Die welsche Schweiz. Welche Schweiz? Wer in St. Gallen oder Graubünden über unseren frankofonen Landesteil diskutieren will, findet sich nicht selten in einem Monolog wieder. Denn: Jeder vierte Bewohner dieser beiden Kantone war in seinem Leben noch überhaupt nie dort. Dicht dahinter folgen Thurgau und Aargau mit der höchsten Dichte an Romandie-Muffeln.

Satte 14 Prozent oder jeder siebte Deutschschweizer hat den «Röstigraben» in seinem Leben noch kein einziges Mal überquert, kennt also Genf, Montreux, den Neuenburgersee oder die Jura-Alpen, falls überhaupt, nur vom Hörensagen. Dieses ernüchternde Bild zeigt eine aktuelle Umfrage der Forschungsstelle Sotomo im Auftrag der Swisscom. Basis für die Erhebung waren Befragungen von über 14 000 Schweizerinnen und Schweizern über diverse Onlinekanäle.

Gemäss Sotomo hängen die Zahlen eng mit den Distanzen zusammen. Je weiter die Sprachgrenze entfernt liegt, desto grösser werden einerseits die Sprachbarriere, anderseits der finanzielle und zeitliche Aufwand für die Reise. Das trifft im Besonderen auf das Städtereiseziel Genf zu, das für St. Galler oder Churer vier lange Bahnstunden entfernt liegt. Dazu gehören die Hoteltarife in der Rhone-Stadt auch im internationalen Vergleich zu den teuersten. Da ist die nur einstündige Fahrt nach Zürich-Kloten mit einem anschliessenden Billigflug nach Paris, Wien oder Barcelona nicht nur schneller zu absolvieren, sondern in vielen Fällen sogar günstiger. Der aktuelle Wechselkurs zwischen Franken und Euro hat die ausländischen Alternativen zusätzlich noch attraktiver gemacht.

Ein Drittel der Schweizer macht nie Ferien im eigenen Land
Zwar gelten die gleichen Mechanismen auch für die Verkehrsachse West-Ost innerhalb der Schweiz. Gleichwohl haben die Romands laut Sotomo deutlich weniger Berührungsängste mit dem «Röstigraben». Gemäss der Studie reisen nicht weniger als 63 Prozent der Welschen mindestens einmal pro Jahr in die Deutschschweiz.In der umgekehrten Richtung beträgt die Quote lediglich 37 Prozent.

Die Genfer Tourismusbehörde reagiert nun mit einer einzigartigen Marketingkampagne und verlost gegenwärtig auf verschiedenen Social-Media-Plattformen 1000 Gratis-Übernachtungen in diversen Stadthotels. Das Angebot richtet sich primär an Städtereisende aus der Deutschschweiz. Die Initiative stösst auf mediales Interesse und wird von Schweiz Tourismus gelobt. «Wir finden die Aktion kreativ», sagt Vizedirektor Urs Eberhard. Genf Tourismus setze damit ein Zeichen und bringe sich als attraktives Städtereiseziel ins Gespräch.

Schweiz Tourismus unterstützt die Genfer Kampagne über ihre eigenen Kanäle, denn sie passt zur grundsätzlichen Bestrebung der Vermarktungsorganisation, den Binnentourismus innerhalb der Schweiz zu stärken. Das Potenzial sei riesig, sagt Urs Eberhard. «Laut unseren Umfragen machen 33 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nie im Inland Ferien, weil sie glauben, die Schweiz bereits zu kennen.» Wie die aktuelle Somoto-Studie jetzt zeige, sei diese Annahme jedoch falsch.

1 Creux du Van
Man nennt ihn auch den «Gran Canyon der Schweiz»: Die eindrückliche Felsenarena des Creux du Van zwischen Neuenburgersee und Val-de-Travers ist das älteste Naturschutzgebiet der Schweiz (seit 1870). Hier finden unter anderem Luchse und Steinwild eine Heimat. Die rund 200 Meter hohen Felsen fallen senkrecht ab und bilden einen hufeisenförmigen Kessel von einem Kilometer Durchmesser. Um das Gebiet in seiner ganzen Pracht zu entdecken, empfiehlt sich z. B. eine vierstündige Rundwanderung ab und bis Noiraigue auf 729 Metern über Meer. Erreichbar ist die Ortschaft via Bahn ab Neuenburg. Wichtig ist gutes Schuhwerk, weil bei Nässe teilweise Rutschgefahr besteht.

www.neuchateltourisme.ch
www.wanderland.ch

2 Rhonegletscher
Zwischen Rhonegletscher und Genfersee legt die Rhone 119 Kilometer auf Schweizer Boden zurück, den grossen Teil davon in der Romandie. Das besonders reizvolle am Rhonetal, ein Paradies für Wanderer und Biker, sind seine krassen landschaftlichen Gegensätze. Man findet hier praktisch Spitzbergen und Spanien auf engstem Raum. In den Talsohlen herrscht ein mildes, teilweise mediterranes Steppenklima. Etwa in der Walliser Hauptstadt Sion, die Zürich um mehr als 350 Sonnenstunden im Jahr übertrifft. Als Kontrastprogramm ragen rundherum etliche eisgepanzerte Viertausender-Gipfel in die Höhe. Besonders sehenswert sind auch zahlreiche Stauseen, die das Rhonetal aus seinen Seitentälern heraus bewässern.

www.outdooractive.com

3 Montreux
Das «St. Moritz am Genfersee» gehört zu den touristischen Perlen des Landes. Das milde Klima, die attraktive Lage mit einer einzigartigen Uferpromenade haben Montreux weltberühmt gemacht und seit je Monarchen, Künstler und Politiker aus aller Welt angezogen. Etabliert hat sich auch eine hochstehende Hotellerie. Ein kulturelles Highlight ist das Jazz Festival, welches heuer vom 1. bis 16. Juli stattfinden wird. Zum Rahmenprogramm gehört auch die Besichtigung des nahe gelegenen Schlosses Chillon.

www.montreux.ch
www.montreuxjazz.com
www.chillon.ch

4 Lausanne/IOC-Sitz
Als «Olympische Hauptstadt» bezeichnet sich Lausanne auf seiner Tourismuswebseite. Zu Recht, steht doch der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) seit vielen Jahren in der Hauptstadt des Kantons Waadt. Lausanne beherbergt zudem weitere bedeutungsvolle Instanzen, etwa den Sitz des Internationalen Sportgerichtshof (TAS) oder auch das Schweizer Bundesgericht. Dazu gilt die Stadt als bedeutendes Wirtschafts-, Kultur- und Bildungszentrum. Auch für sein Nachtleben ist Lausanne bekannt und bietet für Besucher ein breites Portfolio an über 5000 Gästebetten vom Campingplatz über Bed & Breakfast und Jugendherberge bis zum Fünfsternhotel. Als wichtiger regionaler Verkehrsknotenpunkt ist Lausanne auch aus der Ost- und Südostschweiz per Bahn gut erreichbar.

www.lausanne-tourisme.ch
www.olympic.org

5 Gruyères
Wie vielleicht Zofingen im Kanton Aargau ist Gruyères im Kanton Fribourg der Inbegriff für ein mittelalterliches Bilderbuchstädtchen. Es befindet sich auf einem kleinen Hügel, verfügt über ein Schloss aus dem 13. Jahrhundert und hat sich sein antikes Dorfbild fast vollständig bewahrt. Drei unterschiedliche Museen bieten tiefe Einblicke in die 800-jährige Geschichte von «Greyerz». Das für den motorisierten Verkehr gesperrte Städtchen verfügt auch über verschiedene gastronomische Perlen. Wer den international dotierten Käse aus Gruyères auch noch mag, sollte keine Zeit verlieren und einen Besuch in der modernen lokalen Schaukäserei in sein Reiseprogramm integrieren.

www.la-gruyere.ch
www.gruyere.com

6 UNO-Hauptsitz
Ein Besuch im internationalsten Bauwerk der Schweiz: Das Büro der Vereinten Nationen in Genf ist neben jenem in New York der zweite Hauptsitz der UNO. Der «Palais des Nations» – 600 Meter lang und mitten im Ariana-Park am Genferseeufer gelegen – beherbergt unter anderem den UN-Menschenrechtsrat sowie das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Seit 1966 ist hier der europäische Hauptsitz der UNO. In total 34 Konferenzräumen und rund 2800 Büros finden jährlich über 8000 Treffen von Vertretern verschiedenster Nationen statt.

www.unog.ch
www.geneve-int.ch

7 Epesses–Vevey
Das Weinbaugebiet Lavaux erstreckt sich zwischen Lausanne und Vevey auf über 800 Hektaren, auf denen seit dem 12. Jahrhundert steile Terrassen angelegt worden sind. Das Gebiet umfasst zehn Gemeinden. Ein Tipp ist der Besuch im Dörfchen Epesses, wo hoch dotierte Winzer vor allem trockene Weissweine hauptsächlich aus der Rebsorte Chasselas herstellen. Südlich vom Dorfkern befindet sich die steil abfallende Lage Calamin, wo Trauben für eine Reihe von vorzüglichen Grand-Cru-Weinen reifen. Für den Genuss der edlen Tropfen empfehlen anerkannte Weinkenner die Restaurants «Les Saisons» und «La Véranda» im Grand Hotel du Lac in Vevey mit direktem Seeanstoss. Ihre Weinkarten bestechen mit einer gigantischen Auswahl an regionalen und internationalen Spitzensorten. Dazu gibt es das berühmte Eglifilet (Filet de perche), fangfrisch aus dem Genfersee.

www.vignerons-lavaux.ch
www.blaiseduboux.ch
www.hoteldulac-vevey.ch

8 Porrentruy
Die Romandie ist die Wiege der Schweizer Uhrenindustrie und hat unserem Land damit zu weltweitem Ruhm verholfen. Sich diese Kunst einmal aus nächster Nähe anzusehen, gehört für einen Schweizer deshalb zur Allgemeinbildung. Zum Beispiel mit einem Besuch in Porrentruy im Kanton Jura. Dort hat die Fondation Horlogère einen abwechslungsreichen Uhrenweg kreiert, der Besuchern die Geschichte der lokalen Uhrenmacher sowie die Altstadt von Porrentruy näherbringt. Eindrücklich ist auch der Besuch bei einem lokalen Uhrenhersteller wie Louis Chevrolet. Ebenfalls ein Tipp: Besuch des internationalen Uhrenmuseums La Chaux-de-Fonds, grösstes auf Uhren spezialisiertes Museum der Welt mit 4000 Exponaten.

www.juratourisme.ch
www.mih.ch

9 Jet d’Eau
Mit einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern schiessen im GenferSee-Becken La Rade pro Sekunde 500 Liter Seewasser in eine Höhe von bis zu 140 Metern empor. Ursprünglich war die Fontäne nur wenige Meter hoch und diente als Überdruckventil für die 1885 erbaute Druckwasserleitung der Genfer Juweliere, die damit ihre Maschinen betrieben. Wenige Jahre später wurde der Druck markant erhöht und aus dem Jet d’Eau ein bis heute anhaltendes Genfer Wahrzeichen gemacht. Den schönsten Blick auf den riesigen Springbrunnen hat man von den Bain des Pâquis, wo sich im Sommer ganz Genf zum Baden trifft. Bei Dunkelheit wird die Fontäne beleuchtet.

www.ville-geneve.ch

10 Avenches
In «Aventicum», ehemalige Hauptstadt der Römer im früheren Helvetien mit einst 20 000 Einwohnern, bläst dem Besucher ein Sturmwind der Geschichte entgegen. Heute als Avenches bekannt, nennt das noch knapp 3000-Seelen-Dorf nahe der kantonalen Sprachgrenze Waadt/Freiburg u. a. ein gut erhaltenes antikes Amphitheater mit bis zu 16 000 Zuschauerplätzen (!) sein eigen. Die imposante Arena wird im Rahmen des reichhaltigen Kulturangebots vor Ort permanent zu neuem Leben erweckt. Jährlich stattfindende musikalische Grossanlässe sind etwa die «Avenches Opera» (30. Juni – 15. Juli 2016 mit «Madame Butterfly») sowie «Avenches Tattoo» (1. – 3. September 2016).

www.commune-avenches.ch
www.avenchesopera.ch,
www.avenchestattoo.ch

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