Von Stephanie Rebonati

Die Stadt am Fuss des Vesuvs ist weder schön noch hässlich. Sie ist einfach. Sie möchte weder gefallen, noch passt sie sich an. Sie macht einfach. Und genau das macht Neapel unwiderstehlich. Hier wird gelebt, es pulsiert, bebt.

Als Besucher befällt einen sofort ein Zauber, ob man will oder nicht. Es passiert einfach. Man wird eingesogen, angezogen von dieser Energie, die ein Mysterium bleibt. Aber sie ist da, immer. Vielleicht sind es die Negativschlagzeilen in den Medien, die Neapel zum verlockenden Enfant terrible verklären. Vielleicht es ist die Aura der Mafia, die sich sanft über diesen Ort legt wie der Schleier über Kopf und Schultern der Heiligen Jungfrau. Vielleicht kann Neapel gar nichts anderes sein als wild, stoisch, mystisch. Denn Politik, Macht und Weltgeschichte besetzt schon Rom, eine Stunde entfernt von Neapel. Das Einzige, was man wohl absolut über Neapel sagen kann, ist, dass es extrem ist. Es gibt kein Dazwischen. Man muss diese Stadt so nehmen, wie sie sich gerade offenbart. Nur so kommt man in ihren Genuss. Und das ist etwas, was selbst Neapolitaner täglich fasziniert.

Marco ist Cellist an der Oper und zog vor dreissig Jahren von Genua nach Neapel. Für ihn sei jeder Tag noch immer neu und aufregend. Weshalb? «Eh, Napoli ... eh! Du wirst schon sehen», sagt er und ringt um Worte. Oder vielleicht tut er das gar nicht, vielleicht fehlen sie ihm nicht. Vielleicht will er sie einfach nicht aussprechen, weil man der Stadt so etwas vorwegnehmen würde. Denn sie, Italiens drittgrösste Stadt, ist stolz und verlangt Demut von ihren knapp einer Million Einwohnern.

Das wird nicht das Einzige sein, was sich auf diesem Spaziergang durch das historische Quartier (seit 1995 Unesco-Weltkulturerbe) zeigen wird. Auch wird dieser Satz noch einige Male fallen: «Du wirst schon sehen.» Das macht neugierig. Was erwartet einen hier? Soll man wirklich keinen Schmuck tragen, die Handtasche stets fest umklammern, Geldscheine nahe am Körper tragen? «Sei einfach schlau», sagt Marco.

Keiner bremst ab
Es ist Vormittag. In den gepflasterten Gassen entfaltet sich das Leben. Frauen mit dunklen Haaren und rauchigen Stimmen behängen Wäscheleinen. Männer sitzen vor Wettbüros auf ihren Mofas und gestikulieren heftig. Es ist laut, es wird gehupt, geschimpft, es werden Handküsse verteilt, spontan Arien angestimmt. Und überall begegnet man ihnen, diesen aufwendig geschmückten, in die Hausmauern eingefassten Madonnenschreine. Sie wirken wie kleine Erinnerungen. Erinnerungen an die Demut. Sie wirken auch wie Wegweiser, weil sie genauso zu den Strassen gehören, wie deren Namen es tun. Doch als Tourist muss man aufpassen. Die vielen Minderjährigen auf schnellen Mofas bremsen nicht ab, nur weil einer da steht und staunt.

Es ist denn auch eine solche Szene, die Marco auf das Thema Mafia bringt. Er erzählt, dass das organisierte Verbrechen viele Teenager rekrutiere, sie mit Motorrädern und Pistolen ausstatte. In der Silvesternacht beobachtete er von seinem Fenster aus, wie ein paar Jungs, getarnt durch den Lärm der Feuerwerke, ihre Treffsicherheit an einer Kirchenfassade übten. «Wenn du aber nichts mit der Mafia zu tun hast, spürst du sie auch nicht», sagt Marco, der Cellist, der am liebsten Puccini-Opern spielt.

Auch als Besucher dieser Stadt spürt man die Präsenz der Mafia nicht. Man meint aber, sie überall zu erkennen. Vielleicht sind dies nur fantasievolle Spinnereien, gespeist durch die vielen Filme und Bücher über die Camorra, jenen Clan, der in Neapel zu Hause ist. Beobachtet man aber in der Kirche, wie ein massiv tätowierter Mann vor dem Pfarrer in die Knie geht und den Tränen nahe etwas murmelt, geht innerlich ein Film ab. Oder wenn man an einer Metzgerei vorbeikommt, in der der Mann hinter dem Tresen nicht nur eine Schürze trägt, sondern auch einen riesigen Verband über Nase und Wangen, beginnt das gedankliche Ausmalen.

Neapel regt an, vor allem die Sinne. Es scheint, als sei hier, im Vergleich zu anderen italienischen Städten, alles ein Tick intensiver, ein Tick opulenter und lustvoller. Die Pizza (man sagt, sie sei hier erfunden worden) ist, egal wo man sie bestellt, saftig, luftig, knusprig. Auch fehlt es niemals an Venusmuscheln in einem Teller Spaghetti alle vongole, viele, viele werden unter die Pasta gemischt. Die lokale Spezialität, das Millefeuille-Gebäck Sfogliatella, ist nirgends so knusprig und golden wie hier. Und der Espresso erst! Egal, an welcher Bar man ihn trinkt, er ist perfekt: kurz, schwarz und heiss.

Napoletano – ein Genuss fürs Ohr
Nicht nur beim Essen hat man das Gefühl, dass hier mit mehr Schwung und Lust gearbeitet wird als anderswo. Die Altarbilder, Fresken und Statuen im Dom San Gennaro etwa vermögen gar Nichtgläubige in eine transzendente Stimmung zu versetzen. So reich die Farben, so vielfältig die Formen, so hingebungsvoll der Gesamtausdruck.

Am Dialekt lässt sich die neapolitanische Lebensart wohl am besten festmachen. Stolz sagt Ida, eine Schneiderin, die hier aufgewachsen ist: «Italienisch ist nicht meine Muttersprache!» Ihre Muttersprache ist Napoletano – die Mutter aller kampanischen Dialekte. Sie kommt direkt aus dem Bauch heraus, klingt fast schon obszön, die Wörter sind bis zur Unkenntlichkeit ausgedehnt und ausgefüllt. Für fremde Ohren der reinste Genuss.

«Du wirst schon sehen» – der Satz hallt nach. Man läuft ewig verwinkelte Gassen rauf und runter, um das Hermann-Nitsch-Museum des gleichnamigen österreichischen Aktionskünstlers zu finden – und steht vor verschlossenen Türen, obwohl es gemäss Website offen sein sollte. Tja. Dafür packt man den Fotoapparat aus, denn die Aussicht ist grossartig von hier oben: Meer, Vulkan, Satellitenschüsseln. Und plötzlich taucht aus dem Nichts eine junge Frau auf und fragt, ob man rein wolle, sie mache schnell auf. Eh, ... Napoli!

Wer länger in Neapel weilt, dem bieten sich lohnenswerte Tagesausflüge an. Die römischen Ruinenstätte Pompeji und Oplontis etwa, das Nationalmuseum von Capodimonte mit seinem grossen Park und der imposanten Renaissance-Gemäldegalerie oder die Inseln Ischia und Capri.

Auf die Insel Capri
Letztere ist ein mondänes, kleines Eiland, das mit üppiger Flora, engen Strassen und smaragdgrünem Meer bezirzt. Schon nur die eineinhalbstündige Überfahrt in den frühen Morgenstunden ist die Reise wert. Wenn über dem Meer die Sonne aufgeht, die vollen, weissen Wolken einen Tanz aufführen, um dem Licht Platz zu machen, kommt einem etwas in den Sinn, das man in der Kirche Gesu Nuovo (ein Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert) in der Altstadt Neapels flüchtig gelesen hat: «E nato per noi» (er wurde für uns geboren). Plötzlich macht alles Sinn.

Plötzlich versteht man, weshalb die Neapolitaner den lateinischen Schriftzug unterhalb des Gemäldes auf Italienisch übersetzt haben. Denn alle sollen es wissen: Der Sohn Gottes wurde für Napoli geboren. Für diese Stadt, die von einem Vulkan im Auge behalten wird. Für diese Stadt, die von Teufels Karren gesprungen zu sein scheint.

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