Von Jano Felice Pajarola

Das Postauto hält in Turrahus, Endstation, nach einer Stunde Fahrt durch dieses lange Tal im Nordwesten des Naturparks Beverin. Nicht, dass es hier wirklich zu Ende wäre, gut sechs Kilometer sind es noch bis zum Passübergang nach Splügen. Aber nicht in Richtung Rheinwald wollen wir an diesem Augusttag, oder nur ein Stück weit, am Ausgleichsbecken Wanna vorbei bis nach Enthälb. Dort, bei einem Stall am Strässchen nach Z’hinderst, auf 1740 Metern über Meer, nimmt er seinen Anfang: der kürzlich eröffnete Safier Sagenweg. Vor uns steht eine vierstündige Wanderung talauswärts nach Safien Platz, im Gepäck das Büchlein «Vo wiltä Mannli und starchä Lüt», erworben im Berggasthaus in Turrahus, und das Smartphone, voll aufgeladen. Das Smartphone?

Der Sagenweg setzt auf moderne Technologie. Im Gelände sind seine zehn Stationen mit illustrierten Tafeln gekennzeichnet, und wer sich daheim auf die Tour vorbereitet, lädt mit Vorteil die Naturpark-Beverin-App auf sein Mobilgerät, sucht sich dort den Sagenweg aus und speichert ihn gleich auf dem Telefon, das spart unterwegs Zeit und Akkuleistung. Der Clou dabei: Man hat nicht nur eine interaktive Karte mit der Route im Gepäck, sondern auch ein Hörbuch – Einheimische erzählen einem die für den Weg ausgewählten Sagen in Walserdeutsch. Die hört man sich am besten bei jeder Station an, und das tönt dann so: «D Ggamòòner heigä schi scho früar gchrüamt, schii heiä diä schöönscht Alpä. Duä hei dr Tüüfel gseit, dennä well ärs scho machä, dennä well är dr Hochmuat scho usstriibä.» Natürlich kann man sie dank dem Büchlein auch selber lesen oder vorlesen. Keine Sorge, es gibt immer auch eine hochdeutsche Fassung.

Hinauf zu den Camaner Hütten also, oder eben «Ggamòòner Hütta», mit 1960 Metern über Meer der höchste Punkt unserer Wanderung. Die Route folgt – immer wieder mit abkürzenden Abzweigungen zur nächsten Postauto-Haltestelle – dem Walserweg Safiental, durchgehend signalisiert mit der Nummer 735, zuerst zurück nach Turrahus, wo sich ein Besuch der Ausstellung zum Projekt «Safier Ställe» lohnt, dann der mäandernden Rabiusa entlang Richtung Thalkirch. Wer mit Kindern unterwegs ist, und dafür eignet sich der Sagenweg besonders, wird schon hier in Versuchung geraten, einen Halt am Wasser einzulegen, das Flüsschen verlockt zum Staunen und Stauen. Flankiert von traditionellen Safier Holzzäunen, geht es dann dem Kirchlein zu, wo der Talweg zum Bergweg wird. Immer wieder gibt es eine Sage zu hören, auch im verwunschen anmutenden Wald vor den Bächer Hütten. «Duä hed dr Tüüfel än tonderlichi, jòò äbä än tüüfalichi Ledi Steinä zämmä tòò und ischt mit dennä uber dä Gròòt ussä.» Denn er will ja «d Ggamòòner Alpä verderpä».

Camana, «Ggamòòna»: Das kommt von Romanisch «camona», Hütte – immer wieder stösst man im Safiental auf Flurnamen romanischen Ursprungs, sie zeugen von der Zeit vor der Besiedlung durch die Walser um 1300. Die Romanen aus der Surselva nutzten vor allem die Safier Alpen, wie Lokalhistoriker Mattli Hunger weiss. Er kennt notabene auch die Safier Sagen bestens, und seine Stimme ist – neben anderen – in der App zu hören. Die ausgewählten Geschichten würden viel vom Wesen und der Lebensweise der Walser in Safien und dem harten Bergbauern-Alltag widerspiegeln, schreibt er im Sagenbüchlein. Und er streicht eine Besonderheit der Safier Sagen hervor: Oft haben sie etwas Schalkhaftes, Humorvolles, Schadenfreudiges – zum Beispiel, wenn der Teufel mit seinen Absichten nicht zum Ziel kommt. Natürlich passiert ihm auch auf der «Ggamòòner Alpä» ein Missgeschick. Was genau, sei nicht verraten, aber wer über die sanften Alpweiden zu den wie Perlen aufgereihten Camaner Hütten wandert, die von einer Zeit zeugen, als jeder Safier Bauer als Einzelsenn in seiner «Hütta» käste, wird bald einmal merken: Das mit dem «verderpä», das hat nicht geklappt.

Hinunter jetzt nach Safien Platz, in Camanaboda lockt noch das Heimatmuseum, dann gilt es eine Asphaltstrecke zu überstehen, bevor einen schliesslich der letzte waldige Abschnitt die Härte der Strasse wieder vergessen lässt. In der «Spensa» unten in Platz noch einen Safier Alpenblumentee gekauft, um sich daheim an die Camaner Hütten zu erinnern, und dann fährt schon das Postauto ein. Eine knappe Stunde bis nach Versam, und allemal genug Zeit, um sich alle Sagen nochmals anzuhören, «vo wiltä Mannli und starchä Lüt».

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