Fast täglich erreichen uns aus Thailand Nachrichten über Demonstrationen gegen die Regierung. Können Sie Reisen nach Thailand überhaupt noch empfehlen?
Stephan Roemer: Nachdem die Opposition seit dem 13. Januar zu Massendemonstrationen in Bangkok aufgerufen hat, präsentiert sich die Situation am dritten Tag dieses Vorhabens als ruhig, mit bedeutend weniger Anhängern, als dies anfänglich ausgerufen wurde. Die Demonstrationen verlaufen bislang äusserst friedlich und haben eher Volksfest-Charakter mit Vorführungen, Essständen und einer Menschenmenge, die an den belagerten Plätzen campiert.

Hat dies Einfluss auf Sie als Reiseveranstalter?
Nein, wir konnten bis heute sämtliche Ausflüge, Rundreisen und Transfers regulär und ohne Einschränkungen durchführen. Das Verkehrsaufkommen in der Stadt ist bedeutend geringer als üblich. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkehren regulär. Die Transfers an die Flughäfen können bis zum Zeitpunkt ohne Verzögerungen, sogar schneller als gewohnt, durchgeführt werden.

Damit für einen Aussenstehenden die Situation in Thailand etwas verständlicher wird, muss man die Umstände im grösseren und längerfristigen Umfeld beleuchten.
Thailand ist seit 1932 eine Demokratie. Im Hintergrund steht ein für das Volk sehr einflussreiches Königshaus. Der Einfluss der Monarchie schwand in den letzten Jahren, was in erster Linie mit dem betagten Monarchen zu tun hat, der sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr für sein Volk engagieren kann. Der Thailänder hat kein Verständnis für ein demokratisches System, wo verschiedene politische Ansichten zu einem Konsens führen. Eine Partei führt, die Opposition schaut zu, bis der Zeitpunkt kommt, in dem einzelne Politiker zum Wechsel der politischen Führung aufrufen.

Dabei sind oft persönliche Ambitionen von Politikern und Militärs im Spiel…
Genau. Nicht zuletzt, weil ein politisches Amt Ansehen und finanzielle Lukrativität bringt. Oft spielen die Exponenten dieses Spiel so lange, bis die Gegenpartei aufgibt oder die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben diese zermürbende Situation satt hat. In der Vergangenheit hatte der Monarch spätestens zu diesem Zeitpunkt zur Versöhnung oder Kompromissen aufgerufen.

Welche Rolle spielt die zurzeit oppositionierende Gruppe um Suthep Thaugsuban?
Suthep Thaugsuban, ein Abgeordneter aus dem Lager des ehemaligen Premierministers, der sein Amt im November niedergelegt hat und aus der Partei ausgetreten ist, ruft nach einer Volksregierung, ohne dass irgendwelche Strategien oder Pläne dabei auszumachen sind. Bei der informierten Bevölkerung ist klar, dass Suthep hier Eigeninteressen verfolgt – zu fest erinnert man sich noch an den Politskandal vor 20 Jahren, wo regierungseigenes Land an die ärmere Bauernbevölkerung hätte verteilt werden sollen, jedoch in den Taschen von Suthep und seinen Gefolgsleuten gelandet ist.

Zu Beginn der Demonstrationen fiel es Suthep leicht, Bauern aus dem Süden gegen Bezahlung nach Bangkok zu mobilisieren…
Ja, jetzt setzt aber die Pflanz- und arbeitsintensive Zeit für diese Leute ein und mit ihrer Anwesenheit in Bangkok – viel mehr machen die meisten Demonstranten nicht, sie wissen ja in den meisten Fällen nicht mal, wofür sie demonstrieren, setzen sie ihre finanzielle Lebensgrundlage aufs Spiel. Das ist dem einfachen Bauern dann doch zu viel.

Sollte man eventuell Bangkok meiden und eher über Phuket einreisen?
Ich sehe mit meinen Kenntnissen des heutigen Standes keinen Grund dazu. Eventuell können Staus in und um die Regierungsviertel vorkommen, welche die grossen angrenzenden Shopping-Gebiete umfassen können.

Gibt es Regionen - vor allem in den Grenzgebieten - die man unbedingt meiden sollte?
Nein, definitiv nicht. Bei den südlichen muslimischen Provinzen gab es schon immer Empfehlungen zur Meidung. In Bangkok würde ich die Innenstadt/Regierungsviertel vorsorglich mal meiden.

Wie beurteilen Sie persönlich die politische Lage?
Ich wünsche mir zukünftig für die thailändische Bevölkerung ein ausgeprägteres demokratisches Verständnis. Das erkennt man heutzutage wohl schon bei der jüngeren Generation. Ich denke, dass wir hier auch ein gewisses Generationenproblem haben, bis jüngere, gebildete Kräfte aufkommen, die ein demokratisches System nach europäischem Verständnis anstreben. Die zukünftigen Veränderungen im Königshaus könnten dazu eine Chance bieten.

Ist die Sicherheit der Touristen Ihrer Ansicht nach gewährleistet? Oder richten Sie sich ausschliesslich nach den Reiseempfehlungen des EDA?
Ich betrachte die Reiseempfehlungen des EDA als absolut angemessen und akkurat. Ich sehe keinerlei Sicherheitsprobleme für einen Touristen, solange er sich nicht in demonstrierende Gruppen begibt.

Was empfehlen Sie Ihren Kunden?
Obwohl zahlreiche Touristen den Darbietungen dieser Demonstrationen beiwohnen, empfehlen wir unseren Kunden, sich in keiner Weise zu engagieren und diesen Plätzen fernzubleiben. Und Bangkok ist mit seinem Einzugsgebiet auf einer Fläche von über 7000 km2 – 15 % der Fläche der Schweiz – und rund 15 Mio. Einwohnern so gross, dass das Zentrum von vielleicht 4 km2 einfach gemieden werden kann.