Von Robert Fishman

Vincent van Gogh, der eigentlich Pfarrer hatte werden wollen, entdeckte in der wallonischen Stadt Mons sein Maltalent. Auswärtigen Gästen bietet Mons gleich drei Welterbestätten und ein Fest, das die Vereinten Nationen als «lebendiges Brauchtum» zum immateriellen Welterbe erhoben haben.

Moderne Kunst gedeiht in Mons auf ehemaligen Zechen, in verlassenen Fabriken – und auf Baustellen: Stararchitekt Santiago Calatrava entwarf den rund 90 000 Bewohnern einen neuen Bahnhof, Daniel Libeskind das Kongresszentrum. Mehr als 500 Projektvorschläge schickten die Bürger aus Mons und Umgebung an die Stiftung, die das Programm organisiert. 22 wählte diese aus. Rund 1300 Monser haben sich als ehrenamtliche Botschafter der Kulturhauptstadt bei der Stiftung gemeldet.

An einem Stand auf der Grande Place verkauft ein kräftiger Mann mit langen grauen Haaren Seile in den Stadtfarben Rot und Weiss, die sich die Monser und ihre Gäste zum Stadtfest Doudou um den Hals hängen, dazu dunkelblaue T-Shirts mit der Aufschrift «Les Montois ne periront pas» – Die Monser werden nicht vergehen. Der Glockenturm, der die Hemden ziert, erinnert an den ständigen Machtkampf mit den Stiftsdamen der heiligen Waltrudis, den Chanoinesses de Saint Waudru. Mit ihrem Kloster hatten die eigenwilligen Damen einst auf einem Hügel zwischen den Flüssen Haine (Hass) und Trouille (Furcht) den Grundstein der Stadt gelegt.

Teuer und weithin sichtbar zählt der einzige Barock-Glockenturm Belgiens ebenso zum Weltkulturerbe wie das ehemalige Zechengelände Grand Hornu, die prähistorischen Steinbrüche in Spienne und das Stadtfest Ducasse, das die Einheimischen Doudou nennen.

Jedes Jahr nach Pfingsten feiern die Montois eine Woche durch. Am Mittwochabend sammeln sich Hunderte im Wohnzimmer der Stadt, dem von Cafés, Kneipen und Bars gesäumten Grossen Platz im Herzen der Altstadt. Aus Boxentürmen dröhnen heimische Chansons, Techno- und Mainstream-Sound. Viele tanzen auf der Strasse. «Vive nous, vive vous, vive le Doudou» – hoch leben wir und ihr und das Doudou, singen sie, viele Arm in Arm.

Am Samstagabend strömen Honoratioren, einfache Bürger und Geistliche in die Kirche Sainte-Waudru. Die vollen Klänge der Orgel füllen das gotische Kirchenschiff. Behelmte Männer in mittelalterlichen schwarz-gelben Uniformen stehen mit Hellebarden in der Hand Spalier. Zu Orgelklängen seilen kräftige Männer in grünen Gewändern den Schrein mit den Gebeinen der heiligen Waudru bedächtig ab, hieven ihn im Weihrauchnebel auf eine Sänfte und tragen ihn durch die Kirche.

Nach der «Descente de la Châsse» genannten Aufbahrung der Reliquie auf ihrem gold-weissen Prunkwagen folgt am Sonntagmorgen eine Prozession durch die Stadt. Zu Tausenden drängen die Menschen auf die Grande Place. Das Spektakel folgt einer 500 Jahre alten Choreografie. «Eine Truhe voller versteckter Schätze», nennt Stadtführerin Catherine Stilmant Mons mit seinen versteckten Stadtvillen reicher Bürger und Ordensschwestern. Rund um die Grande Place, den Marktplatz mit seinem gotischen Rathaus, sind zahlreiche historische Häuser erhalten geblieben – jedes genau fünf Meter breit. Bis ins 18. Jahrhundert bemass sich die Steuer für die Besitzer nach der Breite des Gebäudes.

So türmte man Stockwerk um Stockwerk auf schmale Fundamente. Innen führen schulterenge Holztreppen steil nach oben. Grosse Menschen müssen den Kopf einziehen, um sich nicht an den niedrigen Decken mit den dunklen Holzbalken zu stossen. Draussen gehen sie dann wieder erhobenen Hauptes, die stolzen Montois.

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