Von Stephan Brünjes

Über sieben Hügel musst du gehn, sieben steile Pfade überstehn … Ja, zugegeben, lässiges Promenieren und Bummeln geht allenfalls auf kurzen Zwischenetappen, wenn man zu Lissabons Aussichtspunkten hoch will, den Miradouros. Meist müssen die Füsse enge Gassen mit ausgewaschenem Kopfsteinpflaster, steile Treppen und verwinkelte Traversen hoch. Verlaufen gehört auch dazu, denn ganz genau sind Lissabons Mini-Stiegen zwischen den Häusern dann doch nicht in den Stadtplänen drin. Wer will, kann das als Schnitzeljagd-Herausforderung nehmen. Zielstrebige setzen sich in die historischen Rumpel-Standseilbahnen oder den City-Fahrstuhl – mit beiden kommt man ohne Umwege und Muskelkater mindestens in die Nähe der Miradouros. Also los!

Miradouro da Santa Luzia, Stadtteil Alfama
Man kann zu diesem Aussichtspunkt mit der Eléctrico Nr. 28 hochfahren, der historischen Strassenbahn. Tipp: Auf halber Strecke aussteigen, bei der Kathedrale. Und dahinter – auf dem Weg zum Miradouro – ein paar Schritte durchs Viertel Alfama machen. Die Häuser blieben 1755 vom verheerenden Erdbeben verschont, da auf Fels gebaut. In dem einst maurisch geprägten Quartier gibt es bis heute kleine Handwerkerläden, Männer, die unter Holzbalkonen Domino spielen, und Frauen, die in Kittelschürzen Gemüse verkaufen. Oben am Miradouro angekommen, schaut man Alfama auf die Dächer – aus einem Säulengang, der einen kleinen, schattigen Park mit akkuraten Buchsbaumhecken begrenzt und den Blick auf den Tejo und dort vertäute Kreuzfahrtschiffe freigibt. Ebenfalls ein Hingucker: Die XXL-Wandbilder aus Azulejos – den portugiesischen Nationalfliesen. Eine versteckte, schmale Treppe führt zum drängeligen Café nach oben, das zwar einen schönen Blick über den Kirchplatz gegenüber, aber auch Elvis-Dauerbeschallung bietet.

Miradouro de Graca, Stadtteil Castelo
Da nimmt man den Bica (portugiesischer Espresso) oder Galao (Milchkaffee) doch lieber einen Aussichtspunkt höher. Gravitätisch gongt die Glocke der Kirche Igreja da Graca, in deren Hinterhof man quasi sitzt – unter Bäumen, vorm Kirchenportal. Wie ans Kirchenschiff rangeflanscht die kleine Kaffee-Klappe, von wo alles gebracht wird, was Sehleuten so als Snack gefällt. Vor allem Pasteis, die runden portugiesischen Blätterteigtörtchen mit flambierter Puddingfüllung gehen gut. Der Blick schweift dabei von den Zinnen des Castelo de São Jorge über die steil abfallende Böschung, ins Arme-Leute-Viertel Mouraria mit Graffiti-dekorierten Mauern und sich eng aneinanderdrückenden Häusern bis hoch zu einer einsamen daraus aufragenden Baumgruppe – dem nächsten Aussichtspunkt.

Miradouro da Senhora do Monte, Stadtteil Graca
Lissabons höchstgelegener Aussichtspunkt – dorthin lässt sich manch einer mit den in der Stadt allgegenwärtigen Tuk-Tuk-Zweitakt-Dreirädern hochkutschieren. Oben angekommen, sieht jeder sofort, warum dieser Miradouro die Titelseiten vieler Reiseführer schmückt: Hier zieht Lissabon den ganz grossen Vorhang auf, bietet eine Super-Weitwinkel-Kulisse wie sonst nirgendwo. Und zwar mit einer Art Bühne, die der Betrachter von hinten oder seitlich betritt, vorbei an einer kleinen, weissen Kapelle, hin zu Parkbänken unter Bäumen, auf denen man sich erst mal niederlässt, vorausgesetzt, ein Platz ist zu ergattern, um dieses 180-Grad-Panorama intensiv wirken zu lassen.

Der Blick schweift über die roten Dächer bis zum Horizont. Dort an der Brücke des 25. April bleibt er hängen, diesem Imitat der Golden Gate Bridge. Dann langsam zurückzoomen zu einzelnen, aus dem Häusergewimmel aufragenden, weissen Kirchen und der an einem Mast flatternden portugiesischen Flagge. Erst jetzt – bestimmt zehn Minuten später – stehen die ersten Betrachter auf, gehen nach vorne an die Reling des Miradouros, um einzelne Punkte in dieser einmaligen Stadtansicht genauer auszumachen.

Elevador de Santa Justa, Stadtteil Baixa
Der einzige künstliche Miradouro – auf dem Dach des «Elevador de Santa Justa» gelegen, eines Fahrstuhls, der von einem Schüler Gustave Eiffels gebaut wurde und genau so jugendstil-stählern aussieht. 1902 eröffnet, verbindet der ursprünglich Dampfmaschinen-getriebene und 24 Menschen fassende Aufzug die Unterstadt Baixa und die gut 45 Meter höher gelegenen Stadtteile Chiado und Bairro Alto. Fahrpreis: 5 Euro hin und zurück. Oben angekommen führt eine enge Wendeltreppe auf die Dachplattform des Elevador.

Nirgendwo kann man der Stadt tiefer ins Herz schauen als hier. Direkt unter diesem Miradouro führt die Rua Aurea vorbei, die Strasse des Goldes, einst eine der nach dem Erdbeben schnurgerade zum Tejo führenden acht Parallelstrassen, heute Top-Shoppingmeile. Sie mündet in der anderen Richtung in den Rossio, einen der schönsten Plätze Lissabons, dessen wellenförmig verlegtes Pflaster man von oben am besten erkennt. Seitlich der Elevador-Plattform und zum Greifen nahe: die Igreja do Carmo, der gotische Carmo-Konvent. Die eindrucksvolle Ruine mit dachlosem Kirchenschiff und einigen standhaften Portalsäulen wurde nach dem Erdbeben als Mahnmal unverändert stehen gelassen und ist oft Location für Open-Air-Konzerte.

Miradouro São Pedro de Alcantara, Stadtteil Rossio
Jeder der Lissaboner Aussichtspunkte hat seine Visitenkarte – dieser hier sieht aus wie eine abgerundete Landschaftsecke und hängt als solche schräg in der Gegend, zwischen Strasse und einem terrassierten Tal. Dennoch: São Pedro ist der gemütlichste Miradouro, schon wegen der Holzbuden, in denen Händler Schmuck und Keramik, frisch geschnittenen Serrano-Schinken und Tapas, Ananas in Cranberrysaft und Trockenfrüchte verkaufen. Weiter oben duelliert sich ein Bossa-Gitarrist mit dem Geplätscher des Brunnens, und die Leute relaxen in Liegestühlen, blinzeln allenfalls mal, um zu schauen, ob sich am Fernblick-Panorama was verändert hat. So überragend wie bei den anderen Miradouros ist es hier nicht, daher sind die Leute hier eher auf den Platz und sein Drumherum fixiert.

Miradouro Santa Catarina, Stadtteil Bairro Alto
Der Aussichtspunkt fürs Tagesfinale – hier kommen junge Lissabonner hin, um in den Sonnenuntergang zu schauen und dabei den Partyabend einzuläuten. In einem kleinen Kiosk am Rand gibts Bier dazu, unter dem Baum spielt ein Harlekin-Gitarrist, um den sich Woodstock-artig gewandete Groupies scharen. Die feucht-fröhliche Szenerie wird kritisch beäugt vom schwer umwölkten Blick des Adamastor, einer zum XXL-Denkmal versteinerten Gestalt der griechischen Mythologie – Symbol für alle Erschwernisse, mit denen sich portugiesische Seefahrer herumplagen mussten. Nach Sonnenuntergang beginnt das Partyvolk mit dem Vorglühen, bevor es zu den Nightspots am Cais do Sodre pilgert.

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