Von Samuel Schumacher

Wäre es nach dem Willen von Hitler und Stalin gegangen, dann wäre Polen Anfang der 40er-Jahre von der europäischen Landkarte verschwunden – für immer. In ihrem geheimen Pakt hatten die beiden Tyrannen 1939 beschlossen, Polen unter sich aufzuteilen. Sie kamen ihrem Ziel sehr nahe. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs liegen lange zurück. Polen hat seine zerstörten Städte wieder aufgebaut und sich mit seinen einstigen Besatzern versöhnt.

Polen ist heute fast so gross wie Deutschland, hat Millionenmetropolen, eine wunderschöne Küste und riesige Nationalparks. Ein perfekter Fleck für abenteuerliche Ferientrips. Und trotzdem hat kaum jemand das stolze «Polska» auf seinem Reiseradar. Selbst die Polen wirken manchmal überrascht, dass Fremde hierher kommen, um ihr Land zu bereisen. Besonders dann, wenn diese Fremden nicht auf organisierten Busreisen durchs Land gekarrt werden, sondern die wilde Ostseeküste mit Zelt und Mietauto auf eigene Faust erkunden wollen. «Seid ihr sicher, dass man da ein Auto mieten kann?», fragt uns Dominika und zieht die Augenbrauen hoch. Eigentlich wollte sie ihren Vater im Spital besuchen. Doch sie hatte Mitleid mit den beiden Rucksackträgern, die verloren auf dem Bahnhofplatz in Stettin standen und Passanten fragten, wo denn diese Adresse sei, die auf ihrem Zettel stehe. Dominika hat ihr halbes Leben in der Stadt an der deutschen Grenze verbracht. Dass man hier Autos mieten kann, hatte sie noch nie gehört.

Nach einer stündigen Fahrt auf der Rückbank von Dominikas altem BMW stehen wir auf dem Parkplatz eines winzigen, vorübergehend stillgelegten Flughafens. Der junge Typ, der uns das Auto vermietet, kann nur Polnisch. Dominika übersetzt. «Keine Offroad-Fahrten, volle Verantwortung für alle Beschädigungen, kein Sex im Auto», sagt der Vermieter und blickt ernst drein. Er kann nicht so recht verstehen, was wir zwei Wochen lang an dieser wilden Küste machen wollen und drückt uns stirnrunzelnd den Schlüssel in die Hand.

95 Prozent der Besucher, die die polnische Ostseeküste besuchen, sind Einheimische. Die restlichen 5 Prozent kommen mit organisierten Bustouren aus dem Ausland angebraust. Individualreisende mit Mietautos aber sind hier so selten wie die Wisente, die grössten Säugetiere Europas, die seit ein paar Jahren wieder in kleinen Gruppen durch die Wälder des Nationalparks Wolin streifen. In den riesigen Wäldern des Parks könnte man sich leicht verirren, wäre da nicht das stete Rauschen des Meeres, das sich unermüdlich gegen die lehmige Küste schmeisst und uns auf unseren Wanderungen als akustischer Kompass dient. Ein salziger Geruch hängt in den grünen Wipfeln. Das Nebeneinander von Meer und Wald, das Aufeinanderprallen von sattem Grün und tiefem Blau auf der Halbinsel ist unwirklich schön.

Piotr Nogala aber wehrt sich dagegen, dass sich die Besucher des Parks von der landschaftlichen Schönheit blenden lassen und vergessen, welch düstere Geschichte in seinen Wäldern schlummert. «Das hier war das Zentrum der Nazi-Raketenforschung», erzählt der Hobby-Historiker. In einem alten Bunker am Rand des Nationalparks hat er vor ein paar Jahren das Museum «Bunkier V3» eröffnet. Patronenhülsen, Maschinengewehre, Gasmasken und rostige Raketenteile erinnern daran, dass die Nazis hier in den 40er-Jahren eine Raketentestanlage betrieben. Vor dem «Bunkier» steht eine polnische Schulklasse und schiesst ein Gruppen-Selfie mit der Schaufensterpuppe, die Nogala in eine deutsche Wehrmachtsuniform mit Gasmaske gesteckt hat. Das Selfie als Verarbeitung des historischen Traumas? Wir verzichten darauf, trotz Nogalas Drängen, uns doch zur Schulklasse dazuzustellen.

Auch der Slowinzische Nationalpark ein paar hundert Kilometer weiter östlich hat unter seinen riesigen Sanddünen ein düsteres historisches Kapitel begraben. Hier, inmitten der «Polnischen Sahara», übten Hitlers Offiziere die Überfallszenarien, mit denen sie später in Afrika einfallen wollten. Der wilden Schönheit der Sanddünen konnte das triste Kapitel aber nichts anhaben. Unbeeindruckt von der Vergangenheit und den wenigen Besuchern, die sich auf Wanderungen in ihrer sandigen Weite verlieren, fressen sich die bis zu 42 Meter hohen Dünen Jahr für Jahr weiter ins Landesinnere. Die abgestorbenen Bäume, die an ihren Rändern aus dem hellen Sand ragen, sind verdorrte Zeugen ihrer unbändigen, langsamen Wucht.

Nirgendwo ist das Zusammentreffen von landschaftlicher Schönheit und historischer Grausamkeit aber so heftig wie auf dem Frischen Haff, einem fingerartigen Landstreifen östlich der Stadt Danzig, der sich wie ein natürlicher Schutzwall vor die polnische Küste legt. Am westlichen Ende des Frischen Haffs in der Gemeinde Sztutowo steht das ehemalige KZ Stutthof, das die Nazis 1939 als Gefangenenlager errichtet und bis zu seiner Evakuierung im Januar 1945 genutzt haben. Mehr als 65 000 Menschen fanden hier in den späten Kriegsjahren den Tod. In Augenzeugenberichten erzählen deutsche Urlauber, die sich während der Zeit an den endlosen Stränden des Frischen Haffs von den Kriegsstrapazen erholten, vom Rauch der StutthofKrematorien, den man vom Strand aus sehen konnte, und vom unangenehmen Geruch, der sich an bestimmten Tagen mit der Meerbrise vermischte.

Erschlagen vom Besuch im KZ Stutthof, stellen wir unser Zelt auf einem kleinen Campingplatz direkt am Meer auf dem Frischen Haff auf. Wir spazieren den Strand entlang und diskutieren über das krasse Nebeneinander von Schönheit und Schande. Ein alter Mann kommt uns entgegen, barfuss, mit Gehstock und Sonnenhut. Er bleibt stehen, hebt seinen Hut und fragt mit polnischem Akzent: «Deutschland?» – «Fast, Szwajcaria, Schweiz», antworten wir. Der Mann lächelt und sagt: «Willkommen in Polen. Schön, dass Sie da sind.»

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