Von Deborah Onnis

Die Sarden nennen das Festland von Italien «il continente». Denn auf «Sardigna», wie die autonome Region auf Sardisch heisst, leben sie in ihrer eigenen Welt. Und die entdeckt man am besten abseits von der Costa Smeralda und Porto Cervo, den teuren Touristenregionen im Norden. Denn im wenig touristischen Süden, wo die sardische Kultur ihren Ursprung hat, ist das ganze vielfältige Wesen der Insel wiederzufinden.

Entlang der Küste auf einer Autostrasse im Süden Sardiniens ziehen die Kilometer unbemerkt an einem vorbei. Braune Felder und in der Ferne steinige Hügel, umfasst von dunkelgrünen Buschwäldern und kakteenartigen Wildfeigenbäumen auf der einen Seite, auf der anderen: das weite Meer. Abschnittweise befeuchten die Wellen, keinen halben Meter hinter der Leitplanke, den Boden. Immer wieder sind Salinen zu sehen und Flamingos, die darin abwechselnd ihren Kopf ins Wasser tauchen. Seit Jahren fliegen sie unerklärlicherweise gar nicht mehr aus. Hier gefällt es ihnen offenbar zu gut. Am Strassenrand, der die wenigen vorbeibrausenden Autos von der Landschaft trennt, ist – anders als in vielen anderen süditalienischen Regionen – kein Abfall zu finden.

Im Gegensatz zum Norden, der lange nur von Wanderhirten bewohnt wurde, wird im von der Bauernkultur geprägten Süden traditionellerweise Respekt grossgeschrieben. Respekt gegenüber der Natur, der Kultur, den Menschen. «Ich respektiere dich, du respektierst mich» – das ist der einfache Grundsatz. Hält man sich daran, ist man bei den Südsarden auch als Auswärtiger sehr gern gesehen und wird herzlich empfangen und geschätzt. Und kann dementsprechend die Schätze des Südens guten Gewissens geniessen.

Angefangen bei den schönen Stränden von Chia, deren Wasser dank dem Granitvorkommen genauso smaragdfarben glänzt wie an den Trendstränden im Norden. Einziger Unterschied: Sie sind weniger überfüllt und bei den Einheimischen beliebter. Um unter den vielen Strandabschnitten und Buchten zu entscheiden, hilft der Aufstieg zum Leuchtturm-Aussichtspunkt «Torre di Chia». Von dort kann man sich eine gute Übersicht verschaffen und vor allem das fantastische Meerpanorama geniessen. Hat man sich dann für einen entschieden, erreicht man einige nur bis zu einem bestimmten Punkt mit dem Auto. Zu Fuss erreicht man den Strand jeweils nach einem hundert Meter langen Spaziergang vorbei an naturgeschützten Dünen. Auch weiter Richtung Westen sind viele weitere unberührte, naturbelassene Strände zu finden. Dass einige Küstenregionen im Süden nicht überbaut werden dürfen, ist übrigens unter anderem einem Schafhirten zu verdanken, der seinen Einspruch durchsetzen konnte.

Unverkäufliche Kunst
Richtung Westen, in den Gewässern bei der kleinen Insel Sant’Antioco, geht die bekannte Muschelseideweberin Chiara Vigo regelmässig tauchen. In einigen Metern Tiefe holt sie sich Faserbärte der edlen Steckmuschel, um sie später zu wertvollen goldglitzernden Fäden zu spinnen. Die Stickereien und Webwerke, die sie dann daraus macht, sind nicht zu verkaufen. Das betont die Künstlerin mit einem Merkblatt vor ihrem Ausstellungslokal «Museo Bisso» im Zentrum des kleinen Hafenstädtchens Sant’Antioco. «Dieser Schatz gehört nicht mir, er gehört allen», sagt Chiara Vigo, die ihre Werke bereits vielen Museen und Institutionen in Europa verschenkt hat. Die Muschelseide gilt für sie als heilig. Wenn sie aus dem federleichten Faser-Knäuel ihren goldenen Faden spinnt, summt und singt sie konzentriert ein Gebet dazu. Ein notwendiges Ritual, damit der heilige «bisso» überhaupt entstehen kann.

Die Unterwasserwelt verbirgt aber auch östlich der Südküste Überraschungen. In Nora zum Beispiel, wo man gleich neben dem Badestrand eine römische Ruinenstätte bestaunen kann, findet man beim Tauchgang mit ein bisschen Glück römische Überreste. In den Sommermonaten verwandelt sich dann die römische Theaterruine in eine Bühne, wo Live-Konzerte vom Meerrauschen begleitet werden.

Wildpferde beobachten
Mindestens so sehenswert wie die Küstenregion ist im Süden auch das Landesinnere. Auf der ganzen Ebene sind aus Steinen gebaute «Nuraghe» anzutreffen: Turmbauten in Form eines höheren Baumstumpfs. Wofür diese Bauten aus der Bronzezeit genutzt wurden, ist nicht endgültig geklärt. Vermutet wird, dass sie als Kultstätten dienten. Oder als Militärfestungen oder Wohnstätten.

Die wohl berühmteste Nuraghen-Siedlung ist «Su Nuraxi» in Barumini, die 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Sehenswert ist sie wegen der Grösse, aber auch weil man als Besucher sehr nahen Zugang dazu erhält. Konkret klettert man wie die Ursarden durch die engen und steilen Gänge des mysteriösen Baus. Auf die Nuraghen sind die Südsarden besonders stolz. Fragt man sie nach Sehenswürdigkeiten in ihrer Region, werden die «Nuraghe» gleich als erste stolz genannt. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass sie darin ihre echten Wurzeln sehen, da diese in der Bronzezeit erbaut wurden, noch bevor römische und später spanische Belagerer auf der Insel ihre Spuren hinterliessen.

Für alle ein Erlebnis ist auch Giara di Gesturi, ein naturbelassenes Naherholungsgebiet auf der vulkanischen Hochebene der südlichen Region. Entlang der unebenen Wanderwege geht man an vielen Korkeichen vorbei, die nach der Ernte blutrot leuchten, und auch an duftenden Myrte-Büschen. Die Gegend ist bei Wanderern und Bikern aber nicht nur wegen der Vegetation beliebt, sondern vor allem wegen der Wildpferde, denen man hier auch mit Glück begegnet. Durchquert man den bewachsenen Teil der Hochebene, erreicht man ein steppenartiges Gebiet, vor dem man auf Basaltsteinen vor sich hin sinnieren kann. Unterbrochen wird man höchstens vom Wiehern der Wildpferde.

Eindrücklich ist in der von Mussolini gegründeten Stadt Carbonia das ehemals grösste italienische Kohlewerk «Serbariu», das mittlerweile zu einem Museum umgestaltet wurde. Mit Helm und Taschenlampe ausgerüstet, kann man die unterirdischen Minengänge begehen, die man teilweise geduckt passieren muss. «Stellen Sie sich diesen Raum bei etwa 40 bis 50 Grad vor – unter diesen Bedingungen mussten damals die Arbeiter 16 Stunden am Tag nonstop arbeiten», erklärt der Guide. An den Kohlewänden sieht man auf Originalfotos Minenarbeiter schwitzen. Auf einmal wird es laut. Hämmernder Maschinenlärm. Er stammt von Videos über den damaligen Berufsalltag,die an die Wände projiziert werden. Weiter vorn befindet sich auf Schulterhöhe ein kleiner Schacht. Ein erwachsener Mann hätte darin knapp Platz, bewegen könnte er sich darin unmöglich. «Der gehörte zu den unangenehmsten Arbeitsplätzen. Arbeiter, die hier liegend die Kohle ausgraben mussten, wurden ‹topi› (dt. Mäuse) genannt.»

Im Obergeschoss der Anlage sind dann weitere Utensilien wie Lampen, Garderobenschränke und Anwesenheits-Jetons der Minenarbeiter zu sehen, die oft keine hohe Lebenserwartung hatten. Viele der Engagierten im Museum haben selber Angehörige, die früher im Kohlewerk arbeiteten, und führen die Besucher leidenschaftlich durch die Ausstellungen. Trinkgeld nehmen sie keines an. Eine berührende Ecke im Museumssaal: Kohlenschwarze Handabdrücke von zurückgekehrten ehemaligen Minenarbeitern.

Belebte Altstadt-Ruine
In Südsardinien ist es selbstverständlich, Produkte vor dem Kauf zu probieren und einen Einblick in die Produktion zu erhalten. Wie bei der Familienimkerei «Isca e Muras» in Barumini, bei der familienbetriebenen Weinproduktion Argiolas in Serdiana oder in der Ölpresse «Oleificio Locci» in Dolianova. So selbstverständlich, wie eine alte Grossmutter im Familienbetrieb eines Minimarkets die Brotlaibe aufschneidet und für Gruppen frische Sandwiches macht. Sie braucht zwar mindestens 5 Minuten pro Sandwich, aber das einfache, mit Liebe gemachte Riesen-Sandwich sättigt fast den ganzen Tag lang.

Vom Hügel «Monte Urpino» lohnt sich der Rundumblick: Cagliari, sard. «Su Casteddu» (dt. das Schloss), die Hauptstadt Sardiniens, wird auf der eine Seite von bewaldeten Hügeln umarmt, auf der anderen Seite vom Meer geküsst. Arbeiter von Cagliari machen über Mittag einen Abstecher zum Stadtstrand «Il Poetto» oder nutzen die Palmenallee als Joggingstrecke. Die auf Hügeln gelegene Altstadt ist auch für Nicht-Geschichtsinteressierte einen Besuch wert. Die Salzluft, die Zeit und die etlichen Belagerungen haben an den Schlossmauern ihre Spuren hinterlassen. Bewohner und Gewerbler hauchen den Ruinen Leben ein. So geniesst man den Sonnenuntergang am besten in einer der Bars auf den Aussichtsplattformen an den Stadtmauern – bei einem regionalen Bier Ichnusa. Auch als Frau kann man sich in Südsardinien in der Regel sicher fühlen. Eine lokale Reiseleiterin bringt es auf den Punkt: «Hier schaut man noch zueinander.»

Die Autorin reiste auf Einladung von Vögele Reisen nach Sardinien.

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