Mein Bergkamerad zieht die Spur wie an einer Schnur gezogen durch den frisch verschneiten Hang. Die letzte Steigung treibt nochmals den Schweiss aus den Poren. Dann ists geschafft. Wir stehen auf dem Rottälligrat, dem Ausgangspunkt unserer Erkundungstour. Willkommen im Kanton Uri, oder wie die Einheimischen zu grüssen pflegen: «Griäzi».

Hier, auf 2748 Metern über Meer gibts kein Stop and go, keinen gestressten Sitznachbarn, keinen Zugbegleiter, der umständlich am Swisspass rumhantiert. Drei Stunden nach dem Aufbruch in Realp schnallen wir die Ski ab, beissen herzhaft in unser Sandwich und ergötzen uns am Rundblick. Wir sind eingerahmt von einer überirdisch schönen Bergwelt. Im Norden der Galenstock. Westlich die Muttenhörner. Südlich der Piz Rotondo, mit 3192 Metern der höchste Berg des Gotthardmassivs. Dahinter liegt das Val Bedretto unter einer Nebeldecke. Und im Osten grüsst der Pizzo Centrale.

Nicht aufs Abstellgleis stellen
Hinter der Gipfelpyramide, die den Kanton Uri und das Tessin verbindet, hat sich, von oben unbemerkt, unterirdisch ein Wunder der Technik den Weg durch den Berg gegraben. Am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel feierlich eingeweiht. Hochgeschwindigkeitszüge donnern künftig mit Maximaltempo 200 durch die längste Röhre der Welt und lassen die Distanz zwischen dem Mittelland und dem Tessin gefühlt auf Pendler-Nähe schrumpfen.

Wir wählen den Entschleunigungsmodus. Nachdem die Ski im Tal unten abgeschnallt sind, geht es gemächlich weiter nach Andermatt. Das St. Moritz Uris und Tourismus-Motor im Kanton. Von der Viertelmillion Logiernächte im letzten Jahr steuerte das Dorf im Urserental einen Drittel bei.

Grund genug, bei einem Kaffee nachzufragen, was die Leute hier vom Jahrhundertbauwerk halten. Eine weitere Pionierleistung sei es, «die uns internationale Aufmerksamkeit garantiert», sagt ein Herr in der Gotthardstrasse, der sich auf dem Weg zur Gemsstock-Bahn befindet. Seine Begleitung glaubt, dass sich die Neat nachhaltig positiv auf die Region auswirken werde.

Unter die Vorfreude mischt sich auch Skepsis. Mit der offiziellen Inbetriebnahme des Tunnels im Dezember ändern sich die Fahrpläne am Gotthard, insbesondere auf der Bergstrecke. Die heutigen Interregio-Züge Zürich/Basel nach Locarno sollen neu nur noch bis Erstfeld verkehren. Von dort ist ein Regio-Express bis Bellinzona geplant, der den Service public sicherstellen soll.

Wir fragen bei Frieda Steffen nach: «Die neuen SBB-Fahrpläne werden für die Regionen Urner Oberland, Urserental, Surselva, Goms und Leventina Nachteile bringen», sorgt sich die Andermatter CVP-Landrätin. Sie befürchtet negative Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Tourismuswirtschaft. Steffen hat deswegen bei der Urner Regierung einen Vorstoss eingereicht. «Es kann nicht sein, dass wir am Ende aufs Abstellgleis gestellt werden.»

Den Teufel an die Wand malen
Ob ihre Bedenken berechtigt sind oder Frieda Steffen nur den Teufel an die Wand malt, wird sich weisen. Apropos Teufel: Wir halten an der Schöllenen. Hier steht unübersehbar ein Werk, das in keinem Repertoire einer Schulreise fehlen darf: der meterhohe Teufel mit dem Geissbock, der an der Granitwand über der Teufelsbrücke thront. Was heute eine Touristenattraktion ist, kostete den Maler Heinrich Danioth in den 1950er-Jahren beinahe seinen guten Ruf im Kanton Uri. «Vielen im Tal war seine Kunst zu modern», sagt Herr Arnold, der neben uns steht und munter drauflosplaudert.

Danioth habe zu jenen Malern gehört, die ab 1933 von den Nationalsozialisten als «entartete Künstler» verschmäht wurden, klärt er uns auf. «Für den Fall eines Kriegsausbruchs stand sein Rucksack immer bereit, um vor den Nazis ins Gotthardgebiet flüchten zu können.» Den eigenen hängt sich der geschwätzige Herr Arnold nach seinem Kurzreferat um und zieht weiter Tal abwärts Richtung Altdorf. Übrigens: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie hier einem Arnold begegnen ist statistisch bemerkenswert hoch. Von den 36 000 Menschen, die im Kanton leben, tragen fast tausend das Urner Geschlecht.

Nepal-Feeling im Göschenertal
Zu den bekanntesten Arnolds zählt nicht unser Arnold aus dem Hauptort, sondern jener aus Bürglen im Schächental. Der Extrembergsteiger Dani Arnold überwand die Eigernordwand in weniger als zweieinhalb Stunden. Er zählt weltweit zu den besten seines Fachs. Seinen Spuren folgen wir. In Göschenen biegen wir links ab und folgen dem gleichnamigen Tal. Bei der Haltestelle «Salbit» steigen wir aus und schnüren unsere Schuhe. Bald kommen die Granitnadeln des Salbitschijen in unser Blickfeld. Hier lieferte Arnold, also der Dani, sein erstes alpines Gesellenstück ab. Er kraxelte den fast senkrechten Westpfeiler in unfassbaren eineinhalb Stunden hoch. Wir lehnen dankend ab. Via Regliberg erreichen wir die Salbit-SAC-Hütte, wo die Beschilderung zur Salbitbrücke führt, einer kühnen Konstruktion nach nepalesischem Vorbild. Elegant schwingt sich der filigrane Pfad durch die Lüfte. Nach der raffiniertesten Technik konstruiert, hat er etwas Verspieltes, wenn er unter unseren Schritten leicht schaukelt. 90 Meter lang pendelt die Hängebrücke von der einen Felswand zur anderen, bis 120 Meter beträgt die Höhe oder die Tiefe – je nach psychischem Zustand. Wir halten uns an den dicken Stahlkabeln fest, die bestimmt nicht reissen, oder?

Sie halten. Am Salbitschijenbiwak vorbei gelangen wir zur Schlüsselstelle. Die Felsplatten, die mit Seilen, Leitern und Stiften versehen sind, führen in eine sandige Rinne. Hier beginnt die 50 Meter lange Himmelsleiter. Bloss nicht runterschauen. Schwindelfreiheit ist hier von Vorteil.

Geschafft. Über die Bergseelücke erreichen wir die Göscheneralp. Wer den Panoramatrail (Schwierigkeit T4, Alpinwandern) auf zwei Tage verteilen möchte, dem sei die Übernachtung in der Voralphütte empfohlen.

Der König der Berge
Der Kanton Uri hat sich nicht nur als Bahn- und Brückenkanton einen Namen geschaffen, er ist auch ein Eldorado für Mineralienfreunde. Beim Parkplatz auf der Göscheneralp bemerken wir einen Stand, an dem Kristalle für wenige Franken zu haben sind. Wen die Abenteuerlust packt, der kann sich einen der zahlreichen Strahler in der Region mieten und sein Glück versuchen. Wie Franz Von Arx und Paul von Känel. Die beiden sorgten 2005 für eine Weltsensation. Sie entdeckten die längste Quarz-Kristallspitze beim Planggenstock, der sich unmittelbar vor uns auftürmt. Das Kunstwerk misst 107 Zentimeter und ist 300 Kilogramm schwer. Wer das Prachtexemplar bestaunen möchte, muss allerdings den Umweg über Bern in Kauf nehmen. Der König der Berge ist im Naturhistorischen Museum ausgestellt.

Auf unserem alpinen Roadtrip halten wir in Wassen. Dieses Mal die Kinder mit im Gepäck. Dem Chileli schenken wir heute keine Beachtung. Die obligate Gratis-Geschichtslektion gibts beim Dorfplatz. Sie stösst wie befürchtet auf mässiges Interesse. Leider, zu erzählen gäbe es genug. Johann Wolfgang von Goethe war hier ein gern gesehener Gast. Auf seinen Reisen über den Gotthard übernachtete er im Hotel Alte Post.

Uns erwartet ein lauter Massenschlag, auf der Sustlihütte. Parkiert wird bei der Haltestelle Sustenbrüggli an der Sustenpassstrasse. Von hier aus führt der Leiterliweg (T3, anspruchsvolles Bergwandern) in eineinhalb Stunden zum hoch über dem Tal gelegenen Plateau. Dort oben thront die SAC-Hütte wie ein Adlerhorst. Ein Hotspot für bergbegeisterte Familien. Unübertroffen einer der schönsten Naturspielplätze. Klettern, Wandern, Bäche stauen. Alles vor einer imposanten Bergkulisse – und am Sonntagabend müde Kids. Ziel erreicht.

Luftig zum Arnisee
Wir biegen auf die Zielgerade ein. Der letzte Abschnitt führt nach Intschi, zur Talstation Arnisee. Uri darf sich ohne Übertreibung auch Seilbahnkanton nennen. Hier ist für jeden Gondelliebhaber etwas dabei. Von der vierplätzigen Schuhschachtel bis hin zur modernsten Transportkabine. Mehr als drei Dutzend Seilbahnen erschliessen dem Talgrund die beliebten Ausflugsziele. Wir werden in einer 8-Personen-Kabine auf 1380 Meter befördert. Das allgemeine Unbehagen hat weniger mit den engen Platzverhältnissen zu tun als mit dem berüchtigten Föhn, der auch an diesem Tag durchs Reusstal bläst. Wir schwanken unruhig der Sonnenterrasse entgegen. Die sechs Minuten kommen uns wie eine Ewigkeit vor.

Das Leiden lohnt sich: Der Arnisee ist ein idyllischer Ausgangspunkt für Wanderungen und Schneeschuhtouren ins nahe Leutschachtal (T4), für einen Seerundgang (T1) mit einem phänomenalen Blick auf den Bristen oder eine kulinarische Einkehr. Bei Christine und Willi Ryser im Restaurant Alpenblick werden keine «Gaut Millau»-Punkte verteilt. Die währschafte Alpenbratwurst mit Rösti im Sommer oder das Fondue chinoise an Silvester bewegen sich ausserhalb jeder Notenskala.

Hoffen auf den Tunnel-Effekt
Unsere Tour endet in Erstfeld. Nur eine Handvoll Reiselustige verliert sich an diesem sonnigen Nachmittag am Bahnhof. In 10 Tagen wird das anders sein: Zur Tunneleröffnung werden Bundeskanzlerin Angela Merkel, der italienische Premier Matteo Renzi und der französische Staatspräsident François Hollande erwartet – dem Beginn eines neuen Schienen-Zeitalters. «Unsere Region wird einen Moment in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit rücken», freut sich Martina Stadler. Für das Eröffnungswochenende rechnet die Geschäftsführerin von Uri Tourismus mit 100 000 Gästen. Stadler ist zuversichtlich, dass das Ferienland Uri von dieser Präsenz wahrnehmbar profitieren wird.» Na, dann: Alles aussteigen! www.uri.info

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