Von Alexandra Fitz

Achtung, Olivenbaum», ruft die Reitlehrerin nach hinten. «Reitet nicht zu nah an den Rebstöcken vorbei», warnt die junge Zürcherin erneut. Gleichzeitig sollte man darauf achten, dass die Pferde nicht von den leckeren Sangiovese-Trauben naschen – schliesslich sollen die mal einen guten Chianti geben.

Wir sind in der Toskana. 20 Minuten östlich von Florenz. Mit dem Zug sind wir im kleinen Ort Pontassieve angekommen. Raimonda – passend in schwarzer Bluse mit weissen Pferden – hat uns mit dem Auto abgeholt. Nach dem Dorf ist sie links abgebogen, um in ein Tal hochzufahren. Noch eine letzte scharfe Kurve auf der Schotterstrasse und wir sind da. Willkommen in Vallebona. Einem Reiterhof mitten in der Toskana. Ein typisches Landhaus aus Stein, umgeben von silbergrünen Olivenhainen und Weinreben, so weit das Auge reicht.

Gibt es eine bessere Fortbewegungsmöglichkeit als ein Pferd, um die malerische Landschaft der Toskana zu entdecken? Bereits bei der Ankunft glauben wir, die Antwort zu kennen. Spätestens als wir im Sattel sitzen und nach ein paar Instruktionen auf dem Reitplatz das erste Mal ins Gelände reiten, wissen wir es mit Sicherheit: Nein!

«Anschnallen, Hoppi Galoppi!»
Hoch den Hügel, runter das Tal, den Fluss entlang und immer wieder durch Weinreben und Olivenhaine. Wir sitzen so hoch, dass wir unsere Arme strecken und Feigen von Ästen holen können. Aber immer schön mit dem Vierbeiner teilen. Die Pferde von Vallebona wissen genau, was los ist, wenn der Reiter anhält und es im Baum raschelt.

Sie drehen dann den Kopf nach hinten und warten, bis man ihnen den Rest der Frucht hinhält. Auf unseren Touren treffen wir auf Rehe, Wildschweine, Hasen und Fasane. Eine Gruppe sichtet sogar einen Wolf! Wir reiten hoch zu einem Aussichtspunkt, und weil der Himmel an diesem Tag so klar ist, sehen wir bis nach Florenz. Ganz weit weg erkennen wir die Kuppel des Doms. Wir kommen an kleinen Bauernhöfen vorbei, an schönen Gärten und hoffen jedes Mal, dass einer ruft: «Aperitivo?» Mit dem Pferd einkehren, das hat man uns versprochen. Wir bestreben das Reitprogramm «Intensiv». 2 Stunden reiten vormittags, 2 abends. Dazwischen Pferde auf der Koppel holen, striegeln und satteln. Intensiv eben.

In den Reitstunden üben wir richtig angaloppieren, Richtungswechsel im Trab und Quadrillen, die vor allem die Reitlehrer amüsieren, da meist alles, wie sie sagen, im «Pferdesalat» endet. Und draussen, in den Hügeln und Tälern der Toskana, galoppieren wir viel. Zweifelsohne die Lieblingsgangart aller. Bevor es losgeht, dreht sich Esther – eigentlich Veterinärmedizinerin, aber seit den Ferien in Vallebona als Kind Fan und nun seit fünf Jahren auf dem Hof – zur Gruppe um und sagt: «Wir machen nochmals ein Hoppi Galoppi.» Dabei hält sie ihren rechten Zeigefinger in die Höhe und lässt ihn kreisen. Die Pferde merken das und gehen zügiger. Die Reiter grinsen vor Freude. «Anschnallen!», ruft sie und meint: Zügel kürzer, wer will die zweite Hand an das Sattelhorn. In Vallebona reitet man Western. Und los gehts: Völlige Konzentration, totales Glücksgefühl.

Geschafft und glücklich
Da wissen wir noch nicht, dass es am nächsten Tag gar einen «Hoppo Galoppo» gibt. Also eine sehr lange Galopp-Strecke. Dafür öffnet sie einen hohen Zaun, der sich einmal rund um einen Weinberg erstreckt. Wir reiten hinein und warten auf Anweisungen. Ob man das darf, fragen wir uns. Aber dafür ist keine Zeit. Bereit machen. «Kurven ausreiten, lenkt eure Pferde nach aussen.» Wir schnalzen und drücken unsere Beine fest an den Pferdekörper. Ein irres Gefühl. Das Herz rast, die Haare kleben unterm Helm. Abends, zurück auf dem Hof, sind wir geschafft. Und glücklich.

Schnell pendelt sich auf dem Reiterhof ein Rhythmus ein. Kaum haben wir die Pferde abgesattelt, mit dem Schwamm ein wenig ihr Fell geputzt und sie auf die Weide gebracht, laufen wir hoch zum Landhaus und holen ein kaltes Zwei-Deziliter-Fläschchen Birra Moretti. Was man aus dem Kühlschrank nimmt, trägt man in eine Liste ein. In der einfachen Herberge herrscht das Vertrauensprinzip.

Nachmittags erholt man sich. Zugegeben, man merkt es auch an der einen oder anderen Stelle und ist froh um ein Mittagsschläfchen. Zwei Kilometer entfernt kann man sich am Privatpool mit atemberaubendem Blick erholen. Wer eine Auszeit vom Reiten will, kann die Städte Florenz, Siena oder Arezzo besichtigen – alle nicht weit entfernt. Oder Chianti im bekannten Rufina degustieren. Schliesslich ist die Gegend auch kulturell und kulinarisch ein Juwel.

Viel Pasta und viel Chianti
Auch wir werden mit toskanischer Küche verwöhnt. An den langen Holztischen unter der Pergola essen alle gemeinsam. Franco, der Patrone des Hofs, spielt vor jedem Essen auf der Gitarre. Das ist ein Ritual. Dann erklingt die Glocke, das Zeichen für: zu Tisch! Luisa, die Köchin, zaubert zweimal am Tag Pasta. Lecker! Nicht gerade optimal für die Figur. Aber man reitet ja auch viel, und das macht hungrig. Pasta in allen Variationen oder Panzanella, ein typischer Brotsalat aus der Region, sind nur Primi Piatti. Danach gibt es Fleisch mit Gemüse und Salat. Auch mal von den eigenen Schweinen. Auf dem Tisch steht immer hauseigenes Olivenöl. Abends immer noch ein Dessert. Beim selbst gemachten Apfelkuchen können wir nicht mal die Servietten abwarten. Auf den Tischen steht immer reichlich Chianti. Und zwar in der typischen Korbflasche, «Fiasco» genannt. Die strohummantelte Flasche ist der Inbegriff italienischer Weinseligkeit.

Es herrscht familiäre Stimmung auf dem Reiterhof. Beim Essen reden alle miteinander. Die Gäste sind Freunde, Familien oder auch Mutter mit Tochter, die im Mai schon hier waren und denen es so gut gefallen hat, dass sie gleich noch einmal hergefahren sind. Nach Vallebona kommen viele Stammgäste. Das Hochzeitspaar aus Freiburg ist so Vallebona-verliebt, dass es am Tag nach der Hochzeit ins Auto gestiegen und in die Toskana gefahren ist. Ja, auch der Mann findet das super. Er reitet jeden Tag aus – «er ist infiziert», sagt seine Frau. Franco hat den Hof seit 36 Jahren. Die Leute kommen vor allem wegen ihm und seiner Frau Raimonda.

Die Pferdebibel von Vallebona
Nach jedem Essen holt Franco seine Bibel. Die Reit-Bibel. Ein grosses Buch, in Leder eingebunden. Dann geht er von Gast zu Gast und fragt: «Do you ride tomorrow?», «Lezione o passeggiata?» (Reitstunde oder Ausritt?). Er notiert die Wünsche und setzt sich wieder hin. Dann ist er still und macht sich ans Werk. Die Gäste warten gespannt.

Welches Pferd passt zu welchem Reiter? Welche wurden morgens schon bewegt? Welche eigenen sich für die Stunde? Welche harmonieren beim Ausritt zusammen? Franco, der Pferdeflüsterer. Man darf auch Wünsche abgeben, ihm sagen, welches Pferd man gerne einmal reiten möchte. Pferde-Hopping, nennt man es in Vallebona, wenn Gäste einmal auf dem grossen Schimmel Zorro reiten wollen und dann wieder auf dem kleinen Braunen, auf dem es sich sitzt wie auf einem Sofa. 40 Pferde gibt es in Vallebona. Egal, ob Anfänger oder Fortgeschrittner, das Beste ist: Auf diesem Hof darf man gleich ins Gelände. Francos Pferde sind bestens geschult.

Wir kommen wieder. Denn man hat uns versprochen, dass wir mit den Pferden auf einen Aperitivo gehen. Wie toll muss es sein, die Pferde draussen an zubinden wie in den Western-Filmen, imaginär durch eine Saloontüre zu gehen und einen Drink zu bestellen. Und dann noch zu sagen: «Ich bin mit dem Pferd hier, und du?»

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