Von Silvia Schaub

«Dieser Prinz passt nicht hierhin», meint Roland Scholl leicht indigniert, als wir ihm gestehen, nur Hubertus von Hohenlohe, den Ski fahrenden Adelssprössling und Künstler, aus der Regenbogenpresse zu kennen. Ansonsten hätten wir von der gleichnamigen Region in Baden-Württemberg keine Ahnung. Das war ein Tritt ins Fettnäpfchen. «Unsere Fürsten sind viel zurückhaltender», meint der diplomierte Natur- und Landschaftsführer. Zum Namedropping kommt Scholl auch ohne den Prinzen, während er uns durchs Hohenlohe-Land kutschiert. In Forchtenberg, wo einst Sophie Scholl, Widerstandskämpferin der Gruppe «Weisse Rose», lebte. Oder in Jagsthausen, wo Goethes Götz von Berlichingen sein Unwesen trieb.

Bestimmte Ecken erinnern an die Toskana. Einen Unterschied machen wir allerdings gleich zu Beginn aus. In Hohenlohe bewegt man sich nicht im Pulk von Hunderten von Touristen. «Das ist auch gut so», meint Roland Scholl. «Unsere Region ist etwas für Entdecker.» Zu entdecken gibt es in der Tat einiges. In dieser Gegend wimmelt es von zauberhaften kleinen Städtchen mit Fachwerkhäusern, Klöstern sowie Burgen und Schlössern. Nicht umsonst geht der Spruch: «In jedem Nescht a Schlouss». Auf jedem Hügel, in jedem Dörfchen steht eines, dass uns bald Sturm wird ob all der Namen und Verwandtschaftsverhältnisse, die Scholl nur so aus dem Ärmel schüttelt.

Der ehemalige Siemens-Manager, nun Pensionär und Student der Kulturwissenschaften, ist ein Glücksfall für uns. Denn er führt uns auch gleich in die Mentalität der Hohenloher ein: «Wir sind ein friedliches, pfiffiges – und schlitzohriges Völkchen.» Die Kleinteiligkeit des Landes durch die Erbteilungen der Fürstenlinien habe dazu geführt, dass man sich untereinander gut verstehen müsse, erklärt er mit einem süffisanten Lächeln. Vielleicht auch, weil man es sich vor noch längerer Zeit nicht mit den Römern und Barbaren verscherzen wollte. Die waren nämlich in der Gegend sehr präsent, wie der Limes bezeugt, der Grenzwall, den alle aus der Schule kennen, aber noch nie gesehen haben. In Zweiflingen begegnet er uns dann wahrhaftig. Im Wald «Pfahldöbel» ist auf 270 Meter Länge der am besten erhaltene Abschnitt des Obergermanisch-Rätischen Limes zu sehen. Vielmehr als ein Erdwall und ein paar Steine sind aber nicht mehr auszumachen.

Hingegen sehen wir in bald jedem Dorf eine Art modernen Limes: farbige Stelen aus Holz. Sie weisen auf die baden-württembergische Landesgartenschau 2016 hin, die in diesem Jahr in Öhringen stattfindt. Landschaftsarchitekt Roland Steinbach führt uns durch den historischen Hofgarten im Schloss mit den Hainbuchalleen und der prächtigen Parkkulisse mit 300-jährigem Baumbestand. Die historischen Gewächshäuser, die alte Orangerie und das barocke Hoftheater wurden restauriert. Hochbeete im Generationengarten laden zum Verweilen ein. Das Tiergehege mit Streichelzoo und Voliere erstrahlt im Glanz eines neuen Lärchenholz-Baus. Noch ist nicht alles für die Grossveranstaltung bereit. Die Tanzlinde ist noch im Aufbau, wie auch das Trauzimmer, ein besonderer Gartenraum mit Gelegenheit zum Heiraten.

Uns zieht’s nun aufs Land hinaus, das der Dichter Eduard Mörike so beschrieben hat: «Idyllisch, voll Poesie, eine besonders zärtlich ausgeformte Hand voll Deutschlands.» Geologisch ist Hohenlohe eine Muschelkalkebene. Bei Pfedelbach, Öhringen oder Bretzfeld wird sie überragt von einer welligen Keuperschicht, an deren Hängen Weinberge angelegt sind. «Der Boden ist hier leicht, bröselig wie grober Sand und sehr mineralhaltig», erklärt uns Scholl. Kein Wunder bringt das Hohenloher Land besonders geschmackvolle Weine aus teils einheimischen Trauben wie Trollinger, Lemberger oder Dornfelder hervor. Besonders im Herbst geben die Farben der Weinreben ein wunderbar buntes Bild ab.

Dort, wo die Steillagen nicht mehr bewirtschaftet werden, gehören Trockenmauern, kleine Stufen und lang gestreckte Steinriegel zum typischen Landschaftsbild. Unten im Tal mäandern die Neckarzuflüsse Kocher und Jagst durch die Landschaft und laden zu Radtouren auf 330 Kilometern ein. Dazwischen liegen weite Weiden, dichte Wälder und liebliche Streuobstwiesen mit Apfel-, Zwetschgen-, Birnen- und Pfirsichbäumen. Sie liefern den «Rohstoff» für Most und Schnaps und weisen auf die reichen kulinarischen Schätze hin, die diese Gegend bietet.

Und die gibt es von «Apfel bis Zebu», wie die Touristikgemeinschaft Hohenlohe verspricht. Darunter das Bœuf de Hohenlohe oder Angus- und LimousinRind. Und das Schwäbisch-Hällische Landschwein, das «Mohrenköpfle». Die beinahe ausgestorbene Schweinerasse erlebt gerade eine Renaissance. Sterneköche wie Sebastian Wiese vom «Alten Amtshaus» in Ailringen oder Boris Benecke vom Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe in Zweiflingen setzen diese Delikatessen wieder auf ihre Karte.

Wer weitere heimische Produkte geniessen will, muss unbedingt einen Zwischenhalt auf dem Hofgut Hermersberg einlegen. Ein bisschen wie in einem Tante-Emma-Laden fühlt man sich im Demetershop von Markus Brust. Da gibt es Fleisch von Limousin-Rindern oder Nudeln aus blauem, samtigem Dinkel und vor allem Backwaren aus der eigenen Bäckerei. Jeden Freitag und Samstag wird zudem das Backhaus aus dem Jahr 1790 in Betrieb genommen und die weitum bekannten Holzofenbrote gebacken. Seit fast 30 Jahren wird das Hofgut nach biologisch-dynamischen Grundsätzen geführt.

Möglich macht dies ein Mann im Hintergrund, um den man in Hohenlohe nicht herumkommt: Reinhold Würth, Besitzer des gleichnamigen Schrauben-Handelsunternehmens. Der Milliardär ist nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein leidenschaftlicher Hotelbesitzer. Ein Juwel in dieser Sammlung ist das Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe, das inmitten einer 44 000 m² grossen Parklandschaft liegt. Die grosszügigen Zimmer und Suiten in verschiedenen Gebäuden laden zum Ausspannen ein. Wer sich aktiv betätigen will, tut dies zum Beispiel auf dem hauseigenen Golfplatz. Wer noch mehr Entspannung sucht, findet im 5-Sterne-Superior-Haus ein ausgesuchtes Wellness-Angebot, das schon mit diversen Awards ausgezeichnet wurde.

Genauso leidenschaftlich wie Würth die Hotels betreibt, sammelt er übrigens Kunst. Über 15 000 Werke soll seine Sammlung umfassen. Manche Bilder und Skulpturen sind in den eigenen Hotels zu bestaunen, die meisten aber in wechselnden Ausstellungen in der Kunsthalle in Schwäbisch Hall – einem modernen Bau, der gekonnt ins Stadtbild eingepasst wurde. Das mittelalterliche Städtchen ist mit seinem wunderschönen Marktplatz, dem barocken Rathaus und der Kirche St. Michael sowieso einen Besuch wert. Am besten im Sommer, wenn auf der grossen, davorliegenden Treppe die Freilichtspiele stattfinden.

Gerne hätten wir hier länger verweilt, doch Roland Scholl mahnt zur Weiterfahrt. «Noch einen Höhepunkt habe ich», frohlockt er. Ohne den Besuch von Schloss Langenburg sollte man das Hohenlohe-Land nicht verlassen. Es ist schon fast dunkel, als wir unser Ziel erreichen. Hoch über dem Flüsschen Jagst thront das Schloss, dessen Renaissance-Innenhof zu den schönsten Deutschlands gehören soll. Seit Generationen ist es die Residenz der fürstlichen Familie zu Hohenlohe-Langenburg, beherbergt aber auch das deutsche Automuseum oder eine rund gebaute Kapelle sowie Kuriositäten wie einen Hundefriedhof oder eine Holzbibliothek, welche die Bäume des Geländes dokumentiert. Eben huscht eine freundlich grüssende Frau vorbei, ihr Töchterchen an der Hand, und verschwindet hinter einer Tür. «Das war übrigens Fürstin Saskia, die hier residiert», sagt unser Reiseführer. Sie sind wirklich zurückhaltend, die Hohenloher Fürsten.

Die Autorin reiste auf Einladung von Tourismus Baden-Württemberg und dem Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe.

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