Quer durch die Alpen

Im Aufstieg auf einen der einsamen Piemonteser Berge. Foto: Olivier Pasche

Im Aufstieg auf einen der einsamen Piemonteser Berge. Foto: Olivier Pasche

Eine abenteuerliche und zugleich kulinarische Etappe der Transalp: Vom Valle Stura ins Valle di Po.

Von Daniel Fuchs

Das Piemont ist der Ursprung der Slowfood-Bewegung, der italienischen Antwort auf Fastfood. Da passt die Einladung vorzüglich, auf Tourenski Schritt für Schritt und von Tal zu Tal die sogenannten Seealpen zu erkunden. Die Tourenwoche ist Teil eines transalpinen Traums. Von Nizza am Mittelmeer bis vor die Tore Wiens – für einige Pioniere hat er sich erfüllt.

Der zweite Tag ist angebrochen. Wir haben etwas Wetterpech, als wir uns auf dem knapp 2000 Meter hohen Colle Maddalena, auf Französisch Col de Larche (ja, wir befinden uns für einen kurzen Moment in Frankreich), zuhinterst im Valle Stura vom Taxichauffeur absetzen lassen. Die Passstrasse ist ganzjährig geräumt und eine wichtige Verbindung zwischen Italien und Frankreich. Der Aufwand kann nur erahnt werden, mit dem die Autos und Lkw vor Naturgefahren wie Lawinen geschützt werden. Wir montieren die Aufstiegsfelle und schnallen die Tourenski an. Es rieselt leicht. Immerhin. An unserem Ziel, im Valle Maira, schüttet es aus Kübeln, wie wir später an diesem Tag erfahren werden. Tief hängen die Wolken, als wir losmarschieren.

Wir sind zu siebt. Zwei Lehrerinnen, eine Informatikerin, ein welsches Rentnerpaar und der Journalist. Jürg Anderegg, der Bergführer, ist begeistert von diesem Teil der Alpen. «Es geht immer weiter, von Tal zu Tal», sagt er. «Und das in der schneereichsten Region des Alpenbogens.» Immer wieder zieht es den Berner Oberländer deshalb in diesen Teil des Alpenbogens, nur 70 Kilometer vom Meer entfernt, wo die feuchte Mittelmeerluft an die schroffe Alpenkette prallt und es oft und viel schneit. Am nahen Tenda-Pass, der das Piemont mit Ligurien und der Mittelmeerküste verbindet, sollen bereits drei Meter liegen.

Gegen Norden hin nehmen die Schneemengen ab. Alleweil genug für uns. Schade nur, dass es nun in die weisse Pracht regnen muss. Die Verhältnisse sind sicherer als erwartet. Meter um Meter schieben wir unsere Ski dem Tagesziel entgegen: dem Monte Soubeyran. Zwei Stunden und 700 Höhenmeter weiter stehen wir an dessen Fuss, lassen ihn aber links liegen. Zu schlecht ist die Sicht. Stattdessen passieren wir einen tiefer liegenden Übergang. Im Hang liegt Triebschnee. Wir halten grosse Sicherheitsabstände ein. Oben macht sich Jürg mit seiner Lawinenschaufel an der mächtigen Schneewächte zu schaffen. Was ist das für ein Geräusch? Der Wind?

Sturmböen blasen uns und unsere Ausrüstung fast davon, als wir über die Wächte kraxeln. Auf der anderen Seite suchen wir in einem Schutzbiwak Unterschlupf vor dem Sturm. Der erste Tag dieser mehrtägigen Tour ist fast gemeistert. Die Verhältnisse sind schwierig: Der Regen und der warme Wind haben der am Vortag noch pulvrigen Schneeoberfläche arg zugesetzt. Windgepresster Pulver, Bruchharscht, Hartschnee und knietiefer Nassschnee wechseln sich ab. Wie schön wäre es, in diesen offenen Hängen inmitten lichter Lärchenwälder durch Pulverschnee zu stieben!, denken wir uns. Unten glitzert der Bach im entvölkerten, aber bei Skitourenfahrern und Mountainbikern beliebten Valle Maira. Nach einem Fussmarsch auf der ganzjährig befahrbaren Talstrasse erreichen wir Chiappera, die letzte Borgata des Tals auf 1600 Metern über Meer, wie ein Weiler in diesem Teil Italiens heisst.

Eigentlich erwarten wir eine Berghütte, ein Rifugio, wie sie in den italienischen Bergen da und dort stehen. Eine Schutzhütte also. Das Schild weist uns den Weg zur «Scuola di Chiappera». Die Steinhäuser sind verlassen. Ein einziger, über 80-jähriger Mann wohnt noch ganzjährig hier. Und Maero di Pierpaolo mit seinem Schwager. Letzten Sommer haben die beiden die alte Schule sanft renoviert. Seit 1972 gingen hier zuhinterst im nach dem Zweiten Weltkriegs zusehends verwaisten Tal keine Kinder mehr zur Schule.

Sandgestrahlte Holzbalken und viel Liebe zum Detail – das zurechtgemachte ehemalige Schulzimmer dient als Aufenthalts- und Speisesaal. Die Zimmer sind für vier bis sechs Gäste bestimmt. Massenschläge sucht man hier vergebens. Dafür hat es in jedem Zimmer ein schönes Bad mit Dusche und Warmwasser. Wer hier Wolldecken-SAC-Feeling vermutet, liegt falsch. Statt Hüttensuppe oder Älplermagronen erwartet die hungrigen Alpinisten ein gepflegter Viergänger und Weltklasse-Flaschenwein aus dem Piemont. Maero di Pierpaolo hat den ganzen Tag in der Küche verbracht. Es gibt mit Käse gefüllte Crêpes aus Kastanienmehl, eine Pasta als Primo Piatto, Piemonteser Rindsbraten mit Polenta als Secondo und leckeren Strudel zum Nachtisch.

Die Zeit vergeht im Fluge. Gnadenlos, denn am nächsten Tag erwartet uns eine lange Etappe. Und der Wetterbericht sagt strahlendes Wetter und warme Temperaturen voraus. Wir hoffen auf eine kalte Nacht, welche die vom Regen durchnässte Schneeschicht gefrieren lässt. Um sechs Uhr ist Abmarsch. Viel zu früh klingelt der Wecker. Das Essen scheint noch nicht verdaut, als wir uns bereits wieder an den reich gedeckten Tisch mit lokalen Käsesorten und hausgemachter Konfitüre setzen.

Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt: Die Nacht war kalt und sternenklar. Die Schneedecke trägt, als wir die Ski Schritt für Schritt in Richtung Monte Bellino schieben. Fast 3000 Meter hoch wird dieser Skigipfel sein am Ende einer langen Aufstiegsroute, die sich immer wieder mit Steilstufen und langgezogenen Tälern abwechselt. Doch die Mühe lohnt sich. Um 11 Uhr stehen wir auf dem Monte Bellino und schauen in die Ferne. Der Alpenbogen umschliesst uns hier. In der Ferne ist die Poebene zu erahnen. Westlich davon die imposante Felspyramide, die man auch von Turin her so gut sieht: Den Monteviso, in dessen Angesicht wir in den nächsten Tagen hochsteigen und abfahren werden.

Es ist noch nicht Mittagszeit, als wir die abenteuerliche Fahrt über Felsbänder und durch eine Schlucht ins Val Varaita in Angriff nehmen. Auch dort beherbergt uns das Rifugio Melezè, das diese Bezeichnung mit ebenso viel Understatement trägt wie die meisten Gaststätten der Region: Statt Wein gibt es hier Bier aus einer lokalen Mikrobrauerei, Pasta all dente, wie sie nur die Italiener hinkriegen, krustig gebratene Schweinshaxe und einen Apfelstrudel, der demjenigen in der alten Schule von Chiappera in nichts nachsteht.

Die Reise wurde ermöglicht von Bergpunkt.

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