Von Andrea Freiermuth

Welches Land hat euch am besten gefallen? Seit Jahren mache ich mir einen Spass daraus, allen Langzeitradlern, denen ich begegne, diese Frage zu stellen. Veloreisende sind Experten für Geheimtipps, denn sie weichen von den gängigen Touristenpfaden ab und kommen auf ihrem Weg von A nach B gezwungenermassen durch Gegenden, die andere gar nie erwägen würden. Welches Land bleibt also in bester Erinnerung? Überdurchschnittlich oft lautet die Antwort: Kirgistan.

Auf einer Bike-Reise habe ich ein paar Erklärungen für die Kirgistan-Liebe der pedalierenden Weltenbummler gefunden. Erstens: Das Land hat Berge, und was für welche. Der tiefste Punkt liegt auf rund 400 Metern, der höchste ist der Pik Pobeda mit 7439 Metern. So gibt es wie in den Alpen Bergwälder, Gebirgsseen, Gletscherlandschaften und Schneeberge. Aber eben nicht nur. Denn das Klima in Zentralasien ist stark kontinental geprägt. Folglich ist der Sommer in den tieferen Lagen sehr heiss – darum gibt es da Steppen und sogar Wüsten. Kurz: Die Landschaft ist unglaublich abwechslungsreich und deshalb ein Traum für jeden Velofahrer. Die deutschen Zwillingsbrüder Paul und Hansen Hoepner, die von Berlin nach Schanghai geradelt sind, verwenden sogar den Superlativ: Sie schreiben im Klappentext ihres Buches, dass sie in Kirgistan die schönsten Landschaften der Welt gefunden hätten.

Für uns war der über der Baumgrenze gelegene Son-Kul-See, an dessen Ufer wir in einem Jurtencamp übernachteten, einer der landschaftlichen Höhepunkte. Die Königsetappe mit rund 70 Kilometern und 1800 Höhenmetern führte uns über zwei Pässe und eine sagenhaft lange Abfahrt durch Niemandsland. Der Tosor-Pass auf 3876 Meter über Meer war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend – dünne Luft, karge Vegetation und immer wieder Nomaden und ihre Tiere auf den weiten Ebenen entlang des steinigen Weges.

Zum zweiten Grund: Kirgistan ist in Zentralasien das stabilste Land. Die letzten Unruhen liegen schon vier Jahre zurück. Damals wurde Staatspräsident Kurmanbek Bakijew gestürzt, und es gab eine Übergangsregierung. Touristen waren nie gefährdet. Kirgistan ist eine parlamentarische Demokratie, welche die Macht des Präsidenten beschränkt. Seine Nachbarn Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan hingegen sind durch das jeweilige Staatsoberhaupt autokratisch regiert. Ginge es mit rechten Dingen zu, wären diese Quasi-Diktatoren längst abgewählt. Und dann ist da noch Afghanistan, mit dem Kirgistan zwar keine gemeinsame Grenze, aber das «Stan» im Namen gemeinsam hat: «Manche Gäste kommen und fragen: «Wo ist der Krieg?», erzählt Sergey Pareha (39), der in der Hauptstadt Bishkek die Reiseagentur Novi Nomad betreibt. «Im Ausland weiss man einfach zu wenig über unser Land. Wir leben 1000 Kilometer vom Hindukusch entfernt, haben eine völlig andere Kultur, eine andere Sprache und eine andere Geschichte als die Afghanen.»

damit wären wir beim dritten Grund, warum Kirgistan unter den Langzeitradlern so beliebt ist: Der schlechte Ruf der Nachbarn färbt auf Kirgistan ab, was die Massen abschreckt und dafür sorgt, dass dieser Binnenstaat bisher von den schlechten Einflüssen des Tourismus verschont blieb: Kein Betteln und kein Abzocken. Bloss einfache Menschen, die sich wundern, warum sich diese Europäer freiwillig durch Hitze, Staub und Höhenmeter quälen – und ihnen bei jeder Gelegenheit einen Schnitz Wassermelone oder einen Schluck Stutenmilch anbieten.

Das Lieblingsgetränk der Kirgisen ist allerdings gewöhnungsbedürftig: Sie trinken die Milch nicht frisch, sondern fermentiert. Folglich mundet das Gebräu wie schlecht gewordenes Joghurt mit einem Schuss Alkohol. Trotzdem kann man die Einladung zum Kymyz nicht ablehnen. Der Moment, in dem einem der Topf gereicht wird und die ganze Familie auf die Reaktion des Gastes wartet, ist einfach zu feierlich, die dadurch entstehende Nähe zu Menschen, mit denen man sich bloss mit Gesten verständigen kann, zu berauschend.

Was Radfahrer erfreut, dürfte auch Wanderer und andere Entdecker begeistern. Für Schweizer im Speziellen ist Kirgistan interessant, weil sie sich hier mit eigenen Augen davon überzeugen können, wie Schweizer Hilfsorganisationen ihre Gelder sinnvoll einsetzen – und sogar selber, in Form eines authentischen Erlebnisses, davon profitieren können. In den späten Neunzigerjahren engagierte sich Helvetas mit einem Projekt, das Familien und Gemeinden dabei unterstützte, Infrastruktur und Dienstleistungen für Touristen aufzubauen. Fragt man irgendeinen Kirgisen nach CBT – Community Based Tourism – findet man selbst in abgelegenen Regionen bald ein Dach über dem Kopf. Die Abkürzung ist inzwischen zu einem Synonym für Übernachtungsmöglichkeit geworden.

Bei Tursunay Aylchieva Sabyrbekovna (31) zum Beispiel findet man eine Zeltplane mit Sternenguckloch: Sie betreibt gemeinsam mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern ein Jurtencamp in der Nähe der einstigen Karawanserei Tash Rabat, an einem Zweig der legendären Seidenstrasse. Ihr Vater, der Mathematiklehrer ist, hält wie viele Kirgisien noch ein paar Nutztiere und zieht mit ihnen im Sommer ins Hochland. Vor zehn Jahren hat er mit zwei Jurten für Gäste begonnen, inzwischen ist das Camp auf acht Jurten und ein Saunahäuschen angewachsen. Im Angebot steht zudem Pferdetrekking. Das Geschäft mit den Touristen beschäftigt während der Sommermonate fünf Familienmitglieder und ist für die Sabyrbeks ein wichtiger Erwerbszweig geworden.

Gastfreundschaft hat In Kirgistan Tradition: Besonderen Gästen kommt die Ehre zuteil, den Kopf des Schafes, das extra für sie geschlachtet wird, an die Tischgenossen zu verteilen. Wobei man mit den Augen beginnen und sie der wichtigsten Person in der Runde offerieren sollte. Uns wurde diese Aufgabe zum Glück nie aufgetragen. Wahrscheinlich, weil wir stets zu Gast bei Leuten waren, die bereits etwas Erfahrung im Umgang mit westlichen Touristen hatten. So profitierten wir unter anderem von Eintöpfen, die etwas mehr Gemüse als Fleisch und Fett enthielten, und durften hin und wieder etwas anderes als Lamm essen – ein kleiner, durchaus willkommener Abstrich an der Authentizität, die uns ansonsten wahrscheinlich überfordert hätte.

Dieser Artikel wurde mit der Unterstützung des Schweizer MTB-Reiseveranstalters «Bike Adventure Tours» realisiert.

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