Von Sébastian Lavoyer

Zugegeben: Ich war verdutzt, als am Flughafen in Manila plötzlich alle westlichen Touristen weg waren. All die Bleichgesichter unterschiedlichen Bräunungsgrads – je nach Urlaubsdauer und Hauttyp. Ich, käsig vom regnerischen Winter in der Schweiz, unter lauter Asiaten, mehrheitlich Filipinos, gewiss auch Chinesen. (Wo sind sie nicht dieser Tage?) Später kam Ron dazu, nennen wir ihn mal so, den kanadischen Mittvierziger, der mich ansprach, als ich zusammengekauert neben einer Steckdose mein Handy auflud. Ich auf dem Weg zu meiner Freundin, er zu seiner künftigen Ehefrau. Zurückreisen möchte er nicht allein, vertraute er mir an. Man wisse ja nie. Wir zwei Whiteys also mit rund 100 Asiaten im Flugzeug.

Warum hätte ich mir der fehlenden Touristen wegen auch den Kopf zerbrechen sollen? Schliesslich würde mich meine Liebste am Flughafen in Cagayan de Oro, im Süden der Philippinen auf der Insel Mindanao gelegen, abholen kommen. Rund drei Monate weilte sie schon dort, als ich Anfang März anflog. Als Volonteer für Islandkids Philippines, einer privaten Schweizer Stiftung, die sich dem Schicksal der Schwächsten angenommen hat: der Kinder von Familien, die auf und vom Müll leben. Sie hatte das Hotel gebucht, die erste Etappe festgelegt. Ich hatte mich damit begnügt, mich auf sie zu freuen. Keine Zeile habe ich über die Philippinen gelesen. Vielleicht ein paar Bilder gesehen von diesem Inselparadies, ja.

Das Paradies ist in Cagayan de Oro etwa so weit Weg wie ein EU-Beitritt der Schweiz. Eine Millionenstadt, ein chaotisches Gewusel und Gewimmel. Staubig, stickig, stinkend. Die Strassen gesäumt von Abfall und rostigen Wellblechdächern. Muss man nicht sehen. Ausser aus Neugier. Bei mir kam die Liebe hinzu. Ich wollte wissen, wovon meine Freundin erzählt hat via Skype: Das volle Programm inklusive Schule, Kinderheim und Slums neben respektive auf der Müllhalde.

Die Erinnerungen bleiben. Dieser mörderische Gestank. Verfall, Verwesung, Vergänglichkeit. Brechreiz bei mir. Dabei sei es schon wesentlich erträglicher gewesen, als ich da war. Man hat angefangen, den Müll abzutragen, die Deponie wird verschoben, das Problem genauso. Seit einiger Zeit steht ein Krematorium neben dem Abfallberg. Früher landeten Taifun-Leichen und amputierte Glieder neben Plastikbechern und verrottendem Gemüse. Es ist die dunkle Seite dieses Insel-Paradieses.

Kontrastprogramm in Camiguin: Nach drei Stunden Busfahrt und rund einer Stunde auf der Fähre ertönt es überall: «Hello my friend.» Unser Reiseziel, das Camiguin-Action-Geckos-Resort der Schweizerin Michèle Hess, liegt versteckt unter Kokospalmen und Bananenbäumen. Unweit von Mambajao, dem Hauptort der Insel. Herausragende Küche, philippinisches Personal weit über dem Landesdurchschnitt, Bungalow mit Meerblick für 50 Franken pro Nacht. In der Hängematte die Seele baumeln lassen. Lesen. Sein. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres, hin und wieder ein quietschender Gecko, das Brummen eines Kolibris.

Es geschah in diesem Paradies, an einem lauschigen Abend. Noch trunken vom zauberhaften Sonnenuntergang wurde mir schlagartig klar, warum die Touristen in Manila plötzlich weg waren. Wir trafen auf Landsleute. Sie Anfang vierzig, er Ende, sie Reiseleiterin, er Greenkeeper – beide weit gereist. Dschungel, Wüsten, Städte, arme und reiche Gegenden, viermal schon auf den Philippinen. Da meint er: «Mindanao? Die Hauptinsel weiter südlich meiden wir.» Peng, das sitzt. Das Aussenministerium (EDA) rate von Reisen auf die südlichste Hauptinsel der Philippinen ab. Wegen der hohen Kriminalität, der Banditen und Rebellen. Entführungen von Touristen kommen vor. Allein 2014 sind drei Schweizer ermordet worden.

Nun, mein Vorgehen war gewiss naiv. Aber schliesslich war ich ja mit jemandem unterwegs, der die Landessprache beherrscht (meine Freundin ist halb Philippinin) und die Gegend kennt (siehe Kasten unten). Ich will Sie nicht zu Dummheiten anstiften. Camiguin können Sie auch von Cebu aus erreichen. Mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff. Camiguin ist sicher. Die Randbemerkung sei erlaubt: Ich habe mich auch auf Mindanao selbst nie in Gefahr gefühlt.

Camiguin, eine Stunde Schiffsfahrt nördlich der Hauptinsel, ist ein Traum: Mit dem Boot tuckern wir nach White Island (eine L-förmige Sandbank im Meer draussen) und später nach Mantigue Island. Während wir schnorcheln, schmeissen unsere Guides das Fleisch auf den Grill. Nach der Entdeckungstour bei Nemo und seinen Freunden gibts deshalb Chicken und Salat. Ein Muss für alle Wanderlustigen ist die Besteigung des Hibok Hibok, ein noch aktiver, etwas über 1300 Meter hoher Vulkan. Letzter Ausbruch 1951, damals über 600 Tote. Es ist neblig, als wir ihn besteigen, und die Sicht so gut wie an einem normalen Wintertag in Solothurn. Trotzdem ein Highlight, nicht zuletzt wegen des Bades in den warmen Quellen zum Schluss.

Mit Fähre und Bus reisen wir weiter via Balingoan und Butuan nach Surigao und dann auf die nächste Insel: Siargao. Wilder als Camiguin. Schweine unter Palmen, Bauern, die auf Wasserbüffeln reiten, Ziegen, Hunde und Reis zum Trocknen auf der Strasse oder auf einem Basketballplatz. Die gibt es hier in jedem Kaff. Basketball ist auf den Philippinen so populär wie Fussball in Brasilien. Die NBA kennt jedes Kind. Dabei ist kaum ein ausgewachsener Filipino grösser als 1,75 Meter. So viel Widerspruch kann fast nur entzücken.

Wir nächtigen im «Patrick’s on the Beach» kurz vor Cloud 9, dem heissesten Surferspot der Philippinen. Für knapp 35 Franken schlafen wir in einem Bungalow im Schatten tropischer Pflanzen. Die Insel ist flacher als Camiguin, die Vulkane sind erloschen. Dafür gibt es Mangroven. Heimat des Koboldmakis, des philippinischen Nationaltiers (dessen Augen grösser sind als sein Hirn) und der weltweit grössten Salzwasser-Krokodile. Also: Motorrad mieten, losbrausen und Eindrücke aufsaugen. Helm trägt keiner, aber Gefahren (Kinder, Hunde, Büffel, Hühner) lauern hinter fast jeder Kurve.

«Island Hopping» (Insel-Hüpfen) ist ein Muss. 40 Franken zahlten wir für ein kleines Fischerboot mit zwei Guides, Schnorchel-Ausrüstung, Früchten, zwei Inseln (eine mit dem vielversprechenden Namen «Naked Island») und einem Stopp beim Secret Garden, ein Korallenriff in den buntesten Farben.

Zwar gibt es auf der ganzen Insel nur einen Bancomaten, an dem man mit internationalen Kreditkarten Geld beziehen kann und an dem man an schlechten Tagen schon mal eine halbe Stunde ansteht. Dennoch: Auf Siargao ist man den Umgang mit westlichen Touristen gewohnt. Weisse Haut zieht kaum Blicke auf sich. Ganz anders in Cagayan, wo meine Reise nach fast drei Wochen auch wieder endet: Beim Eintritt in eines der Shopping-Center scheint schon mal der Alltag still zu stehen, wenn ich reinkomme. Super-Star-Feeling nur wegen meiner Hautfarbe. Nicht wirklich angenehm, aber jetzt erstaunt mich nichts mehr.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper