Verkehr drängt sich durch die Strassen von Yazd, einer kleinen Stadt am Rand der iranischen Wüste. In der Konditorei haben wir Mandelgebäck gekauft – angeblich ist es das beste im ganzen Land. Wir setzen uns auf das Mäuerchen neben einem grossen Springbrunnen und beobachten das Geschehen. Die Sonne ist eben untergegangen, über uns zieht der Sternenhimmel auf. Vor dem Goldmarkt spazieren Pärchen Hand in Hand.

In dieser Gegend sieht man viele Frauen im Tschador, dem körperlangen Schleier, der die Frau darunter als Silhouette abzeichnet. Auf dem Basar gibt es Läden, die nichts anderes verkaufen als Stoffe mit unterschiedlichen, schwarzen Mustern. «50 Shades of Black», witzeln wir. Leise, natürlich.

Plötzlich stehen drei dieser Frauen in Schwarz vor uns. Eine Mutter mit ihren Töchtern. Ob sie ein wenig mit uns plaudern könnten, fragt die ältere Tochter. Ihr Englisch ist gut, sie hat es an einer Privatschule aufgebessert. Da ist er wieder, der Iran-Moment. Der scheinbare Widerspruch. Die Akademikerin, wie sich zeigt, beginnt uns zu löchern. Was wir von Iran denken. Wohin wir reisen. Ob wir verheiratet seien. Und ob es stimme, dass in Frankreich gerade die Kopftücher verboten würden. Eine Stunde lang reden wir über Religion, Gesellschaft und Politik. Zum Abschied ein gemeinsames Foto. Einzige Bedingung: Ein symbolischer Abstand, damit kein falsches Bild entsteht.

Wirklich überrascht sind wir nicht mehr von solchen Begegnungen, denn wir sind nun schon seit zehn Tagen im Iran unterwegs – zu zweit, ohne grossen Plan. Dass man schnell ins Gespräch mit Einheimischen kommt, zeigte sich schnell. Dass dabei das Geschlecht keine Rolle spielen muss, ebenfalls.

So viel zu den Vorurteilen.

Vor der Reise mussten wir uns erklären. Iran? Ist das nicht gefährlich? Im Nachbarland wütet der «Islamische Staat», und ihr geht zu den Ayatollahs? Und die Frauenrechte? Unsere Freunde (und ein wenig auch uns) haben wir beruhigt. Ja, es gibt die ungleiche Behandlung der Geschlechter. Und ja, am Ende entscheiden im Iran die Kleriker im Wächterrat. Aber der Iran gilt als sicher, und über den Umgang mit Touristen hatten wir nur Gutes gehört.

Auf dem Flug nach Teheran läuft dann per Zufall der Film «Argo». Er erzählt davon, wie amerikanische Spione nach der Revolution Landsleute aus dem Iran befreien. Ausgerechnet, denken wir. Und schauen etwas anderes.

bei der Einreise die erste Überraschung. Als es bei der Passkontrolle nicht vorwärtsgeht, werden die Einheimischen schnell laut. Sehr laut. Frauen wie Männer beginnen, auf die Beamten einzureden. Allzu viel Angst scheinen sie nicht vor der Staatsmacht zu haben. Unsere eigene Einreise? Ein kurzes «Hello», und schon war der Stempel im Pass.

Kurz darauf fahren wir mit dem Taxi durch Teheran, die Stadt, wie wir nur als Hintergrund von Korrespondenten in Fernsehberichten kannten. In der Stadt allein leben gleich viele Menschen wie in der ganzen Schweiz. Und zur Stosszeit befinden sich alle diese Leute gleichzeitig mit je einem Auto auf der Strasse. Zumindest gefühlt.

In Teheran prallen die Gegensätze des riesigen Landes aufeinander. Rund um den grossen Basar im Süden der Stadt herrscht orientalisches Chaos. Vor den Läden türmen sich Gewürze und Tee, Gemüse und Granatäpfel. Auf den Strassen drängen Motorräder, alte Autos und Handkarren aneinander vorbei. Die Menschen dort leben oft von wenigen Franken am Tag, denn die Wirtschaftssanktionen haben die Arbeitslosigkeit im Iran ansteigen lassen.

Im Norden Teherans dagegen trifft man zwischen den Porträts der Ayatollahs auf Max Mara und Hugo Boss, die jungen Leute trinken Latte macchiato «to go» und geben ihr Geld für Mode und Schönheitsoperationen aus. Die Oberschicht ist unermesslich reich, hat ihr Vermögen unter anderem mit Parallelimporten und Ölhandel gemacht. Die antiamerikanischen Graffiti des Staats wirken dort wie Folklore aus früheren Zeiten. Shops werben mit den neusten Handys von Apple, in den Restaurants wird Pepsi ausgeschenkt. Und die Studentinnen tragen – wie überall im Land – mit Vorliebe bunte Nike-Sneakers. Farblich abgestimmt aufs Kopftuch.

Das Kopftuch. Nichts symbolisiert so sehr die Islamische Republik. Jede Frau muss ihr Haupt bedecken, auch Touristinnen. Wie, das ist eine andere Frage. Offiziell reicht schon ein leichtes Foulard, und so wird das Tragen des Tuchs zu einem politischen Statement. Auf dem Facebook-Blog «My Stealthy Freedom» posieren Iranerinnen demonstrativ mit freien Haaren. Im Alltag sind solche Provokationen riskant, denn die Polizei überwacht die «Sittlichkeit». Rutscht das Kopftuch zu weit nach hinten, droht eine Busse.

Auch die zwei Ingenieurinnen, die wir in Teheran in einem Café kennen lernen, reizen die Grenzen modisch aus. Wie viele haben sie ihre Haare zu einem Dutt gebunden, was es ihnen erlaubt, das Kopftuch weit hinten, aber dennoch stabil auf dem Kopf zu tragen. Bedeckte Haare? Höchstens symbolisch.

Die beiden geben uns Tipps für die Reise. Wir sollen in den Süden fahren, am besten mit dem Bus. Zum Abschied tauschen wir unsere E-Mail-Adressen aus – und die Kontaktdaten von Facebook. Eine weitere Überraschung. Selber kommen wir im Iran nicht auf die Seite. Statt dem Zugang erscheint auf den Handys der Zensurhinweis der Regierung. Die Iraner aber benutzen Proxyserver, mit denen sie locker alle Sperren umgehen.

Der internationale Tourismus hat stark angezogen, seitdem der als moderater geltende Hassan Rohani 2013 den polternden Mahmud Ahmadinedschad als Staatspräsident abgelöst hat. Die meisten Reisenden sind in Gruppen unterwegs, organisiert von spezialisierten Agenturen. Doch auch individuell kann das Land bereist werden. Dank Lonely Planet und GPS findet man sich überall zurecht. Wir staunen, wie exakt die Karten unserer Handys selbst Gassen im Basar oder Wüstenpfade abbilden. Auch Hotels gibt es zur Genüge. In Teheran wegen der Geschäftsreisenden, im Rest des Landes auch wegen der einheimischen Touristen. Iraner reisen gern.

Zu sehen gibt es vieles. Überall im Land zeugen Paläste und Parks von der Geschichte Irans. Der grosse Platz von Isfahan – vor 400 Jahren erbaut und seither kaum verändert – ist atemberaubend und für Reisende ein Muss. Arkaden säumen den 560 mal 160 Meter grossen Platz, auf dem den ganzen Tag gepicknickt wird (über die iranische Sitte, immer und überall Teppiche, Töpfe und Wasserpfeifen auszupacken, könnte man einen eigenen Bericht verfassen).

In Kaschan übernachtet man in historischen Herrschaftsvillen. In Schiras, im Süden, locken paradiesische Gärten und Pärke sowie das nahe gelegene Persepolis. Dort erinnern hohe Säulen und imposante Reliefs an das antike Perserreich unter den Achämeniden, das einst vom Mittelmeer bis nach Indien reichte.

Fixpunkte jedes Halts sind die Moscheen mit wandfüllenden, filigranen Verzierungen und Kalligrafien. Der Besuch ist meist problemlos. Touristen sind willkommen, lediglich zu Gebetszeiten ist etwas Zurückhaltung angesagt. Anders als die Sunniten mit ihren fünf Gebeten pro Tag, werden schiitische Muslime nur drei Mal zur Moschee gerufen. Wirklich oft hören wir den Muezzin auf unserer Reise nicht.

Was findet man im Iran? Nebst faszinierender Architektur, weiten Wüstenlandschaften und quirligen Basaren vor allem eine Kultur zwischen Orient und Abendland, zwischen Moderne und Tradition. Und Gastfreundschaft. Stets werden wir angesprochen, ohne dass uns jemand etwas verkaufen will. Finden wir nicht weiter, ist rasch Hilfe zur Stelle.

Einmal landen wird mitten in einer Familienfeier. Der Inhaber unseres Hotels hat seine Verwandten eingeladen, und weil er nicht doppelt kochen will, essen die Gäste seiner Pension mit. Und so sitzen wir vor dampfenden Schüsseln mit Poulet und Bergen von Reis mit Safran. Da fällt dann auch das eine oder andere Kopftuch. Sieht ja niemand.

Nur eines findet man im Iran nicht: Alkohol. Zwar werde an den wilden Partys in Teheran genauso getrunken wie in Europa, versichert uns ein Student. Doch die Beschaffung läuft über den Schwarzmarkt, und da müsse man sich gut kennen. Wegen der Qualität der Ware. Und wegen der Polizei. Wir verzichten dankend und trinken uns durch die Palette an alkoholfreien Bier-Mischgetränken und frischen Säften. Der Renner jeder Saftbude ist übrigens Karotte.

Nach drei Wochen Abstinenz nähern wir uns langsam der Heimreise. Auf der Fahrt zum Flughafen Imam Khomeini kurz der Gedanke an den Film «Argo». Wie oft wurden die Amerikaner aufgehalten, bis sie mit dem Jumbo der Swissair abhoben und in Sicherheit waren? Die Realität sieht anders aus. Keine 20 Minuten dauern Check-in, Gepäck- und Passkontrolle. So schnell wie im Iran sind wir noch nirgends ausgereist. Und im Gegensatz zu den Film-Amis würden wir jederzeit wiederkommen.





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