Marie empfängt uns am Hafen von Lagarde im Elsass etwas ungeduldig. Sie wäre an diesem Tag lieber zu Hause geblieben, verrät sie grummelig. Ihre Katze ist krank. Also müssen wir die Instruktionen für unser Hausboot im Schnellzugstempo über uns ergehen lassen. «Ist alles ganz einfach», meint sie lachend und setzt uns gleich ans Steuer. Eine kurze Runde mit der «Pénichette Framboise» im Hafenareal bis zur ersten Schleuse sollte reichen. «Ihr schafft das schon, bonne chance!», gibt sie uns mit auf den Weg – und schon ist sie verschwunden.

Also tuckern wir los ins grosse Abenteuer – ganz ohne Bootserfahrung und -führerschein. Und schon stehen wir vor der nächsten Schleuse. Dort oben soll das Seil vertaut werden? Die Leiter ist hoch, die Stufen sind glitschig. Beim Sprung darauf verhasple ich mich mit dem Seil, sodass es mich beinahe wieder aufs Boot zurückwirft. Knapp geschafft. Nur stelle ich oben fest, dass ich das Seil zu wenig eng um den Poller gespannt habe. Unten kämpft der Neo-Kapitän gegen den Strom. Wie erleichtert sind wir, als das Boot oben angekommen ist, sich die Schleusentore wie von Geisterhand öffnen und unsere «Framboise» elegant in den Kanal gleitet. Dort werden wir erwartet – süsse Schäfchenblöken uns aufmunternd zu.

Noch zwei Schleusen schaffen wir am ersten Abend auf unserer Reise auf dem Weg zum Canal de la Sarre. Dann ist genug für den Anfang, schliesslich knurrt der Magen schon ordentlich. Aber da stehen wir bereits vor dem nächsten Problem. Wasser haben wir zwar ganz viel um uns, aber leider keines im Wassertank. Zum Glück haben wir zuvor bei Monsieur Gilbert feine Patés und Baguettes einkauft. Das muss reichen.

Nach Beschaulichkeit und Ausspannen hatte ich mich gesehnt. Als mir mein Mann in den Ohren lag, die nächsten Ferien auf einem Hausboot irgendwo auf einem Kanal im Elsass zu verbringen, war ich noch guten Mutes. Schliesslich schwärmten einige Freunde davon, wie relaxt so eine Reise sei, wie sie die Langsamkeit entdeckt hätten und absolut entspannt zurückgekehrt seien. Doch die Woche als Kapitän auf Zeit unterwegs auf einer schwimmenden Ferienwohnung birgt ihre Tücken, wie wir noch einige Male erfahren werden. Langweilig wird es keine Sekunde.

Am nächsten Tag geht es von Sainte-Marie via Étang de Gondrexange nach Houillon. So langsam bekommen wir die Schleusen in den Griff. Jedenfalls bis nach Réchicourt, wo uns die höchste Schleuse Frankreichs mit 16,38 Metern erwartet. Drei Boote müssen da rein. «Allez, avancez encore un peu!», ruft der Schleusenwärter und fuchtelt mit den Armen. Auch diese Hürde schaffen wir – mithilfe der anderen Hobby-Kapitäne.

Teamwork lautet die grosse Losung, stellen wir bald einmal fest. Nicht nur auf dem Schiff selbst, sondern mit allen anderen «Mitböötlern» auf dem Kanal. Man hilft sich spontan, wo man kann. Denn wir sind längst nicht die einzigen Anfänger auf dem Hausboot. Und so ist man froh, wenn man Tipps bekommt oder sich die Arbeit teilen kann. So zum Beispiel, als wir am nächsten Tag 13 (!) Schleusen innerhalb von 3 Kilometern zu bewältigen haben. Wir tun uns mit einer anderen Familie zusammen. Peter radelt jeweils voraus zur nächsten Schleuse, und wir können das Seil einfach hinaufwerfen, ohne dauernd unsere akrobatischen Künste auf dem Leiterchen demonstrieren zu müssen. So macht es richtig Spass. Man plaudert mit den anderen Freizeitkapitänen, tauscht sich über Restaurant- oder Angel-Tipps aus – und über die persönlichen Abenteuer. Schon bald sagen wir wieder: «Tschüss, machts gut und gute Reise.»

Am Abend geniessen wir die selbst gefangenen Fische noch mehr – und stossen mit Monsieur Gilberts Rosé an. Aber schon am nächsten Tag ist die Euphorie wieder verflogen. Eben noch freuten wir uns an der traumhaften Flusslandschaft mit Eisvögeln, Fischreihern und Kranichen. Und dann das – an der nächsten Schleuse passiert es: Das Seil hat sich verwickelt, wir hängen plötzlich in der Luft! Der Schweiss tritt null Komma plötzlich aus allen Poren, die Nerven liegen blank. Der Bootskapitän reagiert genau richtig, reisst am Seil – plumps!, landen wir auf dem Wasser. Nochmals gut gegangen! Doch von nun an werden wir höchste Konzentration behalten, wenn es um so etwas Banales wie eine Schleuse geht.

Schliesslich warten ohnehin noch ein paar Abenteuer auf uns. Zum Beispiel auf dem Rückweg, als wir in der Schleuse feststecken, weil sich die Tore nicht mehr öffnen wollen. Der deutsche Kapitän hinter uns weiss natürlich weshalb: «Ihr habt das nicht richtig gemacht!», meint er zerknirscht. «Und jetzt sitzen wir fest.» Wie durch ein Wunder taucht just in diesem Moment ein Schleusenwärter im Auto auf. «Excusez-moi, die Elektronik des Signals hatte ein Problem. Nun könnt ihr durchfahren. Aber bitte zusammen in die Schleuse, weil der Wasserstand so tief ist.» Das hatte uns gerade noch gefehlt. Doch von Schleuse zu Schleuse wird die Zusammenarbeit mit Hilde und Gernot angenehmer. Und als die beiden uns dann die zwei verlorenen «Fender» einsammeln, ist die Harmonie perfekt. Hilde holt am Schluss unserer gemeinsamen Fahrt ein paar Schnäpschen hervor, und wir stossen bei schönstem Sommerwetter zufrieden miteinander an.

am nächsten Tag ist Sturmwarnung angesagt. Gut, dass wir rechtzeitig einen Platz in Houillon ergattern. Denn schon bald ist alles voll, die späteren Boote haben das Nachsehen. Gespannt warten wir auf unsere letzte Nacht auf dem Boot. Das Donnergrollen zieht langsam an. Die Blitze verwandeln den Himmel in ein Feuerwerk. Doch als ob es uns vor diesem Abenteuer verschonen wollte, kommt es nicht näher – wir schlafen nochmals selig in unserer «Framboise». Das letzte Stück nach Lagarde fühlt sich fast etwas wehmütig an. Die Schleusen haben wir längst im Griff, und endlich können wir die an uns vorbeiziehende Landschaft richtig geniessen und uns den Wind durch die Haare wehen lassen.

Eine Reisewoche auf dem Hausboot kostet in der Hochsaison ab Fr. 1800.–. Dazu kommen Hafengebühren. Schweizer Anbieter von Hausbootferien: Media Touristik, Basel, www.hausbootferien.ch; Aquatravel Bootsferien, Küsnacht, www.aquatravel.ch; PRP Plaz Reiseplanung, Beinwil am See, www.hausboot.ch; TCS-Reisen, www.reisen-tcs.ch/hausboote.

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