Von Stephan Brünjes

Der Untermoser-Erich ist der Letzte heute: Startnummer 50 des «Torlaufs in zwei Durchgängen» am Schantei-Lift im österreichischen Leogang. Nummer 14 pflügt gerade den Hang hinunter. Zeit genug also für den Untermoser-Erich, den Zuschauern über seine Ski zu erzählen. Eschenlatten, wahrscheinlich aus den 1930er-Jahren, noch mit Riemenbindung. Darin arretiert hat der 47-Jährige schwarze Leder-Schnürstiefel. Die Gamaschen sind vom Flohmarkt, und statt der heute üblichen Thermo-Skianzüge trägt er Kniebundhose und Trachtenjacke mit Hirschhornknöpfen.

So oder ähnlich ist jeder Teilnehmer gewandet, der beim Nostalgie-Rennen im Wintersportort teilnimmt. Es ist die Klein-aber-fein-Version dieser Veranstaltung. In diesem Jahr (15.–17. Januar 2016) wird der 3000-Seelen-Ort 80 Kilometer südwestlich von Salzburg wieder zum Mekka der Ski-Nostalgiker, wenn hier die nächste WM der Brettl-Oldies mit etwa 250 Startern aus ganz Europa den Hang runtergeht.

Auch abseits der WM tummeln sich die Mehrfach-Weltmeister des Retro-Latten-Sports auf ebensolchen Veranstaltungen im ganzen Alpenraum und darüber hinaus: Der Müllauer-Johann etwa und die Schinko-Elisabeth aus Piding bei Berchtesgaden. Nachname, Bindestrich, Vorname – so werden sie angekündigt von Pisten-Sprechern wie dem Bierbaumer-Elias, gewandet in einen grünen Lodenmantel. Er begleitet jeden Starter in Leogang mit lustigen Sprüchen auf dem 270 Meter langen Weg durch den Wald aus Wimpel-verzierten Haselnuss-Slalomstangen: «Da hot’s ihm a weng g’strudelt», heisst es, wenn die Läufer ins Rutschen kommen.

«Passiert leicht», sagt Elisabeth Schinko, vor allem bei Ski ohne Stahlkanten, wie ich sie fahre.» Die Mittfünfzigerin kurvt auf den Spuren des österreichischen Skipioniers Mathias Zdarsky, der um 1900 die Anfänge heutiger alpiner Skifahrtechnik entwickelte und 1905 das erste Slalomrennen organisierte. Ihre 2,05 Meter langen Zdarsky-Ski hat sich Elisabeth Schinko von einem 80-jährigen Schreiner exakt nachbauen lassen – für 350 Euro – und merkt nun, wie die Holzkanten von Rennen zu Rennen runder werden und noch weniger Halt geben als ohnehin. Schuld daran ist vor allem der Kunstschnee, dessen Eiskristalle das Holz abschmirgeln. Umso stärker muss Elisabeth Schinko lenken. Das tut sie – anders als heutige Skifahrer – nicht mit zwei Stöcken, sondern mit einem Besenstiel-dicken Haselnuss-Stamm, dessen Metallspitze sie während der Fahrt abwechselnd links und rechts in den Schnee stemmt: «Wenn’s den Steckn net hast zum Bremsn, dann geat gor nix!»

Entstanden ist der «Nostal-Ski»-Trend in Leogang aus einer Faschingslaune heraus, erzählt Rupert Grundner, der Organisator des Rennens: «Damals, 2003, sind wir mal mit alten Klamotten und auf den Latten unserer Vorväter im Skigebiet unterwegs gewesen und wurden überall bestaunt. Da haben wir’s einfach mal versucht und ein Rennen wie zu Opas Zeiten organisiert.» Es war gleich ein grosser Erfolg und wird seitdem ausgerichtet vom Verein «Anno 1900». Als grosse Gaudi für Zuschauer und Teilnehmer – vor allem, wenn Starter wie die Ortner-Erni kurz hinter der Edelweiss-Schanze stürzen und unter grossem Hallo auf dem Hosenboden ins Ziel rutschen. Passiert mir nicht, hat sich der Untermoser-Erich geschworen, fegt den Schantei-Hang als Letzter runter, um unten der Erste zu sein – mit Tagesbestzeit und einem kräftigen Belohnungs-Obstler aus dem Publikum.

Szenenwechsel nach Wagrain im Pongau, eine gute Autostunde östlich von Leogang: An der Mittelstation bei der Franzl-Alm fachsimpelt der Norwegerpulliträger – die Holzlatten im Arm – mit dem Pudelmützenträger, beide noch etwas ausser Puste, denn aufrechte Nostalgiker wie sie verschmähen nicht nur beheizte Sessellifte mit Windschutz, sondern alles, was den Skifahrer auf Berge gondelt, zieht oder schiebt. Man kraxelt bitteschön auf die Höhe, von der man talwärts zu kurven gedenkt.

Doch vor der Abfahrt müssen all die pittoresken Teilnehmer hier sogar auf den Laufsteg und präsentieren stolz ihre Ausrüstung – von Kniebundhosen bis zur quietschenden Klappbindung auf den Ski. Der Grund: Je authentischer und historischer die Ausrüstung, desto mehr Punkte gibt’s, und mit denen können die Nostalgiefahrer in der Endwertung die eine oder andere auf der Strecke verlorene Sekunde ausgleichen. Hans Müller vom Salzburger Skimuseum ist immer wieder begeistert: «Unwoahrschainlich, wos do für Ekschponate dobei san!»

Auf die Frage «Wer hat’s erfunden – das Nostalgie-Skifahren?» müssen schweizerische Brettl-Oldie-Fans für dieses Maleinräumen, dass es ganz klar ihre lieben österreichischen Nachbarn waren. Aber auf die Frage, wer es jeden Winter am längsten treibt, gibt es seit 2010 eine ebenso klare Antwort: Kandersteg im Berner Oberland. Denn dort zieht man Ende Januar gleich eine ganze Nostalgiewoche auf. Das historische Skirennen ist darin nur ein Höhepunkt – neben dem Belle-Époque-Ball im altehrwürdigen Hotel «Victoria Ritter», halsbrecherischen Fahrten auf historischen Schlitten und Curling-Turnieren.

Kanderstegs Geschäfte machen ebenfalls mit, der Supermarkt wird zum «Konsum», Schaufenster sind dekoriert wie vor 100 Jahren und preisen «WCPapier jetzt in Rollen erhältlich» an. Die Bäckerei Rohrbach backt Kartoffelbrot, im Tea Room Marmotte gibt es BelleÉpoque-Schokolade. Und damit Touristen in Thermo-Skikleidung von heute nicht optisch völlig aus dem Rahmen fallen, empfiehlt der Ort auf seiner Website Kostümverleiher, bei denen man passende Belle-Époque-Fummel borgen kann.

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