«Der alte Park schlummert unter dieser Wiese», weiss Marigret Brass-Kästl und zeigt auf die Grünfläche zwischen den schattenspendenden Baumriesen. Das hört sich geheimnisvoll an. Bei genauem Betrachten entdeckt man tatsächlich, dass der weisse Klee genau dort am üppigsten wächst, wo einst die Wege lagen. Mitte des 19. Jahrhunderts liess sich hier im Park der Villa Lindenhof am Bodensee der Kaufmann Friedrich Gruber von Gärtnermeister Maximilian Friedrich Weyhe einen riesigen Landschaftsgarten samt Nutz- und Blumengarten anlegen.

Dass dieses Idyll heute wieder sichtbar wird, nachdem ein grosser Teil des Parks 1956 in den Besitz der Stadt Lind-au und zur Spielwiese des angrenzenden Strandbads wurde, ist Marigret Brass-Kästl zu verdanken. Die Nachfahrin der ehemaligen Besitzerfamilie des Parks und der Jugendstilvilla gelangte an die ursprünglichen Pläne und hat sich nun mit dem Förderverein Gartendenkmal Lindenhofpark zum Ziel gesetzt, den Garten in den Ursprungszustand zurückzuversetzen. «Es ist alles da, aber niemandem ist es bewusst.»

Der Lindenhofpark ist Teil des Netzwerks «Bodenseegärten – eine Reise durch die Zeit». 13 Parks und Gartenanlagen haben sich darin zusammengeschlossen, um gemeinsam auf sich aufmerksam zu machen. Bekannt ist in dieser Gegend vor allem die Blumeninsel Mainau, die jährlich über 1,3 Millionen Besucherinnen und Besucher anlockt. Natürlich lohnt sich dort ebenfalls ein Besuch, um sich je nach Jahreszeit von den Hunderttausenden von Tulpen, Narzissen, Rosen oder Dahlien, vom Schmetterlingshaus oder den exotischen Bäumen verzaubern zu lassen. Dank dem milden Klima der Bodenseeregion entstanden über die Jahrhunderte weitere Gartenparadiese, die alle ihre Besonderheiten aufweisen: der ehemalige Klostergarten auf der Insel Reichenau, der nach altem Vorbild aus dem «Hortulus», dem ersten Gartenratgeber Europas, angelegt wurde, die Barockgärten auf Schloss Meersburg mit ihren strengen Formen oder das Erlebniszentrum für Naturheilkunde von Dr. Alfred Vogel in Roggwil.

So zeigt sich rund um den Bodensee ein Querschnitt durch die Gartenbaugeschichte ganz Europas: von der Steinzeit über die Antike und das Mittelalter bis in die Gegenwart. Dazu braucht man kaum Distanzen zu überwinden, sondern kann bequem per Schiff, Bus oder Bahn von Garten zu Garten reisen.

Nur ein paar kilometer Luftlinie vom Lindenhofpark entfernt, auf der anderen Seite des Bodensees, liegt ein weiteres Gartendenkmal: das Schloss Wartegg mit seinem klassischen englischen Landschaftsgarten. «Es ist der Park, der dem Schloss seinen Zauber gibt», ist Besitzer Christoph Mijnssen überzeugt. «Solche historischen Gärten geraten leider allzu leicht in Vergessenheit.» Dieses Schicksal soll sein Garten nicht erleiden, schliesslich ist der 150-jährige Park ein Kulturgut von nationalem Rang.

Obergärtner Matthias Thalmann nimmt sich seiner an, hat die überwucherten Wiesen befreit und aus dem Maisfeld einen biodynamischen Schlossgarten angelegt. «Einen Garten für den ganzen Menschen, für Kopf, Herz und Hand», betont der drahtige Gärtner. «Gemüse mit Terroir» pflanzt er hier an, bei dem man den Standort herausschmeckt. Wie etwa die Kartoffeln «Blaue St. Galler», Stangenbohnen «Klapproths lila Schecke» oder Haferwurzeln – alles alte Pro-Specie-Rara-Sorten. Wer Glück hat, bekommt sie im Schlossrestaurant vorgesetzt. Zum Beispiel die Salatkreation «Vierzehn» – eine erfrischende Köstlichkeit aus vierzehn verschiedenen Kräutern und Blättern an einer Sesamvinaigrette.

Unsere Reise führt weiter nach Schloss Arenenberg am westlichen Ende des Bodensees. Hier liess sich Königin Hortense de Beauharnais, die Schwägerin Napoleons I., nach ihrer Vertreibung 1815 ein Schlösschen samt englischem Garten errichten. 2004 begann man die alten Strukturen freizulegen, die zum Teil verfallen und verschüttet waren. Es kamen nicht nur die Wände einer Tuffgrotte, sondern auch Fundamente einer ehemaligen Eremitage zum Vorschein.

Und nun lässt sich wieder lustwandeln in diesem 13 Hektaren grossen Landschaftsgarten wie zu Zeiten von Königin Hortense. Immer wieder öffnen sich durch licht stehende Bäume, über Lichtungen und entlang von Waldrändern neue Blickachsen, die mit Kontrasten von Wasser und Wald, hell und dunkel spielen und hinunter nach Ermatingen, zum Münster Konstanz oder Richtung Paris weisen.

Wenn man den Ausführungen von Gärtnermeister David Brogle lauscht, wird klar, weshalb die Adelige genau diesen Ort ausgesucht hat.

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