Saas-Fee wirbelt diesen Winter viel Schnee auf. Die Bergbahnen des Oberwalliser Dorfs offerierten das Abonnement zu Beginn der Saison für 222 statt 1050 Franken. Die einzige Bedingung: 99 999 Sportler mussten eine Karte kaufen. Im November kam der Deal zustande, und der Schweizer Tourismus wurde durchgeschüttelt.

Vom Puschlav über die Surselva bis in den Jura schaut nun jeder Seilbahnbetreiber neidisch auf das Hochplateau des Saastals. Während sie ein Minus von 9 Prozent gegenüber dem Fünf-Jahres-Durchschnitt aufweisen, verzeichnet Saas-Fee im Dezember und Januar, gemessen an den Ersteintritten, 45 Prozent mehr Wintersportler. Und nach Weihnachten waren so viele Skifahrer und Snowboarder auf den Pisten wie seit zehn Jahren nicht.

Der Gletscherort auf 1800 Metern über Meer hat aber auch schon lange vor dem 222-Franken-Coup auf sich aufmerksam gemacht. So war der erste Mann, der hierzulande je auf zwei Brettern ins Tal donnerte, ein Pfarrer aus Saas-Fee. Das erste Drehrestaurant auf einem Berggipfel? Gebaut in Saas-Fee. Und die erste Online-Buchungsplattform? Genau, auch eingeführt von Saas-Fee Tourismus. Vor über 30 Jahren machte dann das britische Pop-Duo Wham! mit dem Schmusesong «Last Christmas» das Dorf weltberühmt. Von Jahr zu Jahr kamen mehr Gäste. Zu den besten Zeiten zählte das Saastal 1 350 000 Logiernächte.

Das war vor neun Jahren. Dann stürzte die Wirtschaftskrise das Gletscherdorf an den Rand des Abgrunds. Die Gäste aus dem Euroraum blieben aus, sie machten fast 70 Prozent aus. «Ein harter Schlag», erzählt Tourismusdirektor Pascal Schär. Die Übernachtungszahlen sanken. Die Innovationen stagnierten. Die Bergbahnen schrieben rote Zahlen. Das Dorf fiel in eine Schockstarre. Der jahrelange Erfolg hatte die Hoteliers, Restaurantbetreiber und Ski-Verkäufer träge gemacht. «Wenn es gut läuft, besteht die Gefahr, den Anschluss zu verpassen», sagt Schär.

Vor zwei Jahren rauften sich im Ort alle zusammen. Saastal Marketing erhielt von den Gemeinden im Tal eine Bürgschaft von einer Million Franken und den Auftrag, mehr Schweizer Wintersportler anzulocken. Ein Netzwerk aus kreativen Köpfen brütet nun regelmässig neue Idee aus. Mit Erfolg. Neuste Zahlen zeigen: 33 Prozent liegen die Hotelübernachtungen über der Vorjahresperiode. Zu verdanken ist dies fast ausschliesslich dem 222-Franken-Deal. Doch wie nachhaltig ist dieses Schnäppchenangebot? «Wie lange es funktioniert, kann ich nicht beantworten», sagt Schär. «Nächste Saison bieten wir den Deal jedoch nochmals an.» Wer bereits letztes Jahr zugegriffen hat, kann sein Abo für 400 Franken um zwei Jahre verlängern.

Der Tourismusdirektor ist überzeugt: Es braucht mehr Mut und Kreativität im Tourismus. «Nichts zu machen, bedeutet das Aus», sagt Schär. Ob im kommenden Winter weitere Destinationen die Saaser Idee übernehmen, wird sich zeigen. Die allgemein rückläufigen Gästezahlen haben im Wintersportgeschäft einen Verdrängungswettbewerb ausgelöst. Fest steht: Die Aktion von Saas-Fee wird diesen noch verschärfen.

Aufbruch auch in der Hotellerie
Vorerst ist das Gletscherdorf im Aufwind, nicht nur bei Skifahrern, sondern auch bei Lifestylern. «The Capra» hilft dabei kräftig mit. Das Fünf-Sterne-Boutique-Hotel ist erst den zweiten Winter offen und scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Die 24 Zimmer, viele mit Sicht auf das Allalinhorn und den Dom, den höchsten Berg der Schweiz, sind gut gebucht. Understatement und unkomplizierter Luxus wird hier gelebt. Kein Schnickschnack, dafür eine herzliche Atmosphäre steht im Vordergrund.

«Der Gast soll sich wie zu Besuch im Chalet von Freunden fühlen», sagt Direktor Raphael Herzog. Genauso wie das Hotel führt auch der junge Zürcher Küchenchef Eric Glauser das Restaurant La Locanda. Hummer und Kaviar sucht man vergebens. Best-of: Brasato-Ravioli unter einer Schicht Kartoffelespuma. Heilbutt in Bergkräuterkruste oder geschmorte Rindsbacke.

Doch Saas-Fee setzt nicht nur aufs 5-Sterne-Segment. Ein defizitäres Freizeitzentrum wurde in den Neubau des «Wellness-Hostel 4000» integriert und zum öffentlichen Wellnessbereich entwickelt, der mit einem spektakulären Ausblick und punkto Ausstattung mit den Wellnessoasen mehr als mithalten kann. Allerdings ist sich Tourismusdirektor Schär bewusst: «Wir müssen noch mehr tun.»

Das Gletscherdorf ist dank des 222-Franken-Deals den anderen Wintersportorten einen Schritt voraus. Denn durch die Aktion ist die Bergbahn in den Besitz der Namen und Altersangaben der Gäste gelangt; diese Informationen kann sie für weitere Ideen nutzen. Wie viel die Aktion Saas-Fee gekostet hat, darüber haben die Parteien Stillschweigen vereinbart.

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