Wow, da wollte ich immer schon mal hin.» Oder: «Ich war schon, Hammer!» Zu Island hat jeder etwas zu sagen. Und spätestens seit die Isländer an der EM ganz Europa verzückt haben, sind wir doch alle Island-Fans. Dort zu sein, wenn die ganze Insel im Fussballfieber steckt, ist natürlich kaum zu toppen. Doch seit ein paar Jahren erlebt die Insel zwischen Europa und Nordamerika ohnehin einen Tourismusboom. 1,7 Millionen Menschen werden 2016 im Naturwunderwerk Island erwartet. Die Insel am 66. Breitengrad, am nördlichen Polarkreis, ist längst auch im Winter beliebt. Doch Juli, August, September hat man die besten Chancen auf warme Tage. Die Abenteuer, die man bei einer Fahrt rund um die Insel erlebt, sind unzählig und fast unerzählbar. Daher vorweg ein paar Dinge, die man sehen oder tun muss:

Das hippe Reykjavík: Sie dachten, Zürich sei die Hipster-Hochburg, vergessen Sie’s, es ist die kleine, bunte Hauptstadt Islands. Unzählige Naturwunder: Wasserfall, Geysir, Gletscher, Vulkane, saftige Weiden und Wiesen. In Hot Pots baden. Krasse Monster-Autos. Schafe überall: auf dem Teller, auf der Strasse, als Kleider. Islandponys: nicht reiten wäre wie in der Champagne keinen edlen Sprudel zu trinken. Von der Ringstrasse abfahren, um über Schotterpisten zu schleichen und Angst zu haben, dass das Mietauto stecken bleibt. Meeresfrüchte und Lachs essen. In alte Holzkirchen spienzeln – und nachts im Hellen davor tanzen. Auf Wal- und Robbenjagd gehen (nur mit Fernglas und Kamera). Skyr (quarkähnliche Speise) und Flatkaka (traditionelles Fladenbrot, am besten mit Butter) essen. Vergammelter Hai und Trockenfisch ist etwas für Harte.

Hippe Stadt und Superjeeps
Die Hauptstadt auszulassen, ist ein Fehler. Reykjavík hat man zwar schnell gesehen, aber wahrscheinlich fühlt man sich gerade deswegen so schnell so wohl. Kleine Design-Boutiquen, Mikrobrauereien, «Kaffeehus» an jeder Ecke und Fischrestaurants zum Ewig-Bleiben. Im «Fishmarket» hatten wir unser bestes Sushi. Ausgehen? Es ist die ganze Nacht hell, man denkt stets an das Lied: «Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht . . .»

Da wäre die seltsame Kirche (die schönen sind auf dem Land). Vor Parlamentsgebäuden gibt es keine Security, Polizei sucht man vergebens (Island ist das sicherste Land Europas!). In welchem Land sonst wird ein Komiker in die Regierung gewählt, und welcher Bürgermeister hängt im Rathaus eine riesige Vagina auf? Das soll zeigen, wie wichtig Frauen in Island sind, sagt zumindest Stadtführerin Sara. Sogar sie sagt, dass fermentierter Hai (Hákarl) eklig ist. Der neu gewählte Präsident war Saras Geschichtslehrer in der Schule. Island ist ein Dorf, man kennt sich. Deswegen gibt es auch das «Book of Islandic» – ein Stammbaumbuch aller Isländer, so kann man nach dem One-Night-Stand prüfen, ob man mit der Person verwandt ist, witzelt Sara.

Viele tolle Orte können von Reykjavík aus erkundet werden, etwa die blaue Lagune, die bekannteste und zugleich touristischste heisse Quelle Islands. Teuer, immer voll – und trotzdem ein einmaliges Erlebnis.
Wer Island erleben will, düst auf der Ringstrasse einmal um die Insel. Egal in welche Richtung. Wichtig: Immer wieder abfahren. Die abenteuerlichste Variante sind 4x4-Monster-Tracks. Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, wo solche riesigen Geländewagen rumfahren. Traktorreifen bis zu 44 Zoll, Auspuff neben der Motorhaube, bereit, um Flüsse zu überqueren. Gewappnet eben für Lava- und Schotterpisten. Scheinwerfer, um die ganze Insel zu erleuchten. Die Superjeeps gibt es auch in Pick-up-Form mit einer Art Wohnwagenaufsatz auf der Ladefläche. Das Ultimative: Schlafen und Allrad in einem.

Doch die Gefährte – auf die Einheimische wie Touristen stehen – sind ganz schön teuer. Deshalb haben wir uns für einen Camper entschieden. Aber – Sie sehen es auf dem Bild – keinen im klassischen Sinn mit Eckbank, Toilette und Platz, dass Rentner bei Regen stundenlang Karten spielen können. Nein, eine Art Lieferwagen. Sie wissen schon, am Heck gehen zwei Türen nach aussen auf, an der Seite die Schiebetüre. Wir treffen auf der Reise viele dieser simplen Zuhause auf Rädern. Am Steuer sitzen junge Leute, weil ihnen das Geld für die Offroader fehlt. Man winkt einander, «güxslet» auf Parkplätzen zu den Fenstern rein, um zu prüfen, ob es ein klügeres Verstau-System gibt. Bei den Monsterjeeps rutscht man vor Scham in den Sitz.

Spartanisch ist es drinnen. Ein Klappbett, ein Kühlschrank (bessere Kühltruhe), Waschbecken (mit Wassertank zum Selbernachfüllen, kein Problem in Island), Gaskocher mit Nachfüllflaschen, Schubladen mit Geschirr und Besteck. Unter dem Schlafsofa lagern tagsüber die Bettdecken und Kissen (auch inklusive!), nachts hievt man die grossen Rucksäcke auf die Vordersitze und bastelt sich das Bett. Viel Platz bleibt nicht.

Abenteuer abseits der Ringstrasse
Eng. Chaos. Abenteuerromantik. Natürlich weisen einen die Vermietungen darauf hin, möglichst auf der Ringstrasse zu bleiben, raten von Schotterwegen ab und verbieten vehement F-Strassen (Feldweg). Eine Mischung aus Weghören und Respekt ist die beste Reaktion. Schliesslich – so ist es immer – erlebt man die besten Momente abseits der Piste, abseits der Touristenmeute. Auf Campingplätzen soll man übernachten, Islands Gesetze seien strenger geworden. Dazu ist zu sagen: Wer nicht auf tägliches Duschen verzichten kann, der sucht nach dem Zeltzeichen auf der Karte (unbedingt gute Karte!).

Die anderen? Trennen sich nach den grossen Wasserfällen und sprudelnden Geysiren von den Massen und suchen sich einsame Plätzchen. Auf der Snæfellsness-Halbinsel im Südwesten übernachten sie vor einer alten Holzkirche. Die Angst vor göttlicher Bestrafung ertränken sie in der schicken Búðir-Hotelbar. Wer das nicht wagt, erlebt nachts um eins beim schönsten Licht auch keine surrealen Situationen. Während die Camper eingeschifften Rioja aus Plastikbechern am Plastiktischchen kippen, braust ein kleiner Jeep daher. Braut und Bräutigam steigen aus, flitzen mit Stativ und Kamera um die schwarze Holzkirche, die in fast zu kitschiges Licht getaucht ist, und machen ihre eigenen Hochzeitsbilder. So sind Isländer. Ideenreich und ein wenig verrückt.

Im Hafenort Stykkishólmur – sind die Namen nicht überragend? – speist man fangfrischen Lachs und wundert sich über eine g(r)ottenhässliche Kirche. Im Hot Pot des öffentlichen Schwimmbads relaxt man und hat als verlotterter Camper Duschmöglichkeiten. Hotspots und Schwimmbäder sind die beste Art, sich zu waschen – und aufzuwärmen. Auch wenn die Sonne scheint, es weht ein Wind, und die Temperaturen knacken die 20-Grad-Marke selten.

Isländer schwärmen für die Westfjorde, die Nordwesthalbinsel, die wie eine Bärentatze ins Meer ragt. Noch 300 Kilometer bis Grönland. Die meisten schaffen den Abstecher nicht. Weshalb das nicht so schlimm ist, erfahren Sie später.

Abfahren braucht Zeit, aber Schotterpisten und Schlaglöcher mit kleinen Reifen ist Adrenalin pur. Auf der Halbinsel Vatnsnes kann man Robben beim Herumlümmeln entdecken. Achtung, nicht vom Pfad weichen, die Vögel sind total durchgedreht. Sie greifen an, und je länger man auf Island ist, desto überzeugter ist man: Alfred Hitchcocks- Film «Die Vögel» wurde hier gedreht.

Akureyri ist die Hauptstadt des Nordens. Eine kleine Metropole am Fuss einer beeindruckenden Bergwelt. Vom Hausberg Súlur (1213 m) hat man einen atemberaubenden Blick und zahlreiche Wanderoptionen. Nördlich der Stadt (Städte sind selten auf Island) liegt der Reiterhof Pólar Hestar. Die Schweizerin Juliane ist aus Liebe ausgewandert. Aus Liebe zu den Islandponys. Wir sind nun also beim Nationaltier. Auf der Rundreise hört man bald auf, sie zu zählen, so viele Herden grasen im saftigen Grün, so viele Höfe bieten Reittouren an. Isländer wissen selbst nicht, wie viele Gäule sie haben. Auch Anfänger lieben die friedlichen, verlässlichen Pferde. Schliesslich haben sie 5 statt 3 Gangarten. Schon mal was von Tölt gehört? Aufsitzen!

Im Nationalpark um den Mückensee (Mývatn) ist Wildcampen nicht zu empfehlen. Da hämmern nachts um zwei Uhr schon mal Landbesitzer ans Lieferwägeli und vertreiben einen. Locker bleiben, weiter fahren.

Gletscherlagune und Schafe
Sie kennen es bestimmt, Freunde empfehlen einem vor der Abreise Orte mit einem «Da müsst ihr unbedingt hin». Manchmal ist man enttäuscht. Aber das kann am Wetter liegen. Das wechselt in Island alle zehn Minuten. So wechselt man auch spontan die Route, schliesslich fährt das Zuhause ja auf Rädern mit. Was in der Hauptsaison absolut Gold wert ist, denn Hotels und B&Bs sind ausgebucht und sündhaft teuer. Umso überraschter ist man, wenn man Campingjuwelen in abgelegenen Orten wie Möðrudalur entdeckt. Kleine Holzhütten, auf denen Gras wächst, ein gemütliches Restaurant mitten im Nichts und Aargauer, die den weiten Weg von der Schweiz mit einem VW Typ 2 T1, einem Mir-bleibt-der-Mund-offen-schönen-Bulli gefahren sind.

Neben kitschigen Weiden an der Küste und trockenen Lavabrocken im Landesinneren gibt es auch Wald. Aber selten. Im Osten um den See Lögurinn befindet sich der grösste und älteste Wald Islands. Achtung Zungenbrecher: Hallormsstaður. Atlavik ist ein malerischer Campingplatz – manchmal muss man eben das eingetrocknete Geschirr spülen. Im Osten thront etwa der grösste Gletscher Islands: Vatnajökull, nein der war 2010 nicht für die Aschemisere zuständig. Auf der Gletscherlagune Jökulsarlon treiben Eisschollen. Fasziniert und ehrfürchtig steht man vor dem Eismeer, das als Kulisse für den Bondfilm «Die Another Day» diente.

Auch von Landmannalaugar schwärmen Islandreisende. Hier braucht man einen Superjeep, günstiger fährt man mit Reykjavik-Excursions. Die Fahrt ist lange, die Belohnung: Bergrücken, die in den schillerndsten Farben leuchten. Entscheiden Sie nach dem Wetter.

Was fehlt? Ach ja, die Schafe. Sie sind überall und anders als hierzulande. Sie haben kleine, feine Gesichter und ganz viel Wolle. Es sollte «dummes Schaf» und nicht «dumme Kuh» heissen, denn die Wollknäuel stehen mitten auf der Strasse, wildes Hupen lässt sie kalt. Fahren Sie bloss keines über den Haufen. Über Islands Schafe und das Nationalgericht Lamm sagt Stadtführerin Sara: «Sie schmecken so lecker, weil sie den ganzen Tag Gras und Kräuter fressen und sich quasi selbst marinieren.»

Nach zwei Wochen und 2300 gefahrenen Kilometern haben wir bei weitem nicht alle Naturspektakel gesehen. Aber wir haben jetzt auch etwas zu Island zu sagen. Hammer, ich war schon. Und ich gehe wieder.

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