Tourismus: Die einen leiden, andere boomen

Gemäss Andreas Zgraggen, Chef Manta Reisen, haben die Seychellen im 2016 sehr profitiert.

Gemäss Andreas Zgraggen, Chef Manta Reisen, haben die Seychellen im 2016 sehr profitiert.

Wenn es um die schönsten Wochen des Jahres geht, wollen sich Reisende sicher fühlen. Politischer Aufruhr und Angst vor Terror schreckt sie ab. Tunesien und die Türkei, aber auch Thailand und vor allem Ägypten bekommen das zu spüren; andere profitieren.

Andi Restle, Geschäftsleiter von ITS Coop Travel, dessen Hauptgeschäft klassische Badeferien sind, lässt Zahlen sprechen: „2014 hatten wir 14‘000 Türkei-Buchungen, letztes Jahr 8000 und dieses Jahr noch 3500.“ Grund für den Einbruch seien nicht nur diverse Attentate, ist Restle überzeugt. Viele Schweizer reisten auch nicht mehr hin, weil ihnen die Regierung Erdogan unsympathisch sei.

Jetzt, im Herbst, ziehe das Türkei-Geschäft allerdings wieder etwas an. Keine Entwarnung gibt es hingegen auf der Südseite des Mittelmeeres: Schon seit Jahren ist das Tunesien- und Ägypten-Geschäft eingebrochen aus Angst vor Terrorismus, in Ägypten auch wegen politischer Unruhen. „Früher machten wir mit Tunesien und Ägypten 30 Prozent unserer Umsatzes“, erklärt Andi Restle. Heute lassen sich die beiden Länder trotz günstiger Preise nur noch schwer verkaufen.

Auch in Thailand, wo es mehrere Attentate und politische Umwälzungen gab, spüre man einen leichten Rückgang, sagt Restle. Stefan Roemer, Inhaber und Geschäftsleiter des Asien-Spezialisten Tourasia, nennt konkrete Zahlen: Bei ihm beträgt das Minus gegenüber dem Vorjahr acht Prozent. Roemer ist noch nicht beunruhigt: Zwar ist Thailand die wichtigste Tourasia-Destination, aber „die in Thailand sehr populären Badeferienpackages werden eher kurzfristiger gebucht“.

Touristen gezielt abgeschreckt
In vielen Fällen, gerade in Ländern, in denen islamistisch motivierte Attentate begangen werden, werden Touristen gezielt abgeschreckt: In der Logik der Islamisten ist es leichter, ein am Boden liegendes Land zum „wahren Islam“ zu bekehren. Und ausserdem will man den angeblich schädlichen Einfluss der Westler auf die Moral der „Gläubigen“ abwenden. Der Effekt lässt sich in Tunesien, in Ägypten oder auch in Jordanien ablesen. Dort gab es zwar kaum Attentate; das Land gilt als sicher. Doch die Touristen kommen wegen der Nähe zu Syrien trotzdem nicht mehr.

Wenn aber die Einnahmen aus dem Tourismus ausbleiben, nimmt die Jugend-Arbeitslosigkeit zu. Und viele frustrierte Jugendliche gehen einen dieser zwei Wege: Sie radikalisieren sich und treten dem sogenannten Islamischen Staat bei (der in keinem Land mehr Leute rekrutiert hat als in Tunesien); oder sie machen sich auf in Richtung des vermeintlichen Paradieses Europa.

Deshalb, meint Walter Kunz, der Geschäftsleiter des Schweizer Reise-Verbandes (SRV), müssten sich Reisende eigentlich antizyklisch verhalten und solche Länder erst recht besuchen. Dass dies illusorisch ist, weiss Kunz natürlich selber: „Man kann niemandem zumuten, die schönsten Wochen des Jahres, womöglich noch mit der Familie, in Unsicherheit zu verbringen.“ Für die Reisebüros, die in seinem SRV zusammengeschlossen sind, hat die Verunsicherung der Konsumenten eventuell sogar eine positive Folge: „Zwar sind wir insgesamt noch immer im Minus“, sagt Kunz: „Aber es könnte sein, dass Leute sich wieder vermehrt an das Reisebüro wenden. Denn sie wissen, dass man ihnen dort hilft, eine Reise umzubuchen, falls das nötig werden sollte.“

Die einen leiden, andere boomen
Laut Erhebungen des SRV hat dieses Jahr jeder fünfte Schweizer auf eine eigentlich geplante Auslandreise verzichtet. Aber trotzdem gibt es Boom-Regionen. Bei Tourasia ist Myanmar (das ehemalige Burma) bei den Vorausbuchungen (Stand 15. September) gegenüber 2015 um 42 Prozent gewachsen und hat Indonesien als zweitwichtigste Destination nach Thailand abgelöst. Noch stärker, wenngleich auf tieferem Niveau, wachsen die Buchungen für Sri Lanka (plus 200%) und Laos (plus 150%); Indien und die Philippinen legen ebenfalls markant zu.

Auch bei Knecht Reisen spürt man klare Trends, wie Christoph Huckele, verantwortlich für Marketing und Internet-Verkauf, sagt: „Namibia, Kanada, Alaska und Neuseeland haben stark zugelegt.“ Und ITS Coop verkauft die Malediven, Mauritius und die Seychellen sehr gut. Andreas Zgraggen, Geschäftsführer von Manta Reisen, einem Spezialisten für den Indischen Ozean, bestätigt diesen Trend.

Westwärts gibt es ebenfalls klare Gewinner: Andi Restle von ITS Coop nennt die Dominikanische Republik, Mexiko und Kuba. Die kommunistische Insel bricht von Jahr zu Jahr neue Rekorde, bestätigt Reto Rüfenacht, der VR-Präsident von Caribbean Tours in Zürich: „In Kuba setzen wir vor allem auf Kleingruppen-Rundreisen. Deren Anzahl Abfahrten haben wir von 240 auf 420 pro Jahr aufgestockt.“ Was wichtig sei bei einem Land, dessen touristische Infrastruktur Mühe bekundet, mit der Nachfrage Schritt zu halten: „Die Kapazitäten sind gesichert.“

Am Mittelmeer gibt es, neben den Verlierern, auch klare Gewinner: „Allen voran Spanien“, sagt SRV-Geschäftsführer Kunz, und dort vor allem die Balearen und die Kanaren. Auch Griechenland profitiert, „ausser die Inseln Kos und Rhodos“, wie Andi Restle ausführt. Dies wegen der Bootsflüchtlinge, die dort zu Tausenden angekommen sind. Kos lege nun aber wieder etwas zu. Bei ITS Coop setzt man zudem vermehrt auf Italien: Die Angebote für Sizilien und Sardinien, für Kalabrien und Apulien sollen ausgebaut werden.

www.caribbeantours.ch
www.itscoop.ch
www.knecht-reisen.ch
www.manta.ch
www.srv.ch
www.tourasia.ch

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