus. Auf zahlreichen Wegen kann man zum Beispiel den Stausee Garichti hinter dem Hotel in einer halben, in eineinhalb oder drei Stunden umrunden, je nach dem, wie weit man die Hänge hochsteigt. Im Winter gibt es verschiedene Schneeschuh- und Skitourenrouten. Via Skigebiet in Elm gelangt man mit nur 300 Meter Aufstieg in einer Abfahrt zum Berghotel.

Auf der Mettmenalp gibt es nur noch das Naturfreundehaus mit dem Massenlager und eben die Leglerhütte weiter oben. Kein anderes Hotel, keine Ferienwohnungen, kein Skigebiet. Die Kombination von tatsächlicher Abgeschiedenheit, guter Erreichbarkeit und schlichtem Komfort macht das neue, kleine Berghotel (40 Betten) speziell. Beibehalten aus ihrer Zeit in der SAC-Hütte haben die Wirte das Einheitsmenü für alle. «Wir haben gemerkt, dass sich die Leute gerne überraschen lassen», sagt Sara Frei-Elmer. «Und wir müssen so weniger Essen wegwerfen.»

Mitgenommen haben die beiden auch einen direkten, herzlichen Kontakt zu den Gästen.

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