Sechs Uhr, mitten in der Wüste, erste Sonnenstrahlen fluten die Hügel. «Ein weiterer schöner Tag in Afrika», sagt Ranger Arnold mit ausgebreiteten Armen. Wir stehen vor dem Hoanib Camp im Skeleton Coast Park, in Namibias Nordwesten.

Arnold dreht den Zündschlüssel des Jeeps und blickt über seine Schultern nach hinten: «Mal sehen, welche Abenteuer heute auf uns warten.» Hier schreiben Natur und Tierwelt ihre eigenen Gesetze. Hier ist es der Mensch, der sich anpassen und unterordnen muss.

Arnold fährt los. An sandig-steinigen Landschaften vorbei, die an ein Land vor unserer Zeit erinnern. Antilopen erwachen langsam aus dem Schlaf. Giraffen trotten unbeeindruckt über die einfache Sandstrasse. Arnold fährt im Schritttempo durch das ausgetrocknete Flussbett des Hoanib River, wo grüne Bäume einen surrealen Kontrast zu den Grau- und Brauntönen der Bergketten bilden.

Via Funkspruch erfährt unser Fahrer und Guide, dass sich ganz in der Nähe Wüstenlöwen aufhalten. Eine Seltenheit. Viel mehr noch: Es ist wie das Finden einer Nadel im Heuhaufen. Denn den Wüstenlöwen – die sich im Gegensatz zu den bekannten Löwen komplett an diese Region und Witterung adaptiert haben – stehen die ganzen Weiten des Landes uneingeschränkt zur Verfügung.

«Pssst!», flüstert Arnold und hält sich den Zeigefinger vor die Lippen. Ab jetzt heisst es leise sein. Keine ruckartigen Bewegungen mehr, kein Aussteigen. Aus der Ferne zeichnen sich erste Konturen ab. Der tonnenschwere Jeep bahnt sich seinen Weg nun fast geräuschlos durch Sand und Gras.

Arnold streckt erneut den Zeigefinger und zählt fünf Wüstenlöwen, die sich entspannt in der Morgensonne räkeln. Am Horizont bauen sich weitere Silhouetten auf. Zuerst eine, dann zwei, am Ende kristallisieren sich aus den immer mehr werdenden Umrissen nicht weniger als 14 Elefanten heraus, die sich seelenruhig durch die Gegend bewegen. «Solche Momente sind unglaublich», strahlt unser Guide. Selbst für jemanden wie ihn haben solche Szenen Seltenheitswert, weil hier nichts plan- und vorhersehbar ist.

In Namibia ist man dankbar für diese Geschenke der Natur. Die Menschen sind sich genau bewusst, was man an dieser einzigartigen Vielfalt hat. Als der Staat am 21. März 1990 unabhängig wurde, dauerte es nur drei Jahre, bis das erste Naturschutzgebiet entstand. 1996 waren es bereits 44.

Unter der 4-C-Leitphilosophie «Commerce – Culture – Conservation – Community» (Kommerz – Kultur – Naturschutz, Gemeinschaft) versuchen viele Camps und Lodges im Land, die vier Faktoren in Einklang zu bringen, um eine optimale Balance zwischen kommerziellem Profit durch Tourismus und einem artgerechten Naturschutz zu erreichen. Alles erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung in den jeweiligen Regionen.

Vorzeigeprojekte, die nach den vier C funktionieren, gibt es viele. Eines davon ist die Konzession von Wolwedans im Süden Namibias. 160 000 Liter Wasser werden hier täglich aus 170 Metern Tiefe an die Oberfläche gepumpt – und das mitten in der Wüste. Seit 1992 hat sich der unterirdische Wasserspiegel nicht verändert.

Seine immensen Ressourcen machen die Lodge zum Selbstversorger: Es gibt eine eigene Wäscherei, einen eigenen Kräuter- und Gemüsegarten und eine umweltgerechte Abfalltrennung. Einmal pro Woche nimmt ein Lastwagenfahrer die sechsstündige Fahrt aus der Hauptstadt Windhoek nach Wolwedans auf sich, um den Abfall mitzunehmen. Die mittlerweile 72 Mitarbeiter, in den ersten Jahren waren es rund 20, wurden an der hauseigenen Schule ausgebildet und stammen aus der Region. Diese kostspielige Exklusivität kommt auch bei den Prominenten gut an – Angelina Jolie und Brad Pitt waren bereits drei Mal als Gäste hier.

12 Uhr. Zurück im Hoanib Camp, das ebenfalls nach den vier C geführt wird. Philip «Flip» Stander blättert mit zusammengezogenen Augenbrauen durch ein Buch mit Löwen. «Wie kann ein Typ, der fast nie in solchen Gegenden war, ein solches Buch schreiben?», fragt er spöttisch in die Runde und schüttelt den Kopf.

Wenn einer weiss, wovon er spricht, dann Flip. 1998 gründete der Namibier das «Desert Lion Conservation Project» zum Schutz der seltenen Wüstenlöwen. Er war es auch, der ein paar Stunden zuvor die Löwen unweit des Camps aufgespürt hatte. Tag für Tag, Nacht für Nacht filmt, fotografiert und protokolliert Flip die Löwen in der Region. Seine Eindrücke und Erfahrungen hält er bis ins kleinste Detail auf seiner eigenen Website fest – tagtäglich. Alles von seinem Jeep aus, der mit einer Antenne auf dem Dach auch in den abgelegensten Winkeln Internetanschluss garantiert. Seit drei Jahren lebt er nur noch im umfunktionierten Jeep, der Wohn-, Arbeits- und Forschungseinrichtung in einem ist. «Immer wieder ins Camp zurückzufahren, hätte wertvolle Zeit gekostet», sagt er kurz und knapp.

Seine bedingungslose Verbundenheit mit Natur und Tier lässt sich eindrücklich an Zahlen ablesen. Dank Flips Aufklärung in der Region – vor allem bei Farmern, welche die Raubtiere aus Angst meist erschossen – stieg die Population von Wüstenlöwen im Nordwesten Namibias in den letzten 18 Jahren von 15 auf 180.

Ähnliche Projekte gibt es mit «Save the Rhino trust» bei Nashörnern. Auch dort steigt die Anzahl der Schwarzen Nashörner kontinuierlich. So gab es zwar Ende Oktober nach 20 Jahren erstmals wieder Fälle von Wilderei, doch alle Täter wurden umgehend geschnappt, vor allem von der Zivilbevölkerung. Zum Anfang des Jahres fing die namibische Polizei ausserdem zwei Chinesen am Flughafen in der Hauptstadt ab, die mit gewilderten Nashorn-Hörnern zurück in die Heimat fliegen wollten. Beide sitzen im Gefängnis. In Namibia zählt das Wildern zu den fünf schwersten Verbrechen überhaupt, entsprechend drastisch sind die Strafen.

18 Uhr. Arnold bittet noch einmal in seinen Jeep. Wieder blickt er über seine Schulter und sagt augenzwinkernd: «Wer weiss, was wir diesmal sehen?» Während der Fahrt geht die Sonne langsam unter, Sträucher und Gräser werden ein letztes Mal in Gold gehüllt.

Elefanten-Familien geniessen das Essen in der Abendsonne. Die Löwen aber sind längst verschwunden. Wohin, weiss niemand. Sie könnten überall sein. Nichts ist planbar, nichts vorhersehbar. Wenn in ein paar Stunden die Sonne wieder aufgeht, fangen die Abenteuer von vorne an. Mit einem weiteren schönen Tag in Afrika.

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