Wenn wir einen Städte-Trip machen, saugen wir mit Nase, Augen und Ohren im Sekundentakt Eindrücke ein.

In Chinatown rümpfen wir die Nase ob des Fischwassers, das über die Strassen in die Gullis sickert. In der Market Street horchen wir auf, wenn Sirenen der Feuerwehr- und Polizeiautos schrillen und uns an Action-Filme erinnern. Wir vergleichen die Umgebung mit zu Hause. Mit der Summe der Impressionen und Ereignisse machen wir uns ein Bild von einem Ort und bewerten ihn. Fragen uns manchmal gar: «Könnte ich hier leben?»

Zu Hause erzählen wir, zeigen Bilder. Fragen Sie sich auch manchmal: Wenn ich diesen Ort mit einem Wort beschreiben müsste, welches wäre es? Berlin mit «hip», Zürich mit «schön»? Dann wäre San Francisco – die Stadt an der Westküste der USA – wohl mit «cool» zu bewerten.

Hier leben echte Charaktere. Die Stadt strotzt vor Kreativität und Energie. In der viertgrössten Stadt Kaliforniens und nach New York US-Grossstadt mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte pulsiert an jeder Ecke Leben. Ihre Bewohner sind tolerant, innovativ, hip und technisch versiert. Die Stadt begeistert weniger mit imposanten Hochhäusern als vielmehr mit Quartieren, die alle ihren eigenen Charme haben. Die vielen Hügel (rund 50) bescheren einem spektakuläre Ausblicke. Es ist sympathisch, dass in der Innenstadt klapprige Busse und ein Nostalgie-Tram (Linie F, Market Street) herumtuckern, obwohl sie ans Silicon Valley grenzt, den Nabel der Digitalisierung und des Hightech.

Und erst die Cable Cars, die von «conductor» und «gripman» (Fahrer) gesteuert werden. Ab aufs Trittbrett und die California und Powell Street rauf- und runterrattern. Der Wind zerzaust einem die Haare, bis man dem Fahrer zuruft: «Next Stop Please!». In Castro erkennt man, was «tolerant» heissen kann. Hier im Gay-Viertel wehen die Regenbogen-Flaggen das ganze Jahr über.

Noch immer zehrt die Stadt vom «Sommer of Love». Obwohl keine Blumenkinder mehr auf den Trottoirs hocken, leben noch immer viele Freidenker in der Stadt. Es sollen sich über 1000 verschiedene Volksgruppen in der Stadt versammeln. Jeder Stadtteil steht für eine bestimmte Nationalität. Und die Bewohner wollen alle authentisch leben und essen. Man sagt, in San Francisco gäbe es so viele Restaurants, dass alle Einwohner gleichzeitig ausgehen könnten und jeder Platz fände. San Fran ist das Mekka der Foodies.

In Frisco weht eine frische Brise
«Cool» ist San Francisco aber auch im ursprünglichen Wortsinn. In der Stadt an der Bucht ist es für kalifornische Verhältnisse oft frisch. Wer im Sommer nach Kalifornien reist, erwartet sportliche Leute, die in Shorts dem Strand entlang joggen. Doch in Frisco – obwohl die stolzen Bewohner diese Bezeichnung für ihre Stadt nicht allzu gerne hören, passt der Terminus gut zum Klima – weht oft ein Lüftchen vom Meer her. Daher kleiden sich die San Franciscans in Schichten und haben immer ein Jäckchen als Back-up dabei.

Am wärmsten ist es im September und Oktober, während des Indian Summer. Aber viel wärmer als 20 Grad wird es auch dann nicht. Im Sommer hat in San Francisco vor allem einer das Sagen: der Nebel. Morgens fröstelt die Stadt fast immer unter einer Nebeldecke. Warme Luft aus dem Inland trifft auf kalte Meeresluft, und so entsteht über der San Francisco Bay Nebel.

Zum Glück verflüchtigt sich der «Fog» nachmittags meist, dann kämpft sich die Sonne durch und zeigt sich von ihrer goldenen Seite. Endlich kommt das Wahrzeichen der Stadt zum Vorschein. Die wagemutige Konstruktion, die 67 Meter über dem Meer hängt, ist eigentlich rot. Doch im Sonnenlicht – wenn der Nebel dann mal weg ist – strahlt sie wirklich golden. Die 2,7 Kilometer lange Fahrt geniesst man am besten auf dem Velosattel. Die Autos rauschen vorbei, der Wind reisst einem fast den Lenker aus den Händen, doch das Gefühl auf dem mächtigen Stahlding ist unbeschreiblich. Man blickt auf die Skyline der City und ehrfürchtig auf die berüchtigte Gefängnis-Insel Alcatraz in der Bay.

Drüben angekommen, düst man den Hügel hinunter, um im mondänen Hippie-Städtchen Sausalito zu flanieren, bevor man auf der Ferry samt Velo wieder in die Metropole schippert. Man legt am Fisherman’s Wharf an und befindet sich am Pier 39 mit Souvenir-Shops und den faulen Seelöwen im touristischen Epizentrum. Disney Land. Und murmelt bei all dem Kitsch: «Typisch Amerika.»

Authentischer und weit entzückender sind die die vielen Quartiere mit ihren Bewohnern. Wer die «Hauptstrasse» (Market Street) zwischen den Wolkenkratzern entlang gelaufen ist, macht sich auf alle Seiten in die unterschiedlichen Stadtteile auf. Das älteste Chinatown Nordamerikas etwa, Haight-Ashbury, hatte seine Blütezeit im Summer of Love, und trotzdem zeugen die bunten, schönen Häuser noch von der Flower-Power-Zeit. North Beach ist die Heimat der Italiener.

Der trendy Mission District
Spannend und aufstrebend ist der Mission District. Es ist ein wenig absurd, dass der erste und älteste Stadtteil Friscos die Quelle aller neuen, hippen Dinge ist. Mission – früher Lateinamerika im Kleinen genannt – ist eigentlich Heimat der Lateinamerikaner und der spanischen Sprache.

Heute erobern Hipster die Gegend um die Mission und Valencia Street. Hier futtert man die leckersten Burritos, bestaunt Graffiti-Wände um die 24th Street und gönnt sich ein Eis bei «Bi-Rite Creamery», gemäss dem Reiseführer «San Francisco for the young, sexy and broke» die berühmteste Eisdiele. Wer aufgrund der roten Absperrbänder denkt, es handle sich um einen VIP-Club, hat noch nicht erkannt, dass Amis für alles Schlange stehen. Auf Kreationen wie Caramel-Seasalt und Roasted-Banana wartet man geduldig. Um sich dann im Mission Doleres Park zwischen Palmen mit Blick auf die Skyline auszuruhen.

Die amerikanische Küche fällt uns gewiss nicht als Erstes ein, wenn wir an feine Speisen aus aller Welt denken. Klar mögen wir alle mal Burger und Fritten – aber immer Fast Food kann es dann doch nicht sein. Frisco ist anders, San Fran ist ein Food-Mekka. Alleine wegen der Kulinarik lohnt es sich, an die Bay Area zu pilgern. Die Vielfalt liegt vor allem an den vielen Einflüssen – die Mehrheit der 840 000 Einwohner ist zugereist, ein Drittel sogar von ausserhalb der USA. Obwohl sich hier wirklich viel um Essen dreht, achtet niemand in den USA so sehr auf die schlanke Linie und auf gesundes Essen wie die Kalifornier. Healthy Food und Smoothies gibt es hier an jeder Ecke.

Mit weit über 1000 Restaurants ist das Angebot – um es mit amerikanischen Worten zu sagen – einfach «awesome». Auch wenn Europäer und allen voran die zurückhaltenden Schweizer es oft anstrengend und übertrieben finden, wenn Amerikaner lauthals von Dingen schwärmen, hat man trotzdem das Gefühl, dass sich die San Franciscans für ihre Besucher interessieren. Klar, beim locker-flapsigen «Hey, how are you doing?» wissen wir immer noch nicht so recht, ob sie wirklich eine Antwort erwarten. Aber sie sind offen. So kommt es schon mal vor, dass sie aufgrund des Reiseführers auf dem Tisch fragen: «Do you enjoy your stay?» Sie interessieren sich für die Herkunft ihres Gegenübers, wollen wissen wie die Schweiz ist. Hierzulande sind viele von uns dazu zu scheu. – Also ab nach Frisco. Dort gibt’s Inspiration und Energie.

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