Von Nadja Rohner

Bei Kilometer 58 passiert es. Ich kann ihr nicht mehr ausweichen. Die Gottesanbeterin sonnte sich gemütlich auf dem warmen Asphalt, wie schon ihre vielen Kolleginnen, denen ich in den letzten Stunden begegnet war. Dieses Exemplar sah ich zu spät, abgelenkt von der unglaublich schönen Hochplateau-Landschaft des Luberon oder vom Navigationsgerät an meinem Lenker. Seis drum. Ich radle weiter und bete, dass das Überfahren einer Gottesanbeterin kein Unglück bringt. Einen Platten vielleicht, einen Kettenriss, oder gar einen Sturz? Wäre blöd, so mutterseelenallein in den Hügeln der Provence. Aber: Für solche Fälle habe ich einen Joker im Ärmel.

Mein Joker heisst Stefan Lanz und ist nur einen Telefonanruf entfernt. Der ehemalige Marketing-Leiter hat sich Anfang Jahr gemeinsam mit seiner Frau selbstständig gemacht. Nun organisiert seine Firma «Velowelten» Luxus-Veloreisen ins Burgund, Elsass, Périgord und in die Provence. «Mit unseren Reisen wollen wir Radfahren, Natur, Kultur, Essen und Trinken vereinen», sagt Lanz. Besonders die Kulinarik ist ihm wichtig: Auf jeder Reise speisen seine Gäste in mehreren Restaurants mit Michelin-Stern-Auszeichnung. Auch die Unterkünfte sind entsprechend gehoben. Weil Lanz das Gepäck der Reiseteilnehmer von Etappenort zu Etappenort transportiert und seine Kunden intensiv betreut – inklusive Pannenservice –, werden die Reisen in bestimmten Zeiträumen mit Gruppen von maximal acht Personen durchgeführt. Es handelt sich aber keineswegs um klassische Gruppenreisen: Die Routen sind auf einem Navigationsgerät abgespeichert. Die Gäste können täglich aus einer Sport- und einer Genuss-Tour wählen und sie individuell abfahren, jeder in seinem Tempo. Lanz hat die Strecken bis ins Detail ausgetüftelt. Unvorhergesehene Hindernisse wie frisch gesplitteter Asphalt kommen vor, tun dem Fahrspass aber keinen Abbruch.

Ich reise mit dem TGV nach Avignon. Koffer und Velo hat Stefan Lanz am Vortag an meiner Haustür abgeholt und nach Frankreich transportiert. Wir sind zu viert: zwei Renn- und je eine Mountain- und E-Bike-Fahrerin mit zwischen ein paar Dutzend und ein paar hundert Trainingskilometern in den Beinen. Ideale Testvoraussetzungen für eine dreitägige Kurzversion der Provence-Tour.

Am ersten Morgen bringt Lanz uns die Velos, drückt jeder Fahrerin einen Energieriegel in die Hand und erklärt das Navigationsgerät. Kompliziert ist es nicht. Dennoch begleitet uns Lanz ein paar Kilometer aus der Stadt heraus. Der Verkehr, die Abzweigungen – wir sind froh, als Avignon hinter uns liegt. In L’Isle-sur-la-Sorgue trennt sich die Gruppe: Wir Rennvelofahrerinnen nehmen die Sportroute (65 km, 1200 Höhenmeter Anstieg), die anderen wählen die Geniesser-Tour (45/400). Die Strecke führt uns über sanfte Hügel und durch steile Schluchten gegen Süden, der heftig wehende Mistral arbeitet mal für, mal gegen uns. Kurz vor dem Ziel kommen wir bei der Abbaye de Sénanque vorbei. Dass dieses Kloster gerade eben von «National Geographic» als eine der Top-«Destinations of a Lifetime» bezeichnet wurde, wundert uns kein bisschen – auch wenn jetzt im Herbst die Lavendelfelder rund um das schlichte Gebäude im stillen Tal nicht blühen. Das Etappenziel Gordes, offiziell eines der schönsten Dörfer Frankreichs, ist im Sonnenuntergang schon beinahe kitschig.

Am Morgen erwarten mich zwei Überraschungen: Stefan Lanz hat mein Velo mit einem «Flicktäschli» aufgerüstet, für dessen Anschaffung ich bisher zu faul war. Schlauch, Pneuheber, alles da. Durchaus nützlich in einem Land, in dem die offiziellen Velowege von Scherben übersät sind. Allerdings weiss ich nicht, wie man einen Schlauch wechselt. Mein Geständnis quittiert Lanz mit Lachen. Gott sei dank habe ich für den Notfall seine Handynummer bei mir.

Als zweite Überraschung zeigt Lanz uns eine zusätzliche Routenmöglichkeit für die Tagesetappe – weil ich am Vorabend erwähnt hatte, die anstehende Sport-Tour sei mir zu heftig, die Geniesser-Route hingegen zu kurz. Nun hat Lanz über Nacht eine moderate Route in unsere Navis gespeichert. Perfekter Service. Ich mache mich allein auf den Weg. Die ersten zwanzig Kilometer durch kopfsteingepflasterte Dorfgassen und über verkehrsarme Landstrassen sind so schön, dass ich mich umentscheide und Stefan Lanz per SMS informiere, dass ich doch den Abzweiger auf die lange Sport-Route nehme. «Bon courage! Aber bitte ruf mich an, bevor du zusammenbrichst», schreibt er zurück. Der Besenwagen steht also bereit. Beruhigend, aber unnötig. Die Anstrengung hält sich in Grenzen, atemberaubend ist einzig die Landschaft: der Colorado de Rustrel mit Ockerfelsen, das Unesco-Biosphärenreservat des Luberon. In der Ferne lockt – leider vergeblich – der provenzalische Sehnsuchtsort der Gümmeler und Tour-de-France-Fans: der Mont Ventoux.

Die Schlussabfahrt durch die «Combe de Lourmarin»-Schlucht erinnert an den Albula. Ausserhalb von Lourmarin essen und übernachten wir auf dem Gast-Hof von Reine Sammut, eine der bekanntesten Köchinnen der Provence. Sie kocht fast ausschliesslich glutenfrei , ein Paradies für Allergiker. Allerdings: Leichte oder vegetarische Menüs haben die wenigsten Restaurants auf der Karte.

Am dritten Tag kommt der Joker doch noch zum Zug: Bei Kilometer 8 hat die Mitfahrerin einen Platten. Ein Anruf genügt, 30 Minuten später steht Stefan Lanz da – und nutzt die Gelegenheit, mir einen Schlauchwechsel-Kurs zu geben. «Ich freue mich über jeden Pannen-Einsatz», sagt er. «Da erkennen die Leute den Wert unserer Dienstleistung besonders.»

Anschliessend führt uns die Sport-Tour rund um den Luberon in die Universitätsstadt Aix-en-Provence. Ein Wermutstropfen: An der schönen Abbaye de Silvacane führt nur die Genuss-Route vorbei. Wir werden auf der langen Variante dafür erneut mit prächtigen Landschaften für den Kampf gegen die schweren Beine belohnt. Gerade als wir glauben, nun gehe es flach nach Aix, steht der letzte Hügel an. Die Farben des Herbstes – vor allem das intensive Rot im Weinlaub – lenken von der Anstrengung ab. Ein Glas Wein vom «Château la coste» am Wegrand hätte das allerdings auch getan.

Für Bluffer-Gipfel-Selfies eignen sich die Hügel der Provence nur bedingt, fehlt doch das Passschild als Sujet. Dennoch kommen sowohl Radsportler als auch Gelegenheitsvelofahrer auf ihre Kosten. Zwar kann man an einem Tag locker so viele Höhen- und Kilometer machen wie bei einer grossen Runde über den Furkapass, lange Anstiege sind aber selten. Die Reisen von «Velowelten» eignen sich dank der Routenvarianten auch für weniger sportliche Menschen – auf Wunsch organisiert Stefan Lanz das passende E-Bike.

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