Von Eva Hirschi

New York, das sind nicht nur schwindelerregende Wolkenkratzer, verstopfte Strassen und Unmengen Leute. New York, das sind auch kleine Boutiquen in ruhigen Quartieren, alternative Bars und gemütliche, kleine Parks. Wer das richtige New York erleben will, sollte sich von den Hauptattraktionen lösen und das alltägliche Leben entdecken. Denn wer New York mit Times Square assoziiert, liegt bereits diametral falsch. New Yorker meiden den Times Square, wann immer sie können.

Miss Liberty aus Distanz
Die Freiheitsstatue ist zweifellos das bekannteste Symbol New Yorks. Touristen stehen Schlange, um mit der Fähre zur kleinen Ellis Island zur Miss Liberty zu fahren und Fotos zu schiessen. Dabei gibt es eine einfache und weniger touristische Alternative, welche ohne patriotische Audioguide-Kommentaren auskommt: eine Fahrt mit der Staten-Island-Fähre. Sie ist gratis. Vom Deck hat man eine schöne Sicht auf die Skyline Manhattans und fährt – allerdings mit etwas Distanz – an der Freiheitsstatue vorbei. Ein viel weniger touristisches Erlebnis, wurde diese Fähre doch als Transportmittel für die Pendler von Staten Island eingeführt.

Alternative Aktivitäten
Das MOMA (Museum of Modern Art) und das MET (Metropolitan Museum of Art) sind sicher die bekanntesten Kulturinstitutionen, die New York zu bieten hat. Doch auch dafür gibt es weniger touristische Alternativen. So ist etwa das wiedereröffnete Whitney-Museum mit amerikanischer Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert im Meatpacking District zurzeit sehr angesagt, vor allem bei der urbanen, jungen Bevölkerung. Wer lieber etwas weniger konventionell Kunst besichtigen will, geht einfach spazieren – in diversen Quartieren findet die Kunst nämlich auf der Strasse statt. In den Vierteln Williamsburg, Little Italy, Nolita und Soho gibt es zahlreiche, beeindruckende Graffiti und Street Art, im Washington Square Park trifft man auf verschiedene Strassenkünstler, in der U-Bahn-Station «14th Street» (und manchmal auch an anderen) spielen Musiker in den Fussgängertunnels zwischen den verschiedenen Metro-Linien.

Auch die Bierkultur lässt sich in den Vereinigten Staaten endlich sehen. Neben den wässerigen amerikanischen Klassikern wie Bud Light, Miller oder Budweiser schiessen seit ein paar Jahren zahlreiche Craft-Beer-Produzenten aus dem Boden. Ein Abstecher lohnt sich in die Brooklyn Brewery. Die im Vergleich zwar schon etwas ältere Brauerei hat – seit die Amerikaner entdeckt haben, dass Bier nicht nur nach Wasser schmecken sollte – grossen Erfolg. Besonders verlockend: Die kleine Führung durch die Brauerei ist kostenlos, und auch das Degustieren kommt hier nicht zu kurz. Nur vier Dollar zahlt man für einen grossen Becher Bier, die Auswahl ist mit über vierzehn Bieren umfassend.

Grüne Oasen
Auch der bekannteste Park, der Central Park, ist für New Yorker kein Muss. Es gibt viele Alternativen – ohne die unzähligen Touristen, die Selfies von sich machen oder eines der Ruderboote ausleihen und ziellos verkrampft auf dem See herumplatschen. Angesagt ist bei den New Yorkern die Highline – eine ehemalige Güterzuglinie, die in fünf Metern Höhe quer durch das Viertel Chelsea führt. Statt die stillgelegten Schienen zu zerstören, wurden sie zu einem Park umgewandelt – Blumen spriessen zwischen den Eisenstangen. Auf dieser Promenade flanieren die New Yorker am Feierabend und am Wochenende oder setzen sich auf eine der zahlreichen Bänke oder Holzliegestühle. Auch der Prospect Park in Brooklyn oder der botanische Garten in der Bronx ist einen Abstecher wert, um sich vom Grossstadtlärm zu erholen.

Secondhand-Shopping
Im Herzen des Kapitalismus ist es schwierig, sich dem Konsumdrang zu entziehen. Doch auch hier gibt es Geheimtipps. Eine interessante (und weitaus günstigere) Alternative zur Fifth Avenue – der New Yorker Champs-Élysées – ist zum Beispiel das «Crossroads Trading» in Brooklyn – ein Laden, welcher Secondhand-Markenkleider verkauft. Sehr unübersichtlich, aber immerhin nach Grössen geordnet, bietet der Laden Schnäppchenjägern die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Ausserdem gibt es fast überall in der Stadt verschiedene Outlet-Läden, meist mit «Factory Sale» angeschrieben. Auch hier findet man günstigere Kleidung.

In Brooklyn lohnt sich zudem der «Artists and Fleas Market» am Wochenende. Von Kunst über Kleider bis hin zu Schmuck und Deko-Artikeln findet man in dieser Markthalle zahlreiche exklusive Unikate.

Die Preise sind entsprechend nicht gerade günstig, doch schon nur ein Spaziergang durch die verschiedenen Stände ist inspirierend. Etwas grösser und verrückter ist der «Chelsea Market». In der alten Keksfabrik der bekannten Oreo-Cookies stehen nun unzählige Stände mit Essen, Getränken, Krimskrams, aber auch ein «Artist and Fleas Market» mit Kleidern, Deko und Schmuck.

Cocktails auf dem Dach
Zur Erholung nach dem Shopping locken natürlich die faszinierenden Rooftop-Bars, nicht selten auf dem Dach eines 18-stöckigen Gebäudes. Eine besonders schöne Aussicht auf die umliegenden Wolkenkratzer hat man von der Bar des Hotels «The Standard».

Hier trifft man die New Yorker Yuppies an, die bei Sonnenuntergang mit kreativen Cocktail-Kreationen in der Hand den neusten Tratsch austauschen. Auch das «Gansevoort», «230 Fifth» oder die «Press Lounge» lohnen sich. Es rät sich jedoch, nicht bei Sonnenuntergang zu kommen, sondern in der Nacht – dann ist es nicht so voll, und die Skyline sieht mit ihren vielen Lichtern nicht weniger beeindruckend aus.

Die andere Jazzszene
Bekannt sind natürlich die Jazz-Clubs, New York ist die Heimat vieler Jazzkünstler. Statt grosse Clubs, bei denen man 20 bis 30 Dollar Eintritt bezahlt, lohnen sich kleine, weniger glamouröse Bars, etwa das «Fat Cat» im Viertel West Village. Das im Unterschoss gelegene Lokal sieht etwas heruntergekommen aus, doch die rauchige Stimmung ist einnehmend. Jeden Abend spielen zwei bis drei Bands, der Eintritt kostet nur drei Dollar.

Hinten im Lokal spielen die Gäste Billard und Shuffle, an der Bar kann man Gesellschaftsspiele wie Scrabble und Backgammon ausleihen. Einziger Nachteil: der Whiskey zum Jazz fehlt – die Bar hat keine Lizenz für Hochprozentiges. Es lohnt sich, zum bewährten Bier zu greifen statt zu einem der geschmacksarmen Cocktails.

Ein richtiger Geheimtipp ist «Marie’s Crisis Cafe», ebenfalls in West Village. Hier verirren sich nur selten Touristen. In dieser kleinen Bar steht ein Piano, und jeden Abend haut hier ein Musiker in die Tasten und spielt Lieder vom Broadway.

Das Tolle: Die Gäste singen mit – und wie! Die Atmosphäre ist unglaublich herzlich, die Euphorie ist mit Händen zu greifen. Hier kann man stundenlang einfach dastehen und dem gemischten Publikum – Alte, Junge, Hetero- und Homosexuelle – beim Singen zuhören. Die Cocktails sind zudem sehr günstig. 6 Dollar zahlt man beispielsweise für eine Rum-Cola. Die Gläser sind zwar nicht sehr gross, doch der Barkeeper ist mit der hochprozentigen Flasche alles andere als geizig. Allerdings sollte man die Freitag- und die Samstagabende wenn immer möglich meiden, dann ist die Schlange vor dem Eingang meterlang. Unter der Woche ist die Bar umso faszinierender, weil man nicht so eng steht wie am Weekend.

Kulinarische Weltreise
Und was sollte man essen, wenn man wie typische New Yorker speisen möchte? Bagels und Burger natürlich und Sushi, Shawarma, Ramen, Quesadillas und Pizza. Das Bezeichnende an New Yorks Küche ist nämlich das Kosmopolitische. Von kreolisch über philippinisch bis hin zu taiwanisch und ukrainisch: In der amerikanischen Metropole findet man wohl fast jede Küche. Der im Moment populärste Ort für Burgers ist das «Shake Shack». Als weniger touristischer Tipp und mit kreativeren und besseren Burgern empfiehlt sich hingegen das «Black Iron» in Manhattan.

Ebenfalls einen Besuch wert: das libanesische Restaurant «Balade» im Quartier East Village. Wer sich durch verschiedene Küchen gleichzeitig probieren möchte, der sollte den Food Market «Smorgasburg» in Williamsburg besuchen (samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr).

Ob Restaurants oder Essensstände: Kulinarisch kann man also in dieser Stadt durchaus eine Weltreise machen. Genau hier liegt das Geheimnis von New York: Es ist viel multikultureller, als es uns gewisse Hollywood-Filme weismachen. Eine Reise, die sich auf jeden Fall lohnt – ob mit Touristenattraktionen oder ohne.

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