Von Armin Herb

Unter der Brücke plätschert die Etsch, oben am Radweg rollen die Fernradler am Fluss entlang. Aber sie werden gleich alle abbremsen, denn wir stehen an der Stadtmauer von Glurns, und an der kleinsten Stadt der Südalpen fährt keiner vorbei. Glurns erinnert mit seinen Türmen und der vollständig erhaltenen Stadtmauer an die Dörfchendes Brettspiels Carcassonne.

Die mittelalterlichen Stadttore, Gassen und Laubengänge waren schon oft Kulisse für Kinofilme. Wenn man so in der Sonne sitzt und die Blicke kreisen lässt, möchte man zu gern links und rechts des Tales hinauf, in die Berge, zu abgelegenen Dörfchen und Höfen, zu Ritterburgen und alten Kirchlein.

Hinaufwandern ist langwierig, die Auffahrt mit dem Mountainbike anstrengend, und das Auto kommt für uns nicht infrage. Deshalb kennt Bike-Guru Siegi Weissenhorn unsere neue Hardware: «Dort hinauf? Des packts ihr – mit dem leichten Cross-E-Bike!» Siegi leitet die grosse Fahrrad-Verleihstation am Bahnhof Mals, eine von insgesamt 22 Filialen von Südtirol Rad. Der entscheidende Vorteil des landesweiten Systems ist die Einwegmiete: Man kann das Mietrad auch an einer anderen Station zurückgeben. Zum E-Bike gibt uns Siegi gleich noch interessante Tourentipps auf den Weg.

Der Himmel am Ufer des Reschensees hängt voller bunter Schirme von Kite-Surfern. Entsprechend stark weht dem Radler der Passwind entgegen. Unsere Drei-Almen-Eingewöhnungstour ins Langtauferertal beginnt dort, wo der berühmte Kirchturm aus dem Stausee ragt, beim Dorf Graun auf 1500 Meter Höhe. Von der Landstrasse führt die Route über eine Brücke auf einen Schotterweg zu Alm Nummer eins, der Kaproner Alm. Der Höhenweg Nr. 15 bringt den E-Biker vorbei an Alm Nummer zwei, der Masebenalm. Danach rollen wir wieder zurück zum Talboden zur Alm Nummer drei, der Melager Alm im Talschluss zu Füssen der Dreitausenders Weisskugel.

Raubritter und Berg-Erdbeeren heissen die Stichworte unserer zweiten Tour. Aber hier hat uns Siegi mit seinem Routenvorschlag wohl etwas zu viel zugemutet. Deshalb entscheiden wir uns nach einem Blick in die Karte einfach für die Bergstrasse ins Matschertal. Sie führt oberhalb der Ruinen von Schloss Ober- und Untermatsch weit hinein ins bergbäuerliche Hochtal bis zum Strassenende am einsamen Almgasthof Glieshof auf 1900 Meter Höhe. Dort gibts im Sommer die süssen Matscher Berg-Erdbeeren zum Dessert. Zurück rollen wir über den Weiler Tial zum Aviunshof und weiter ins Dörfchen Matsch.

Die dritte Tour führt zum Schludernser Berg. Den Radler erwartet meist eine sonnengeflutete Tour mit grandiosem Ausblick über den oberen Vinschgau. Wer sich für Kultur interessiert, der macht gleich nach dem Start in Schluderns einen Stopp an der Churburg, gegründet im 13. Jahrhundert vom Fürstbischof von Chur und heute ein historisches Museum mit der grössten privaten Rüstkammer der Welt.

Durch Obstgärten und Bergwiesen zieht sich das Strässlein steil hinauf am Schludernser Berg. An dieser garstigen Rampe werden die meisten E-Biker auf Full-Power-Unterstützung schalten müssen. Aber auf rund 1500 Meter Höhe windet sich der asphaltierte Weg dann wieder mit Ortlerblick und Vinschgau-Panorama gemütlich am Hang entlang – nicht immer mit Leitplanken, aber immer schön breit zum Radeln.

Hinter dem Bergdorf Tanas mit seinem sehenswerten St.-Peter-Kirchlein neigt sich die Höhenstrasse wieder langsam über Serpentinen ins Tal nach Allitz und Laas, dem Ort mit dem berühmten weissen Marmor. Bevor es auf dem Vinschgerradweg wieder zurück Richtung Schluderns geht, machen wir noch einen kulinarischer Abstecher zum Radlertreff am Fischteich. Ein paar Zusatzkilometer, die sich lohnen, denn nicht nur die geräucherte Forelle ist ein Gedicht. Kein Wunder, geben sich hier die Radler die Klinke in die Hand.

«Und wann machts die Königstour zum Stilfserjoch?», fragt uns grinsend der Siegi, als wir unsere E-Bikes zurückgeben. Für die 25 hochalpinen Kilometer mit 2000 Höhenmetern und fast 50 Serpentinen zum zweithöchsten Alpenpass Europas werden wir dann doch noch etwas an unserer Kondition arbeiten müssen – trotz Motorunterstützung. Aber der Stelvio ist ein lohnender Grund, wieder zu kommen.

Weitere Infos: www.suedtirol-rad.com, www.vinschgau.net

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper