Von Erna Jonsdottir

Der Klang von Pferdehufen hallt durch die Gassen. Gepflasterte Innenhöfe, Handelshäuser aus dem 12. und 13. Jahrhundert, farbige Hausfassaden, Giebel und Türme schaffen eine mystische Atmosphäre. An einem Stand verkauft ein Korbhändler seine Ware. Vor einer mittelalterlichen Taverne tummeln sich Mägde und Knechte – sie locken eine Gruppe Japaner ins Lokal. Das will sich der Knappe der gegenüberliegenden Konkurrenz nicht gefallen lassen. Er steigt auf eine Empore und weckt das Interesse der Schaulustigen, indem er mit lauter Stimme das Mittagsmenü von einer Schriftrolle liest.

Diese Szene spielt sich nicht auf einem Mittelaltermarkt ab, sondern mitten in der Altstadt von Tallinn, wo sich im Sommer Hunderte von Touristen tummeln. «Zu viele», sagen viele Einheimischen, die während der Hauptsaison gerne aufs Land flüchten. Denn nebst den Finnen, die mit der Fähre zur Hafenstadt reisen, um billigen Alkohol einzukaufen, füllt sich Tallinn auch mit Gästen, die in Scharen vom Hafen ins Zentrum strömen und sich vom Mittelalterflair in den Bann ziehen lassen: Die estnische Hauptstadt ist eine beliebte Destination.

Dass die Esten das Mittelalter für die Touristen aufleben lassen, verwundert nicht. Tallinn hat einen der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkerne Europas und wurde deshalb in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Der Platz vor dem historischen Rathaus – das einzige unversehrte gotische Rathaus Nordeuropas – war viele Jahrhunderte lang Marktplatz und der zentrale Ort, an dem man Feste feierte und Gerichte hielt. Heute laden in den Sommermonaten Strassencafés, Freiluftkonzerte sowie die Handwerker- und Mittelaltermärkte zum Verweilen ein. Besonders anspruchsvoll wird das Kopfsteinpflaster – für Stöckelschuhe völlig ungeeignet –, je mehr man sich dem Bollwerk nähert: Tallinn besass im 16. Jahrhundert das mächtigste Wehrwerk Nordeuropas, das 3 Meter dick und 16 Meter hoch war und über 46 Türme verfügte. 26 Türme und die Hälfte des einst vier Kilometer langen Mauerrings sind erhalten geblieben.

Ein Geheimtipp ist der Mägdeturm Neitsitorn, in ihm befindet sich das gleichnamige rustikale Café. Der versteckte Platz davor, der Garten des dänischen Königs (Taani Kuninga aed), ist Treffpunkt für Jugendliche, die dort Gitarre spielen und singen. Die Aussicht vom Mägdeturm auf die Unterstadt und das neue Tallinn ist atemberaubend und eine gute Alternative für Menschen, die nicht in den Luftballon beim Hafen steigen wollen: Auf der einen Seite ragen moderne Hochhäuser in den Himmel, auf der anderen werden zahlreiche Kirchtürme sichtbar, wie etwa die St.-Olai-Kirche (Oleviste kirik), die um 1500 mit seinen 159 Metern eines der höchsten Gebäude Europas war.

Apropos Kirche: Ein Blickfang auf dem Weg zum Domberg, Tallinns Oberstadt, ist die Alexander Newski Kathedrale. Sie wurde nach dem russischen Nationalhelden und Heiligen Alexander Jaroslawitsch Newski benannt und ist Sinnbild der Russifizierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Doch auf den Einfluss der Russen ist man nicht wirklich stolz: «Wir hassen die Russen zwar nicht. Doch wir können sie auch nicht verstehen», hört man die Esten sagen.

Tallinn ist nordisch angehaucht, nicht zuletzt wegen der Sprache, die dem Finnischen beinahe gleich ist. Einen Einblick in die Russifizierung Estlands gibt es im KBG-Museum im Hotel Viru in Tallinn, eröffnet 1972. Damals waren dort Gäste aus dem nicht sozialistischen Ausland untergebracht, insbesondere finnische Touristen. Doch auch Prominente wie Neil Armstrong und Elizabeth Taylor übernachteten in dem Hotel, das mit seinen über 74 Metern der erste Wolkenkratzer von Tallinn war.

Jeder Gast hatte damals eine KGB-Akte. Die Zimmer wurden visuell und akustisch vom KGB abgehört, die Reiseleiter hatten die wichtigsten Fragen der Touristen zu rapportieren. Im 23. Stock des Gebäudes können Abhöranlagen, die der sowjetische Geheimdienst im Hotel installiert hatte, besichtigt werden. Seit der Unabhängigkeit 1991 kann das Land wieder atmen. Heute ist das W-Lan ein Bürgerrecht. Estland, seit 2004 Mitglied der EU und Mitglied des Europarates und der Nato, gehört inzwischen zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften Europas.

Wer vor der Zivilisation in die Natur flüchten will, findet im grössten Nationalpark Estlands, dem Lahemaa, Erholung. Südlich vom Nationalpark liegen die grossen Sümpfe und Wälder von Kõrvemaa, was für Elche, Wildschweine, Bären, Luchse und Füchse noch mehr Lebensraum bedeutet. Ganz ungefährlich ist eine geführte Moorschuhwanderung im Hochmoor Viru. Sie führt an Tümpeln vorbei und durch Wälder, die nach Kräutern, Beeren und isländischem Moos riechen.

Am Rand des Nationalparks, in der Nähe des Sees Viitna Pikkjärv, liegt der Naturbauernhof Kuusiku – ein Traum für Naturliebhaber. Die Bauernfamilie verarbeitet jeden Baumstamm und Ast. Daraus entstehen rustikale Möbel, Skulpturen und Natur-Kunstwerke, die den Garten zieren. Bäuerin Sirje kocht nur Bio mit eigenem Gemüse und Beeren aus dem Garten. Die Unterkunftsmöglichkeiten auf dem Hof sind rustikal und reichen vom eigenen Saunahaus bis zum Allergiker-Zimmer.

Estland ist auch ein Badeort. Pärnu – Estlands Sommerhauptstadt – hat nicht nur einen kilometerlangen, weissen Sandstrand an der Ostsee: Die Stadt ist seit 1838 als Kurort anerkannt, weil dem Schlamm an der estnischen Westküste heilsame Wirkung zugeschrieben wird.

Auf dem Weg nach Riga lohnt sich ein Stopp in Salacgriva. Dort lebt der Russe Aleksandrs Rozensteins – der einzige Fischer, der Touristen in eine jahrhundertalte Tradition einführt, die nur noch in seinem Dorf gelebt wird: das Fischen von Neunaugen. Das Neunauge ist eine estnische Fischdelikatesse. Das Wort Fisch führt jedoch in die Irre. Das Neunauge ist ein Wirbeltier, das mit seinem länglichen Körper einem Aal ähnelt. Eigentlich schmeckt es gar nicht so schlecht, wenn man nicht weiss, dass es sich um einen Parasiten handelt, der sich an Fischen festsaugt. Ein Vodka-Shot hilft, aber bitte ohne den Trink-Gruss Nastrovje. In Estland heisst es Terviseks. Ein Wort, das sich laut eines Hoteldirektors mit der Eselsbrücke «terrible sex» einfach merken lässt.

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