Die Kanarischen Inseln stehen für Badeferien und Massentourismus. Doch wer nur die Strände in Las Americas und Los Cristianos mit dem berühmten schwarzen Sand kennt, weiss nichts von Teneriffa. Denn gleich hinter dem Küstenstreifen erhebt sich steil das vulkanische Gebirge. Am Meer scheint die Sonne, es herrschen das ganze Jahr gleichmässige klimatische Bedingungen bei angenehmen subtropischen Temperaturen. Blickt man dagegen in Richtung der Berge, verdecken oft Wolken die Höhenzüge.

Teneriffa hat unzählige Klimazonen, die sich je nach Höhe unterscheiden. Bei unserem Trip durch die 80 Kilometer lange und bis zu 50 Kilometer breite Vulkaninsel erwartet uns hinter der Bergkette des Anaga-Gebirges im Nordosten eine dicke Wolkenschicht. Es nieselt, es ist feucht und frisch. Nichts von ewiger Sonne. Einige der Dörfer hier stecken bis zu 300 Tage pro Jahr im Nebel, erzählt der Reiseleiter. Erst im beschaulichen Küstendorf Taganana, eine der ältesten Siedlungen Teneriffas, setzt sich die Sonne wieder durch.

Höhepunkt ist die Fahrt durch die imposante Kraterlandschaft bis zum Fuss des Pico del Teide. Das karge Gebiet um den mit 3718 Metern ü. M. höchsten Berg Spaniens wurde 1954 zum Nationalpark ernannt und gehört seit 2007 zum Weltnaturerbe der Unesco. Wir stossen durch die dicke Nebeldecke, wo uns die strahlende Sonne über der majestätischen Bergspitze empfängt. Glücksgefühle machen sich in der Reisegruppe breit. Die Fotoapparate werden gezückt. Eine Seilbahn fährt bis rund 150 Meter unter den Gipfel des stolzen Schichtvulkans, wo es noch ganz kleine Schneefelder hat. Wir wähnen uns in einer Mondlandschaft. Kein Wunder, sind hier unzählige Science-Fiction-Filme gedreht worden. Ein einmaliges Naturerlebnis.

Reine Natur abseits der grossen Touristenströme erwartet uns auch auf der Schwesterinsel La Gomera. Sie ist mit der Fähre vom Hafen von Los Cristianos auf Teneriffa in gut 35 Minuten erreichbar. Die Fähre der Reederei von Fred Olsen rast dabei mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern über den Atlantik. Der Norweger ist für die Geschichte dieser mit einer Fläche von 369,76 Quadratkilometern zweitkleinsten Insel des kanarischen Archipels von entscheidender Bedeutung. Er war es, der ab 1974 mit seinen Schiffen La Gomera anpeilte und damit für die rund 18 000 Einwohner das Tor zur Welt öffnete.

Vorher gab es kaum Verbindungen zur Aussenwelt. «Bis 1952 lebten die Bewohner in Leibeigenschaft der spanischen Grossgrundbesitzer», erzählt Gordo, der süddeutsche Reiseleiter. Es war ein feudales System, es gab keine Schulen, und die Gomeros durften nicht auswandern. Sie konnten es auch nicht, denn nur Bananenschiffe legten dann und wann im Hafen von San Sebastián an – und Christoph Kolumbus. Der berühmte Seefahrer und Entdecker machte hier seine letzte Zwischenstation, bevor er am 6. September 1492 zu seiner Reise nach Indien aufbrach und schliesslich Amerika entdeckte. Deshalb wird die Insel auch «La Isla Colombina» genannt.

Weshalb La Gomera? Gordo führt uns durch die Altstadt, auf den Spuren von Kolumbus. «Es war die südlichste Insel vor der Überfahrt», erklärt er. Es war die letzte Gelegenheit, um sich für die lange Reise mit Gütern, Nahrung und Wasser einzudecken. Gerüchte besagen, dass Kolumbus ein Verhältnis mit der damaligen Herrscherin Beatriz de Bobadilla gehabt haben soll. Seine Abreise habe er auf jeden Fall länger als notwendig hinausgezögert.

Gesichert ist, dass die Herrscherin den Seefahrer bei der Reparatur eines seiner Schiffe finanziell unterstützte. Ausserdem soll Kolumbus den amerikanischen Kontinent mit Quellwasser aus einem Brunnen im Innenhof der Casa de la Aguada von San Sebastián gesegnet haben.

«Wer touristischen Trubel sucht, ist auf La Gomera falsch», betont Gordo. Man spürt, dass er seine Insel liebt und gerade die Ruhe und Abgeschiedenheit schätzt. Seit 27 Jahren lebt er hier, im Dorf Aguna mit seinen 1700 Seelen. «Es ist ein Dorf im Dauerschlaf», sagt Gordo und schmunzelt. Und doch hat La Gomera touristisch einiges zu bieten. In der Mitte der Insel liegt der Garajonay-Nationalpark, ein Unesco-Weltnaturerbe mit Nebelwäldern, einer aussergewöhnlichen Artenvielfalt und einem der grössten und schönsten Lorbeerwälder. Ein Zauberwald, den man erlebt und durchwandert haben muss. Ein Wald wie aus einem Fantasyfilm.

In den 70er- und 80er-Jahren waren Hippies die Ersten, die sich von La Gomera hingezogen fühlten. Das Valle Gran Rey wurde vorübergehend zu einem bevorzugten Aussteiger-Ort. Heute ist die Insel in erster Linie ein Wanderparadies. Unendlich viele Routen führen durch die von unzähligen Tälern zerklüftete Vulkaninsel und durch die unberührte fantastische Naturlandschaft.

Die Ureinwohner, die Guanchen, wurden nach der Eroberung durch die Spanier 1404 versklavt und übernahmen die spanische Sprache und Kultur. Heute findet man nur noch wenige Reste dieser Ur-Sprache. Gehalten hat sich aber die einzigartige Pfeifsprache El Silbo, die die Ureinwohner zur Verständigung in den weiten Tälern und den zerklüfteten Berglandschaften entwickelten. Die Spanier übernahmen die Pfeifsprache sogar und verfeinerten sie. Seit 1982 ist sie auf der Unesco-Liste der Weltkulturgüter und seit 1999 Pflichtfach an der Grundschule.

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