Von Anna Miller

Aussen russisch, innen schweizerisch: Die «Excellence Katharina» fährt heute unter Schweizer Federführung, aber mit russischer Besatzung.

Das Radio geht an, die russischen Paradeklänge verflüchtigen sich im kühlen Moskauer Wind. Punkt 9 Uhr legen wir ab. Die «Excellence Katharina» verlässt zum ersten Mal ihre Ufer, das Festland am Rande der Megametropole Moskau. Auf dem Deck stehen die ersten Reisenden in ihren Windjacken, fangen ein paar Regentropfen auf und schauen von der Reling hinunter zum Ufer.

Es ist die erste kurze Fahrt der «Excellence Katharina», des achten Flusskreuzfahrtschiffs des Unternehmens. Das Schiff ist noch immer in russischem Besitz, nach aufwendiger mehrjähriger Renovationsarbeit durch Twerenbold und hohen Investitionssummen fährt es nun unter Schweizer Federführung, aber mit Besatzung der russischen Partnerfirma Orthodox.

Die meisten Passagiere sind langjährige, treue Gäste auf anderen «Excellence»-Schiffen. Vier Tage dauert die Fahrt, bald jedoch wird die «Excellence Katharina», die einst «MS General Lavrinenkov» hiess, die lange Route fahren, die danach auch im Katalog steht: Moskau–St. Petersburg, 11 Tage auf der Wolga, mehrtägige Stopps in Moskau und St. Petersburg, den beiden Perlen Russlands. Dazwischen wartet auf den Gast eine Reise durch die Epochen russischer Geschichte, mit den endlos scheinenden Weiten des Onega- und Ladogasees.

Die Nachfrage nach Flussreisen in Russland besteht schon länger. Das Reisebüro Mittelthurgau, eine Tochtergesellschaft der Twerenbold Gruppe, bietet die Route schon ein paar Jahre an. Doch bisher habe kein Schiff auf russischen Gewässern den Ansprüchen der Schweizer Klientel wirklich genügen können, sagt Karim Twerenbold, der 31-jährige Verwaltungsratspräsident der Twerenbold Reisen Gruppe. Die Familie ist sichtlich stolz auf den Neuzugang ihrer Flotte. «Mit diesem Schiff haben wir neue Massstäbe gesetzt. So einen Ausbaustandard finden Sie in Russland sonst auf keinem anderen Schiff.»

Exotisch und doch nicht zu fern
Das scheint sich bereits herumgesprochen zu haben: Die Fahrten mit der «Excellence Katharina», benannt nach der berühmten Zarin Russlands, sind für 2016 «schon sehr gut gebucht», sagt Twerenbold. Das liegt nicht nur am neuen Reisekomfort an Bord, sondern auch an der Destination: Russland verzaubert. Exotisch genug, um mal wirklich wegzukommen, doch auch sicher und näher an Europa, als man denken würde. Die Metropole Moskau ist neben St. Petersburg eines der grossen Highlights auf jeder Russland-Reise, mit ihrer reichen Kultur, imposanten Bauten zwischen goldenen Zwiebeltürmen, riesigen Hochhäusern, Hafenkränen und grossen Kathedralen. Moskau ist mit über 15 Millionen Einwohnern im Ballungsgebiet die grösste Agglomeration Europas und Russland flächenmässig der grösste Staat der Erde.

Der Besuch des Kremls mit dem sagenumwobenen Roten Platz ist ein Muss, genauso wie der Besuch des wunderschönen, im Jugendstil gehaltenen Einkaufszentrums GUM, einem der ältesten Warenhäuser Europas. Die Metro Moskaus ist eine neue, atemberaubende Untergrundwelt, die sich mit kaum einer anderen auf der Welt vergleichen lässt. In den 30er-Jahren von Stalin gebaut, hat Chruschtschow über 70 000 Quadratmeter Marmor verbaut – allein in den ersten 14 Stationen. Überall riesige Statuen, wunderschöne alte Lampen, lange Gänge. Die U-Bahn-Stationen können es locker mit Russlands Museen aufnehmen. Wenn man sich die täglich 2,5 Millionen Fahrgäste mal wegdenkt.

Vom Bauernhof aufs Schiff
Britta Hartmann hat lange auf diese Fahrt gewartet. Die Bäuerin aus Villnachern im Kanton Aargau hat Monate für diese Reise gespart. Sie arbeite zu viel auf dem Hof, habe kaum Freizeit. «Diese Reise habe ich mir jetzt gegönnt», sagt sie, und strahlt gelöst. Alle würden immer nur von der Korruption in Russland reden, sie wollte sich mal von der Realität überzeugen. «Auf dem Schiffsweg, das ist mal was anderes», sagt sie, und stellt sich zurück an die Reling.

Während draussen die grüne Natur Russlands an uns vorbeizieht, endlose Wälder, Hügel und kleine Häuschen am Fluss, Fischer mit ihren Angelruten und einsame Spaziergänger an kleinen Flusswegen, lassen sich im Schiffsinneren die ersten Gäste in ihre Sessel fallen und geniessen die Panorama-Sicht in der Bar im 2. Stock.

Beige-Töne, so weit das Auge reicht. Teppiche mit russisch inspirierten Ornamenten, alles durchdacht und eingerichtet von Nazly Twerenbold. Rot ist hier im Innern nichts, das wäre zu viel Kommunismus gewesen, ein bisschen zu viel Vergangenheit. Die Zukunft von Twerenbold in Russland ist purpur.

Die Kabinen sind sehr geräumig, mit durchschnittlichen 14 Quadratmetern für eine Deluxe-Kabine kommen sie auf eine anständige Hotelzimmer-Grösse. Überhaupt erinnern einen fast nur die Rettungsringe, der Bordarzt und ein Blick aus dem Fenster noch daran, dass man sich auf dem Wasser befindet. Von enger Kajüten-Romantik ist keine Spur mehr: Die Kabinen haben auf zwei von drei Decks einen eigenen Balkon, der Speisesaal ist geräumig, es werden Vier-Gang-Menüs serviert, jeden Morgen wartet ein reichhaltiges Frühstücksbuffet, zwei Bars sorgen für gemütliche Stunden.

Möchte man den Weitblick ganz für sich allein, bucht man am besten die Panorama-Suite: Mit 30 Quadratmeter Zimmerfläche und 11 Quadratmeter eigenem Balkon reist man fast schon eines Zaren würdig.

Verbesserung in der Küche nötig
Doch es ist auch klar, dass man bei dieser Grösse des Schiffes und der Dauer der Reise von weniger als zwei Wochen auf Hotel-Luxus wie Spa-Bereich, Tanzsaal oder Bibliothek an Bord verzichten muss. Und auch beim Service und der Kulinarik muss noch nachgeholfen werden – das sieht auch der Chef persönlich ein. Es gehe jetzt darum, die Mannschaft so zu schulen, dass die Leistung dem gewohnten «Excellence»-Standard entspreche, sagt Twerenbold. Auch braucht es noch ein bisschen mehr Schweizer Heimatfreuden an Bord, sagt er dann: Schweizer Käse fürs Frühstücksbuffet, Lindt-Schokolade auf dem Kopfkissen, Rivella an der Bar. Neben russischem Wodka natürlich. Ein bisschen Russland, ein bisschen Schweiz. Ein bisschen Heimat in der Ferne. So, wie es seine Gäste der «Excellence»-Flussfahrten lieben und schätzen.

«Der Kunde soll sich wie zu Hause fühlen», hatte Karim Twerenbold im Gespräch gesagt. Aber das hier ist noch ein bisschen besser als zu Hause. Die «Excellence Katharina» gleitet anmutig durch das Gewässer. Eine Ruhe kehrt ein, die nur einkehren kann, wenn man im Wasser schwimmt.

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