Draussen ist es dunkel, vor dem Bus warten Männer mit Turban. Nach zwölf Stunden Fahrt quer durch Marokko, um in den Wüstenort Merzouga im Osten an der algerischen Grenze zu gelangen, und nach etlichen ausserplanmässigen Stopps, bei denen der Fahrer am Strassenrand einen Säbel gegen Süssigkeiten tauschte, wollen wir nur noch ein Bett. Ein Mann im blauen Gewand ruft meinen Namen. Das muss Mohammed sein. Mohammed ist Berber – die Ethnie der nordafrikanischen Länder, die auch als Nomadenvolk bezeichnet wird – und Chef des Wüstencamps «Le ciel bleu» ist. Ein wenig irritiert sitzen wir in einem Opel-Corsa-ähnlichen Kleinblech und beobachten, wie andere mit 4x4-Geländewagen wegchauffiert werden. Wir holpern 30 Minuten über Sand und Stein. Die Dorflichter schwinden, ringsherum ist es finster. Das ist also die Wüste.

Endlich das Biwak. In einem Viereck angeordnet die Zelte. Böden, Tür, Wände – alles besteht aus Nomadenteppichen. Es ist kurz vor Mitternacht, trotzdem tischt man den obligatorischen zuckersüssen Minztee, Harira (typische marokkanische Suppe aus Bohnen oder Linsen) und eine Berber-Omelette auf. Spiegelei auf Tomaten-Zwiebel-Gemüse in der traditionellen Tajine, einem Schmorgefäss aus Lehm. Wir stürzen uns auf das beste Essen der ganzen Marokko-Reise. Danke, Mohammed, du bester Koch der Wüste! Vor lauter Sand und Sturm werden wir die erste Nacht in eine Herberge gebracht. Nix Zelt.

In Trance auf dem Trampeltier
In ausgelatschten Sandalen wartet Hamid mit zwei Dromedaren (einhöckrig!). Er ist der Kamel-, äh, Dromedarführer. Etliche Male werden wir es noch falsch sagen. Wir reiten in Richtung Dünen davon. Hamid läuft. Bald sehen wir nur noch Sand. Um uns vor der Sonne zu schützen, binden wir uns Tücher um die Köpfe.

Es schaukelt auf dem Rücken der Tiere. Der Sand ist übersät mit kleinen schwarzen Kugeln. Getrocknete Kamel-, äh, Dromedarscheisse. Nur der Kot beweist, dass hier viele Touristen-Karawanen unterwegs sein müssen. Merzouga sei sehr touristisch, heisst es. Doch an dem Tag gibt es nur uns und die Weite. Giftige Tiere? Nein, sagt Hamid. (Er ist bestimmt nur höflich). Im Trott mit dem Trampeltier sitzt man wie in Trance im nicht ganz so bequemen Sattel und denkt nach – oder nichts.

Kurz vor der Oase müssen wir absteigen. Hamid schickt uns einen steilen Hügel hinauf, die Dromedare führt er herum. Zu anstrengend für die Tiere. Für uns auch, wir müssen trotzdem hoch. Oben angekommen, werden wir dafür mit einer spektakulären Wüsten-Aussicht belohnt. Unten in der Oase treffen wir spannende Reisende, faulenzen im Schatten und versuchen uns im Sand-Boarding. Fazit: Das Hochlaufen auf die Düne und der heisse Sand, der einem in die Schuhe rieselt, sind ein Horror. Mit dem Board bleibt man mehr stecken, als das gefahren wird.

Koffer füllen in Marrakesch
An diesem Nachmittag in der «Oase des Nichts», wie wir sie getauft haben, denken wir an das wuselige Marrakesch, an die eifrigen Verkäufer in den Souks und an den gellenden Muezzin, der uns hier so gar nicht fehlt. Marrakesch ist Wuum. Die Medina, so heissen die arabischen, nordafrikanischen Altstädte, hauen einen um. So viele Eindrücke, Geräusche, Gerüche. Auf dem Hauptplatz, dem Djemaa el Fna, sitzen immer noch die Schlangenbeschwörer und lassen die Kobras tanzen. Im Souk, dem Basar, werden Aladin-Lampen, buntes Geschirr, Lederwaren und sogar Chamäleons verkauft.

In die rote Stadt reist man am besten mit leerem Koffer, denn Einrichtungsfans kommen an den Kelim-Teppichen, den goldenen Lampen und dem Silber und Keramik nicht vorbei. Wer nicht gern handelt, hat es schwer. Es gehört dazu. Auch wenn Sie denken, Sie hätten gerade den «Special Price» bekommen, es ist garantiert immer noch zu viel. Verirren ist in Marrakesch normal, aber irgendwie führen alle Wege zum Platz «Djemaa el Fna.»

Wem die engen Gassen und die vielen Menschen zu viel sind, der kann auch in-mitten der Medina abschalten. Etwa im Palais de la Bahia. Einem Palast mit Fliesen aus Marmor, buntem Mosaik, Arabesken aus Stuck, Decken aus Zedernholz geschnitzt und einer Schildkröte mit bunt bemaltem Panzer, die sich durch den Garten schiebt. Auch das Restaurant «Le Jardin», eine grüne Oase mitten im Gewusel, lädt zum Verweilen ein. Marokkanisches Bier und Wein inklusive – ein Glück, denn Alkohol ist normalerweise in Cafés wegen der Vorherrschaft des Minztees schwierig zu bekommen. Ruhe findet man auch immer wieder im Riad. In einem traditionellen marokkanischen Haus mit Innenhof zu schlafen, ist ein Muss auf einer Marokko-Reise. Das in einem saftigen Rot gestrichene Honey Riad, geführt von einer Vorarlbergerin, ist besonders charmant. Auf der Dachterrasse schaut man – mit Minztee – der Sonne beim Untergehen zu.

Verirren in Fes
Mit dem Nationalgetränk holt uns auch Hamid wieder ins Jetzt. Wir müssen bald zurück. Hamid läuft barfuss im Sand, wir sind wieder im Dromedar-Delirium. Im Camp angekommen, breitet er seine selbstgeschnitzten Dromedare aus. Das haben die Marokkaner alle gemein: Sie wollen immer verkaufen. Während wir in den kitschigen Sternenhimmel starren, zaubert Chef Mohammed eine Gemüse-Tajine. Dann trommelt er mit seinen Freunden Nomadenlieder, – und Buffalo Soldier von Bob Marley. Endlich im Teppichzelt, schlafen wir wie Wüstenkönige.

An einem endlosen Palmenhain und dem Dorf Ifrane vorbei, das aussieht wie ein Schweizer Alpenresort, fahren wir in sechs Stunden in die älteste Königsstadt Marokkos. Fes im Norden hat die grösste Medina Nordafrikas. Wir wurden gewarnt: «Fes ist total unübersichtlich, ihr werdet euch verirren.» Der beste Ratzu Fes: Einfach laufen, man kommt schon an. Am besten orientiert man sich an Ständen, besonderen Türen oder Bögen. Lastesel transportieren Felle durch die engen Gassen. An jeder Ecke blau-weisse Keramik, das Markenzeichen der Stadt.

Mit unseren Rucksäcken voller Einkäufe ziehen wir weiter. Wir brauchen wieder Abstand von den Massen und vom Muezzin. Wir steigen in den Zug Richtung Westen. An die Küste. Zum Glück hat dieses Land so viele Facetten.

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