Von Rosmarie Mehlin

Kaysersberg, das Dorf im Elsass, wo Albert Schweitzers Wiege stand: dort hatte mich das Virus befallen. Rund 30 Jahre ist das her, und noch immer bin ich nicht auskuriert. Noch immer packt mich Ende November das Reisefieber. Mal treibt es mich mit den SBB nur ein paar Stationen weit, mal setz ich mich für ein paar Stündchen in einen Waggon der Deutschen Bahn. Das Ziel hat immer denselben geradezu sphärisch anmutenden Namen: Weihnachtsmarkt.

Damals, dort in Kaysersberg, standen nur wenige kleine Holzhütten. Man tauchte nicht ein in ein Lichtermeer, sondern eher in einen Lichterteich. Doch der Charme des Dorfes, die Ursprünglichkeit des Angebots, die Authentizität der Bevölkerung bleiben unvergessen. Ich glaube alles, was es an jenem Weihnachtsmarkt zu kaufen gab, war selbst gemacht. Das Brot, die Gugelhupfe, die Saucissons sowieso. Aber auch das Kunsthandwerkliche hatte diesen Namen redlich verdient: Von Hand gefertigte kleine Kunstwerke. Ich – schon in der Mitte des Lebens stehend – hatte mich umgehend in eine weisse Teddybären-Frau im grün-rot-silberglitzernd gestreiften Kleid verliebt. Ganz bestimmt hatte eine Grand-mère sie auf dem Ofenbänkli sitzend gestrickt, hatte ihr liebevoll die grauen Knopfaugen neben die Schnauze mit der schwarzen Nase genäht und einen grünen Knopf auf die Brust.

Auch den Krippenfiguren, alle aus rohem Holz geschnitzt, hatte ich nicht widerstehen können. Die mit ein paar Strohhalmen gefüllte Krippe mit dem winzigen Etwas darin; dazu das Tier, obwohl zoologisch kaum einzuordnen, muss es ein Esel sein. Maria im derben blauen Gewand mit Kapuze und, wie sie gesichtslos, zwei männliche Figuren. Auch wenn sich mir bis heute nicht erschlossen hat, welche Josef und welche der Hirte ist – ich mag sie trotzdem sehr, denn sie strahlen einen besonderen Zauber aus.

Zauber ist das Zauberwort, das seit jenem Besuch in Kaysersberg Jahr für Jahr das Virus in mir aktiviert und mich hineinzieht in die wunderbare Welt der Weihnachtsmärkte. Seit wie vielen Wochen schon biegen sich, ach, die Regale der Grossverteiler unter Bergen von Zimtsternen, Brunsli, Chräbeli, Lebkuchen – und lösen doch kaum vorweihnachtliche Gefühle aus. Ebenso wenig lassen die Berge von Geschenkpackungen und der Jingle-Bells-Soundteppich besinnliche Vorfreude aufkommen. Selbst die LED-leuchtenden Rentiere, die Lichterketten und kletternden Weihnachtsmänner in Gärten und an Hauswänden mahnen zwar, dass das grosse Fest der Christenheit bevorsteht. Aber verzaubern sie auch?

Wenn sie es tun, dann niemals so wie der Besuch eines Weihnachtsmarktes. Egal ob in Montreux oder Willisau, ob gross und berühmt oder klein und verträumt, ob in der Schweiz, in Deutschland oder Frankreich – dem Charme eines Weihnachtsmarktes kann man sich nicht entziehen. Zwar drängen sich Menschenmassen in den schmalen Gassen zwischen den mit Tannenries und Lichterglanz geschmückten Holzhäuschen – aber auch das gehört dazu. Schliesslich sind es alles Gleichgesinnte, sind alle auf Entdeckungsreise. Schau, diese Wollmützen sind aber originell, und da, diese wunderschönen Kerzen, die Schalen aus Olivenholz, handgeblasenen Glaskugeln, die lustigen selbst genähten Baby-Bodys, nicht zu vergessen die Räuchermännchen und Nussknacker aus dem Erzgebirge. Zwischen der Handwerkskunst findet sich immer wieder Kitsch – auch er hat seinen Platz auf einem Weihnachtsmarkt.

Aus gar mancher der Holzbuden dampft der Glühwein aus speziellen Bechern an runden Bar-Tischchen, an denen geplaudert, diskutiert, gescherzt wird. Ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein ist wie Ostern ohne Eiertütschen – undenkbar. Auch der Magen kommt nicht zu kurz. Grillwürste gibts überall, in Deutschland etwa auch Kartoffelpuffer mit oder ohne Apfelmus, Poulet vom Grill, Berliner frisch aus der Fritteuse. So kommt denn auch die Nase nicht zu kurz auf einem Weihnachtsmarkt, mischt sich zu den kulinarischen Düften doch auch die Exotik von Räucherstäbchen.

Wo solls dieses Jahr hingehen? Für mich wahrhaft eine Gretchenfrage. Wieder einmal nach Bremgarten? Kurze Anreise, besonders attraktives Angebot, aber auch besonders viele Besucher. Der Markt in Freiburg im Breisgau ist mir sehr ans Herz gewachsen, der in Stuttgart ist für mich einer der schönsten, der in Innsbruck der heimeligste. Basel ist auch nebst dem Weihnachtsmarkt immer einen Besuch wert.

In Bad Zurzach hatte ich mal die Fronten gewechselt, stand im Holzhäuschen drin und habe Schals, Babyfinkli, Pullover, Herrensocken feilgeboten, mit viel Liebe gefertigt vom «Lismergrüppli» des gemeinnützigen Frauenvereins. Es war kalt in der Bude, aber all die vorbeiziehenden oder unser Angebot prüfenden Menschen strahlten Wärme aus. Sie waren nicht muff und gestresst, sondern fröhlich und zufrieden – beglückt eben von dem ganz besonderen Zauber, den Weihnachtsmärkte ausstrahlen.

Freiburg im Breisgau
21. bis 23. Dezember.
Anreise: Ab Basel mit dem Zug in 40 Minuten erreichbar.

Kaysersberg im Elsass
Alle vier Adventswochenenden, freitags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr, und zusätzlich vom 19. bis 24. Dezember.
Anreise: Kaysersberg ist mit dem Auto ab Basel in einer Stunde erreichbar und liegt eine Viertelstunde von Colmar entfernt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.