Ausnahmezustand in Yangon, der mit vier Millionen Einwohnern grössten Stadt von Myanmar: Die Einheimischen feiern das Wasserfestival Thingyan, eine viertägige Wasserschlacht vor dem Neujahrstag. Entlang der Strassen sind Wasserpavillons aufgestellt, von wo fahrende Autos und Passanten mit Schläuchen bespritzt werden. Alle sind irgendwie «bewaffnet». Mit Wasserpistolen, Wassereimern und Behältern, mit Plastikgeschirr oder leeren Konservendosen. Beim Wasserfest ist Myanmar, vor allem in den grossen Städten wie Mandalay und Bagan, ausser Rand und Band.

«Thyngian» hat buddhistischen Ursprung wie unser Guide erklärt. Das Wasser soll die Seele reinigen. Das im zurückliegenden Jahr angehäufte schlechte Karma soll weggespült werden. Das Wasserfestival ist aber heute in erster Linie eine riesige Volksparty. Das wichtigste Fest des Jahres. Es sind Sommerferien. Die meisten Läden und Restaurants haben geschlossen. Alkohol fliesst aber in Strömen. Die Jugendlichen sind modern gekleidet, die Mädchen tragen bauchfrei. Einige sind verkleidet. Auf den Pavillons wird asiatischer Billig-Pop gespielt, Karaoke gesungen, getanzt und gespritzt. Thyngian, trotz des religiösen Hintergrunds, ist wie eine viertägige Street-Parade – nur viel sympathischer. Die Stimmung ist ausgelassen und friedlich.

Es ist gegen 40 Grad im April, die heisseste Zeit in Myanmar – oder Burma, wie das Land hiess, bis 1989 das Militärregime es umbenannte. Das kühlende Nass ist willkommen, eine Wohltat. Auch die europäische Mediengruppe wird nicht verschont. Erst seit 2011 hat sich das Land, das von einer Militärjunta regiert wird, dem Tourismus geöffnet. Europäer sind für die Einheimischen eine Attraktion und werden mit grossen Augen beobachtet und heimlich fotografiert. Die Burmesen begegnen uns mit Respekt, nach anfänglicher Zurückhaltung sind aber auch wir klitschnass.

Niemand bleibt trocken. Ausser die Polizei und das Militär. Man mag sie nicht. Die Junta hat dem Land zwar eine sanfte Öffnung versprochen, Demonstrationen gegen die Militärdiktatur werden aber nach wie vor brutal unterbunden. Immerhin: Zum Wasserfest ist das Versammlungsverbot gelockert worden. Polizei und Militär beobachten das ausgelassene Treiben unbeteiligt. Sie wirken wie ein Fremdkörper. Die Distanz zwischen Volk und Junta ist nicht nur spürbar, sondern auch sichtbar. Auch in diesem Jahr haben sie mit einer unverständlichen Massnahme beim feiernden Volk für Kopfschütteln und Spott gesorgt: Kondome sind für die Dauer des Wasserfests aus den offiziellen Regalen der Verkaufsstellen verbannt worden. Man wolle mit dieser Massnahme Sexualverbrechen verhindern.

Das Land in Südostasien befindet sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich in einem Schwebezustand. Es herrscht Bürgerkrieg in einigen Grenzgebieten, Rebellen der unterdrückten muslimischen Minderheit kämpfen gegen die Zentralmacht und das burmesische Volk verlangt Freiheit und Demokratie. Alle, vermutlich auch die Junta, wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Die ungeliebte Regierung hat deshalb für November auch Wahlen angekündigt. Mit offenem Ausgang. Plant die Junta den geordneten Rückzug? Oder nimmt die Junta die Wahlen als Vorwand, um bei den ersten Unruhen, den gesamten Öffnungs- und Demokratisierungskurs rückgängig zu machen?

Unsere burmesischen Guides sind skeptisch, nennen die Probleme aber überraschend offen und ungefiltert beim Namen. «Solange wir keine Verfassung haben und die politische Situation unsicher ist, will kaum jemand in Myanmar investieren. Vor allem die westlichen Investoren bleiben weitgehend aus», sagt Myo, «wir sind ein verlorenes Volk. Vor allem die Jugend findet keine Arbeit. Die Besten suchen Arbeit in den umliegenden Ländern.» Für den Reiseleiter haben die anstehenden Wahlen für das Land «eine herausragende Bedeutung». «Wenn sie nicht zum Erfolg und zu einer stabilen, demokratischen Verfassung führen, fällt Myanmar zurück in ein dunkles Zeitalter», sagt er.

«Bildung ist der Schlüssel. Und zwar im ganzen Land», sagt Myo, «Yangon, Bagan und Mandalay sind nicht Myanmar, weite Teile des riesigen Landes sind unterentwickelt und die Leute ungebildet. Doch die Regierung hat kein Interesse an Bildung. Vielmehr nutzt sie die Situation, um die Macht zu erhalten.» Im März haben Studenten in einem Demonstrationszug von Mandalay nach Yangon für eine demokratische Bildungsreform demonstriert. Doch sie wurden von Polizeieinheiten mit Knüppeln blutig niedergeschlagen. Erinnerungen an die Studentendemonstrationen der 90er-Jahre als 3000 Demonstranten von der Junta umgebracht wurden.

«Burma ist das buddhistischste Land der Welt», erklärt Tin Mi. Die 39-jährige Reiseleiterin ist gebildet, selbstbewusst und gläubig. «Wir leben in unserem Glauben, unsere Religion ist unser Wegweiser des Lebens. Politik hat uns nie interessiert», sagt sie. Diese Situation hat die Militärjunta jahrelang ausgenützt. Gleichzeitig fürchten sie die Popularität und die Macht der buddhistischen Mönche. Die Junta nutzt aber das gleichgeschaltete Staatsfernsehen, um sich bei Spendenzeremonien mit den Mönchen im besten Licht zu zeigen.

Die Mönche mischen sich traditionell nicht direkt in politische Belange, sind aber gerade auch für die Bildung und das Sozialwesen entscheidend. Das änderte sich erst 2007, als buddhistische Mönche eine Demonstration gegen die Militärjunta anführten, die ebenfalls blutig niedergeschlagen wurde. Für Tin Mi spielen die Mönche bei den kommenden Wahlen denn auch eine sehr wichtige Rolle. Ihre grosse Hoffnungsträgerin ist aber die 69-jährige Friedensnobelträgerin Aung San Suu Kyi, die seit Jahren für eine gewaltlose Demokratisierung des Landes eintritt und für ihre Überzeugung 15 Jahre in Haft war.

Als westlicher Tourist erhält man nur einen oberflächlichen Einblick in die Situation in Myanmar. Touristische Hauptattraktion sind die unzähligen goldenen Pagoden und vor allem jene in der kulturellen Hauptstadt Bagan. Weit über 2000 golden glänzende Tempel gibt es in dieser historischen Königsstadt am Ufer des Ayerwaddy-Flusses zu bestaunen. Das geeinte Burma hat hier seinen Ursprung und viele Pagoden stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Die geplante Ballonfahrt ist leider nicht möglich – zu heiss. Die Aussicht von einem der Tempel ist aber auch so eindrücklich, mystisch, irgendwie gespenstisch und unbeschreiblich schön. Beim Sonnenuntergang schauen wir über die Ebene von Bagan, lassen uns verzaubern und fragen uns, wie lange diese Wunder von Bagan noch anhalten, wie lange es noch unberührt bleiben kann.

Bagan ist auch der Ausgangspunkt einer dreitägigen Flussfahrt auf dem Ayerwaddy nach Mandalay. Unser Schiff, die luxuriöse «Sanctuary Ananda», schwimmt seit letztem November auf dem grossen Fluss und bietet auf drei Stöcken Platz für 48 Personen. Es ist still und friedlich. Das Alternativ-Programm zum ausgelassenen, lärmigen Wasserfest. Am frühen Morgen ist es noch angenehm auf dem Sonnendeck. Wir schauen den Fischern zu, Kinder winken vom nahen Ufer und glänzende Pagoden ziehen vorbei. Doch bald wird es heiss und heisser und wir sehnen uns nach dem erfrischenden Nass des Wasserfestivals. Abkühlung gibt es im kleinen Pool, im Massageraum oder in den klimatisierten Aufenthaltsräumen oder der Bar. Auf der «Sanctuary Ananda» ist Erholung, abendländischer Luxus und erstklassiges asiatisches Essen angesagt. Luxus in einem der ärmsten Länder Asiens.

Es gibt auch berechtigte Kritik und Stimmen, die vor dem Ausverkauf der burmesischen Kultur und den westlichen Exzessen warnen. Doch Myanmar braucht die Öffnung, braucht die Devisen, die Informationen und den Kontakt zur Welt, Investitionen und Arbeitsplätze für dieses sympathische, friedliche Volk. «Die Wahlen im November werden unser Schicksal entscheiden», sagt Tin Mi, «wir alle hoffen, dass sie korrekt, gewaltfrei und in geordneten Bahnen ablaufen und die Demokratie gewinnen wird.»

Diese Reise erfolgte mit Unterstützung von Singapore Airlines und Sanctuary Retreats.

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